Unterstützung für Frühchen und Eltern im Kampf ums Überleben


Steigende Zahl an Frühgeborenen

Deutschlandweit werden jährlich ca. 65.000 Kinder zu früh geboren. Demnach ist eines von zehn Neugeborenen ein Frühchen.

Dr. Wolfgang Lindner (Uniklinikum Ulm) bestätigt für seine Klinik eine steigende Zahl an Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500g:

- derzeit: knapp über 130/ Jahr

- Gründe: z.B. Stress, psychische Belastungen oder starke Ängste, u.a. durch Fluchterfahrungen

Weltfrühgeborenen-Tag

Er findet jedes Jahr am 17. November statt und macht weltweit auf die Belange von Frühgeborenen und ihren Familien aufmerksam. 





Wenn der Start ins Leben viel zu früh beginnt

In der 24. Schwangerschaftswoche mit 310g Gewicht geboren zu werden, das ein schwerer Start ohne Gepäck und Wegzehrung. 

Moderne Frühgeborenenmedizin und –pflege, wie am Diak Klinikum in Schwäbisch Hall, setzt alles daran, das Überleben der Kleinsten zu sichern und Folgeprobleme der frühen Geburt zu verringern. Damit verbessert sich die Lebensqualität der Kinder heute deutlich und Eltern können frühzeitig eingebunden und begleitet werden.

Den Tag von Mia-Sophies Geburt im vergangenen Jahr wird Mutter Sabine niemals vergessen. Von Anfang an war klar, das wird keine leichte Schwangerschaft. Sabine Linßer leidet unter hohem Blutdruck und wird deshalb von Anfang an engmaschig betreut und medikamentös eingestellt.

Zunächst wurde sie im Schwäbisch Haller Diak Klinikum stationär überwacht, Chefarzt Prof. Dr. Andreas Holzinger war jedoch schnell klar, dass sich hier kurz vor dem Erreichen der 24. Schwangerschaftswoche (SSW) eine viel zu frühe Geburt ankündigte. Aus diesem Grund wurde die werdende Mutter so schnell als möglich mit dem Rettungswagen ans Universitätsklinikum Ulm gebracht.

Am 07. Mai musste dann alles ganz schnell gehen, denn die Situation von Mutter und Kind war nun für beide lebensbedrohlich. "Im Moment der Entscheidung war ich alleine, Mia und ich hatten bis dahin gekämpft, jeder Tag zählte, ich konnte nicht darüber nachdenken, wie geht es für mich weiter? In diesen Minuten war mir tatsächlich egal, was mit mir passiert," meint Sabine Linßner heute und „ich wollte nur, dass mein Kind überlebt."

Um 11:43 Uhr holte man Mia-Sophie dann per Notkaiserschnitt auf die Welt. "Ich wusste nicht ob mein Kind lebt, ob ich einen Sohn oder eine Tochter geboren hatte und ich war so unendlich müde," darüber zu sprechen fällt der jungen Mutter sichtlich schwer. "Mein Mann war kaum im Klinikum und bei mir, da kam ein medizinisches Team mit einem Inkubator, beglückwünschte mich zu meiner Tochter und mit diesen Worten konnte ich endlich einschlafen."

Wenn sich die Schwangerschaft von heute auf morgen ändert, hat man als Eltern viele Sorgen 

Mia wog bei Ihrer Geburt 310 Gramm, eine Handvoll Leben am seidenen Faden. Auch für Dr. Wolfgang Lindner, kommissarischer Leiter der Sektion Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin am Uniklinikum in Ulm war Mia-Sophies Geburt keine gewöhnliche Situation: „In Ulm betreuen wir zwar knapp zehn Frühgeburten unter 500 Gramm im Jahr, das sind etwa fünf Mal so viele wie sonst durchschnittlich in deutschen Perinatalzentren versorgt werden. Diese Frühchen haben aber einen sehr langen Klinikaufenthalt, meist viele Monate, vor sich und die Eltern erleben eine lange Zeit der Ungewissheit. Allein die Blutentnahme bei einem sehr geringen Blutvolumen dieser Neugeborenen von ca. 25ml stellt uns vor gewisse Herausforderungen.“


Frühchen im Inkubator
310g Hoffnung © Familie Linßer


Für Eltern sind die Räume einer modernen Neonatologie zunächst mehr als befremdlich. Medizinische Geräte überall, gedämpftes Licht, Alarmsignale und andere Frühchen in Inkubatoren. Hier erinnert nichts an ein vielleicht schon liebevoll vorbereitetes Kinderzimmer zu Hause. Solche sogenannten Perinatalzentren, die in verschiedene Level kategorisiert werden, sichern heute die Behandlung und Betreuung der Neu- und Frühgeborenen auf höchstem Niveau.

Früh werden die Eltern heute in den Stationsablauf mit einbezogen

Geräusche und Monitore werden erklärt und plötzlich ist man zwischen Schläuchen, Monitor und Inkubator "zu Hause". In Kinderkliniken wie dem Diak, mit einem Perinatalzentrum Level 1, der höchsten Kategorie, können Eltern nach Möglichkeit auch direkt auf der Station bei Ihrem Kind übernachten. Das ermöglicht eine aktive Einbindung vom ersten Tag an.

"Das eigene Kind zu spüren ist überwältigend." Nach 30 Tagen konnten Mias Eltern sie zum ersten Mal auf den Arm nehmen. Ende Juni wurde Mia-Sophie dann in die Neonatologie nach Schwäbisch Hall verlegt. Mittlerweile wiegt sie 530 Gramm. Mit dem Umzug in die Schwäbisch Haller Klinik ist Mia näher an Ihrem Heimatort Murrhardt. Für Mias Eltern und Großeltern ist das eine große Erleichterung. Dennoch spürt Sabine Linßer jeden Tag die gleichen Sorgen und Ängste "Manchmal fällt man ganz tief, für mich blieb das Leben stehen." Ein ständiges Gefühl der Lähmung begleitet sie. An einen Tag im September erinnert sie sich ganz genau. "Mia ging es nicht gut, sie hatte eine Infektion. Als ich auf die Station kam, hatten sich die Ärzte gerade entschlossen Mia zu intubieren und ich dachte nur, mein Kind darf jetzt nicht sterben. Dieser Moment war für mich schlimmer als die Geburt."

Routine und Zusammenarbeit sind wichtig

„In der Frühgeborenenmedizin werden Prozesse eingeübt und sind routiniert, im Schwäbisch Haller Perinatalzentrum arbeiten wir Neonatologen eng mit der Frauenklinik und deren Experten für Risikogeburten zusammen. Entscheidend ist aber auch, gerade in einer aufkommenden Risikosituation, die hervorragende Zusammenarbeit von Pflege und Medizin,“ meint Diak Chefarzt Prof. Dr. Andreas Holzinger im Rückblick auf Mia-Sophies Infekt. Klinikseelsorgerin Christine Michael gehört ebenfalls zum Team der Kinderklinik und kennt solche Situationen sowie ihre Auswirkungen auf die betroffenen Eltern. In diesen Momenten übernimmt sie wichtige Aufgaben: zuhören, verstehen oder auch das Merken von Dingen, denn in Sorge und Angst kann man sich nur schwer konzentrieren.


Glückliche Mutter mit ihrem Frühchen
Ende des Jahres darf Mia-Sophie mit Mutter Sabine Linßner nach Hause © Ufuk Arslan


Zum Jahreswechsel 2020 können die Linßers, nach mehr als sieben Monaten, endlich zu dritt nach Hause gehen. Die Klinik hat einen Pflegedienst organisiert, der Mia auch zu Hause betreut und bei der Pflege unterstützt. Am Anfang ist das für die junge Familie noch sehr befremdlich, aber schon bald ist die Hilfe unverzichtbar "Als die Corona-Pandemie begann, wollte ich mit Mia nicht einkaufen oder unter Menschen, durch den ambulanten Pflegedienst war und bin ich wirklich sehr entlastet."

Regelmäßig kommen Mia-Sophie und ihr Eltern nun weiterhin ans Diak Klinikum in das Sozialpädiatrische Zentrum zur Betreuung und Vorsorge. Hier werfen Ärzte und Therapeuten einen Blick auf die Entwicklung der Kinder und können gegebenenfalls bei Verdacht auf eine Erkrankung oder Entwicklungsverzögerung schnell reagieren.

Jeder noch so kleine Fortschritt macht Mut, da sind sich beide Eltern sicher: „Auch, wenn Mia Entwicklungsverzögerungen zeigt, das Zusammensein mit unserem Kind stärkt uns jeden Tag. Sie ist ein Frechdachs, eine Kämpferin und ein kleines, großes Wunder."

Klinische Kooperationen helfen entscheidend

Holzinger und Lindner arbeiten beide eng in der ARGE Ulm zusammen, einer neonatologischen Arbeitsgemeinschaft, die bereits 1986 von Prof. Pohlandt in Ulm ins Leben gerufen wurde. Sie ist ein Zusammenschluss von Kinderkliniken in Ost-Württemberg/Oberschwaben (Schwäbisch Hall, Aalen, Heidenheim, Göppingen, Ravensburg und Friedrichshafen). Das Ziel ist die Optimierung der Betreuung von Risikoschwangeren und sehr unreifen Frühgeborenen in dieser Region mit ca. 16.000 Neugeborenen pro Jahr. Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm, die im Bereich der ARGE Ulm geboren werden, haben im nationalen und internationalen Vergleich hohe Überlebensraten. Weitere Informationen dazu findet man auf www.perinatalzentren.org. Die Vorteile für Eltern und Kinder bestehen darin, dass Schwangere mit einer sehr früh drohenden Geburt aus der Region in das Ulmer Perinatalzentrum verlegt werden. Hier wird versucht die Schwangerschaft möglichst zu verlängern. Die Versorgung des Kindes nach der Geburt erfolgt dann zunächst in Ulm, ein Transport des Frühgeborenen direkt nach der Geburt kann so praktisch immer vermieden werden. Wenn die Frühgeborenen einige Wochen alt und stabil sind kann man sie in die heimatnahen Kliniken der ARGE verlegen. Das passiert in der Regel in Begleitung durch eine Pflegekraft und einen Arzt zur Weitergabe aller notwendigen Informationen. 

Kontakt: Neonatologie und Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe am Diak Klinikum in Schwäbisch Hall

Auch Oskar aus Bad Windsheim wurde zu früh geboren. Lesen Sie hier seine Geschichte.

Prof. Dr. Andreas Holzinger
Chefarzt 
Klinik für Kinder und Jugendliche
Diak Klinikum Schwäbisch Hall

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