Predigt zu Offenbarung des Johannes 5, 6-14; Ostermontag, 5. April 2021, 9.30 Uhr; St. Laurentius, Neuendettelsau; Pfarrerin Karin Goetz

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde an den Übertragungsgeräten,

vieles in unserem Leben erscheint uns wie ein Buch mit sieben Siegeln. Diese Metapher – dieses Sprachbild – stammt aus unserem heutigen Predigttext.

Das ist für mich das „Wie ein Buch mit sieben Siegeln“: Mit diesem Bild drücken wir unser Unverständnis aus, damit sagen wir, dass etwas für uns nur schwer nachvollziehbar ist, dass wir da nicht so richtig durchblicken.

In unserem Leben gibt es viele Fragen, die uns quälen, weil wir keine richtige Antwort finden. Glaubensfragen gehören auch dazu: Warum kann man Gott so schlecht wahrnehmen, warum finden so viele Menschen keinen Zugang zum Glauben, warum müssen Menschen leiden, warum ist die Welt nach Jesus nicht eine ganz andere…?

Fakt ist: Wir erkennen nicht von allem den Sinn. Wir müssen auch Ungelöstes und Unklares aushalten. Manches bleibt für uns wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint auch der heutige Predigttext: Er steht im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes.

Bis vor kurzem war unser Predigttext dem Advent zugeordnet. Das machte Sinn. Denn im Predigttext wird enthüllt, was im Himmel geschehen muss, damit der zweite Advent angestoßen wird, nämlich die Wiederkunft Christi und die Zukunft der Welt.

Wir werden während dieser Predigt immer wieder eine Strophe aus einem Adventslied singen: aus dem Lied Nr. 7, O Heiland reiß die Himmel auf. Dieses Lied ist durchdrungen von dem Geist, aus dem heraus Johannes seine Offenbarung schreibt.

In diesem Jahr ist unser Predigttext erstmals dem Osterfest zugeordnet. Auch das macht Sinn. Denn im Predigttext tritt eine Gestalt auf, die wir von unseren Ostertischen kennen: das Lamm. Aus feinem Bisquit oder herzhaftem Rührteig. Und so mancher fragt sich: Was macht eigentlich das Lamm unter all den Osterhasen?

Was macht das Lamm? Diese Frage beantwortet unser heutiger Predigttext.

Zur Einstimmung singen wir die erste Strophe des Liedes

♫ Lied: EG 7,1 O Heiland, reiß die Himmel auf

Johannes befindet sich auf der Insel Patmos vor der Küste der heutigen Türkei. Die Insel diente den Römern als Verbannungsort für unerwünschte Personen. An einem Sonntag hört Johannes eine Stimme zu ihm sprechen.

Er wird aufgefordert, das aufzuschreiben, was er sieht und was ist und was danach geschehen wird. In der Folge hat Johannes eine ganze Reihe von Visionen.

In seiner ersten - und für das gesamte Buch zentralen - Vision sieht er, wie eine Tür im Himmel offensteht. Johannes darf also einen Blick in den Himmel werfen. Schauen wir mit Johannes in den Himmel:

Wir hören einen Ausschnitt aus dieser ersten großen Vision:

Ich lese aus dem Kapitel 5, die Verse 1 bis 14.

1 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. 2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. 4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. 5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. 6 Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. 7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. 8 Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, 9 und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen 10 und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. 11 Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; 12 die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. 13 Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! 14 Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

Herr, gib uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort. Amen.

Wir singen die Strophen 2 und 3:

♫ Lied: EG 7, 2-3 O Gott, ein Tau vom Himmel gieß

Einen Blick in den Himmel zu werfen – das haben Sie sich wahrscheinlich auch schon gewünscht: Als ein Mensch, den sie lieb hatten, leiden musste, als Ihnen das Leben und der Glaube wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien, als Sie müde und verzweifelt waren…

In solchen Lebenssituationen könnte ein Blick in den Himmel wirklich helfen.

Den Gemeinden, für die jener Blick des Johannes in den Himmel bestimmt war, ging es ebenso. Sie gaben in den ersten Jahren und Jahrzehnten buchstäblich alles, um Menschen für Christus zu gewinnen. Sie hielten die Anstrengungen und Gefahren der Missionsarbeit durch, weil sie jeden Moment damit rechneten, dass Christus zurückkommen und das Reich Gottes endgültig aufrichten würde.

Doch der zweite Advent – die Wiederkunft Christi – blieb aus. 

60 Jahre nach Christi Tod war in vielen Gemeinden schlicht die Luft raus. Nicht wenige hatten ihren Elan verloren, waren enttäuscht, müde, desillusioniert und geistlich im Burnout. Alle Nase lang zogen andere Prediger durch die Gemeinden und verunsicherten mit ihren Sonderlehren die Gemeinden. Und von außen wuchs der Druck durch die römischen Machthaber. Die Römer verlangten von den Christen die Teilnahme am Kaiserkult, und sie verfolgten alle, die sich weigerten, den römischen Kaiser als Gott zu verehren.

Für die Christen, die ganz und gar im Licht der Wiederkunft Jesu lebten, war die Frage, warum ihr Herr ausblieb, wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Waren Sie vielleicht doch einem Betrüger auf den Leim gegangen? Hatte Jesus sie im Stich gelassen? Welche Zukunft hatte diese Gemeinde eigentlich noch?

Die Christen damals waren ganz erfüllt von der Frage, die wir nun singen wollen.

♫ Lied: EG 7,4 Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt

Für diese verunsicherten Gemeinden darf Johannes nun einen Blick durch die geöffnete Tür in den Himmel werfen: Was er da sieht, erinnert auf den ersten Blick an die Selbstinszenierung, die der römische Kaiser von sich verbreitete. Der römische Kaiser ließ sich gerne abbilden, umgeben von einem Hofstaat, auf dem Thron sitzend und – als Zeichen für seine Macht und Weltherrschaft - eine Schriftrolle in der Hand.

Der himmlische Thronsaal und all die Wesen und Gestalten, die ihn bevölkern, sind derart außerordentlich ausgeschmückt und beschrieben, dass sofort klar ist, was diese Vision den bedrängten Christen vermitteln soll. Die Vision will sagen: Ungeachtet dessen, wie übermächtig euch der römische Kaiser auch erscheint - die wahre Macht hat Gott im Himmel.

Auf dem himmlischen Thron sitzt - in gleißendes Licht gehüllt, von Blitz und Donner umgeben - der einzige, dem dieser Platz zukommt, nämlich der Schöpfer des Himmels und der Erde.

In seiner rechten Hand hält er ein Buch. Seltsam beschrieben, innen und außen, ganz übersät mit Schriftzeichen, zudem geschnürt und siebenfach versiegelt. Alle Siegel sind noch heil.

Außen auf diesem Buch steht wahrscheinlich eine Kurzzusammenfassung des Inhalts, wie es auch bei heutigen Büchern üblich ist. Dort könnte zum Beispiel stehen: Die unbeantworteten Fragen der Menschen, das Schicksal der Welt, das Ende der Geschichte, die Zukunft der Christen, die Wiederkunft Christi und das Reich Gottes.

Johannes jedenfalls will keine Minute länger ohne dieses Buch leben müssen. Wenn dieses Buch nicht geöffnet werden kann, wird die Zukunft nicht beginnen und alles wird beim Alten bleiben. Und jetzt, wo das Buch endlich geöffnet werden soll, ist niemand dazu imstande, die Siegel zu brechen. Was für ein Drama! Es gibt Tränen im Thronsaal, weil niemand die Siegel öffnen kann. Niemand hat Zugang zu dem Wissen, das in der Buchrolle verborgen ist. Ein erster Schatten fällt auf die gewaltige Inszenierung. Ein erster Bruch. Leise Zweifel tauchen auf, wie es mit der Allmacht Gottes bestellt ist.

Wir singen die 5. Strophe:

♫ Lied: EG 7, 5 O klare Sonn, du schöner Stern

Wer kann die Siegel öffnen und das Rätsel lösen?Wer kann die Zukunft der Welt in Gang setzen?

Keiner im „Who is Who“, keiner in der Elite des himmlischen Thronrates kann es. Keiner der Engel, keiner der Erzväter Israels, keiner der Jünger, keiner der Evangelisten…Niemand, weder im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde, wirklich und wahrhaftig niemand kann dieses Buch aufschlagen und hineinsehen. Es bleibt verschlossen. Ein Buch mit sieben Siegeln.

Wer immer dieses Buch öffnen kann, muss weit größer sein als alle diese imposanten Gestalten. Wir warten also auf die mächtigste Person der ganzen Weltgeschichte, auf den, der alles wenden wird, auf den, der alles ändert und alles neu macht. Wir warten auf einen Übermenschen, einen Superhelden oder in biblischer Sprache gesprochen: Wir warten auf den Löwen aus dem Stamm Juda.

Und dann kommt der Knaller: Hinter dem Thronrat tritt eine Gestalt hervor, die vorher noch gar nicht im Blick war. Eine Gestalt, die ganz und gar nicht hineinzupassen scheint in die erlauchte Gesellschaft des Thronsaals. Statt eines mächtigen Löwen schält sich ein kleines Lamm aus der Menge hervor. Ein Lamm, mit einer Schnittwunde am Hals.

Bei einer Aufgabe, an der alle anderen scheitern, hat ein kleines, tödlich verwundetes Lamm Erfolg. Das ist paradox. Das Bild vom geschlachteten Lamm stammt aus der Passahtradition, aus der Geschichte vom Auszug aus Ägypten, aus der der gestrige Predigttext genommen war.

Als bei der zehnten Plage der Todesengel von Haus zu Haus geht, um die ältesten Söhne der Ägypter mit sich zu nehmen, werden die Häuser der Hebräer dadurch geschützt, dass sie das Blut eines geschlachteten Lammes an ihre Hauseingänge streichen.

Der Evangelist Johannes überträgt dieses Bild des Passahlammes auf Jesus, der am Passahfest von den Römern gekreuzigt wird. Johannes sagt: Jesus ist nicht nur das Brot des Lebens. Jesus ist nicht nur der wahre Weinstock. Jesus ist auch Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Jesus ist das wahre Passahlamm.

Wie das Passahlamm sein Leben lassen musste, um die Häuser und Familien der Hebräer zu schützen, so hat Jesus mit seinem Tod Menschen gerettet aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen.

Wo all die Mächtigen des Thronrats kläglich scheitern, da trägt ein kleines, tödlich verletztes Lamm den Sieg davon und ist in der Lage, die Siegel des Buches zu öffnen. Verkehrte Welt!

Das ist derselbe seltsame Widerspruch, der uns generell bei Jesus Christus begegnet: Tod und Leben, Schwäche und Macht, Kleinheit und Größe – beides ist in Jesus da und wirksam.

Der zweite Advent – die Wiederkunft Christi und die Zukunft der Welt - sie kommen genauso überraschend daher wie der erste Advent: Schon die weisen Sterndeuter aus dem Morgenland suchten den neuen König der Juden zunächst in den Palästen der Macht in Jerusalem. Gefunden haben sie ihn schließlich als kleinen, hilflosen Säugling in einer Futterkrippe in einem Stall in Bethlehem.

Auch in unserem Predigttext kommt es - wie so oft im Leben - ganz anders als man denkt. Der verheißene Löwe aus dem Stamm Juda ist in Wirklichkeit ein tödlich verwundetes Lamm. Wer hätte das gedacht?

Das Schwache, das Unscheinbare, das tödlich Verletzte, das Besiegte kann die Siegel des Buches lösen und trägt letztlich den Sieg davon. Den Sieg sogar über den letzten und größten Feind allen Lebens: Den Sieg über den Tod. Das ist es, was wir an Ostern feiern.

Mit allen unseren Ostersymbolen: mit dem Osterei, mit dem Osterhasen und mit dem Osterlamm. Das Lamm auf dem Ostertisch bleibt anspruchsvoll. Doch es lässt erahnen, dass die Auferstehung Jesu und sein Sieg über den Tod sogar bis in kosmische Dimensionen hinausreichen und all die Fragen beantworten werden, die uns erscheinen wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, wird unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.

Amen.

♫ Lied: EG 7, 6-7 Hier leiden wir die größte Not

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