Warum ist Arbeiten wichtig für Menschen mit Behinderung?

Teilhabe am Arbeitsleben ist ein Menschenrecht

Morgens in die Arbeit gehen, mit den Kollegen ratschen, über einer schwierigen Aufgabe grübeln, sich auf den Feierabend freuen – all diese Dinge sind für die meisten Menschen ein selbstverständlicher Teil ihres Arbeits-Alltags.
Für Menschen mit Behinderung ist eine regelmäßige Arbeit aus den gleichen Gründen wichtig wie für Menschen ohne Handicap: Sie spendet Orientierung und Halt, strukturiert den Tagesablauf, fördert die persönliche Weiterentwicklung und das Selbstbewusstsein.
Maria Mohr hat sich mit Barbara Günther über das Thema "Arbeiten für Menschen mit Behinderung" unterhalten. Barbara Günther ist bei Diakoneo Expertin für den Bereich Arbeit und Tagesstruktur für Menschen mit Behinderung.

(Grafik: Oleksandra Freydenzon)

Lesezeit ca. 7 Minuten 

Teilhabe ist ein Menschenrecht

Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist ein Menschenrecht, kein Akt der Fürsorge oder Gnade. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) stellt dies klar und konkretisiert damit grundlegende Menschenrechte für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen.
Die Konvention erfasst Lebensbereiche wie Barrierefreiheit, persönliche Mobilität, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Rehabilitation, Teilhabe am politischen Leben, Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung.
Grundlegend für die UN-BRK ist der Gedanke der Inklusion: Menschen mit Behinderung gehören von Anfang an mitten in die Gesellschaft.
 

Warum ist für Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Arbeitsleben wichtig?

Eine regelmäßige Arbeit ist für Menschen mit Behinderung wichtig, weil sie für alle Menschen wichtig ist. Eine regelmäßige Tagesstruktur schafft Orientierung und Sicherheit.  Barbara Günther betont. „Es geht darum, sich selbst als wirksam zu erleben. Das ist für jeden wichtig, der arbeitet.“



Es geht darum, sich selbst als wirksam zu erleben.

Durch die Arbeit erleben die Menschen noch einmal ein anderes Umfeld als im Wohnbereich und knüpfen weitere wichtige Sozialkontakte. Menschen mit Behinderung werden so besser in die Gesellschaft integriert. Das verbessert ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität.

Eine Arbeit kann dazu beitragen, dass Menschen mit Handicap eine sinnvolle Aufgabe haben und ihre Fähigkeiten und Talente einsetzen können. Durch eine Arbeit können Menschen mit Behinderung ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl stärken, was sich positiv auf das persönliche Leben und den Alltag auswirkt.

Was ist was?

WfbM: Werkstatt für Menschen mit Behinderung

Förderstätte: Eine Förderstätte ist eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung, die aufgrund ihrer Behinderung nicht oder noch nicht in der Lage sind, in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) zu arbeiten. Das Angebot der Förderstätten richtet sich vor allem an Menschen mit schweren geistigen oder mehrfachen Behinderungen.

Beschäftigte*r: Ein "Beschäftigter in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM)" ist eine Person mit einer Behinderung, die in einer solchen Einrichtung beschäftigt ist. Diese Person arbeitet in der Regel in einem speziell angepassten Arbeitsumfeld und unter besonderer Betreuung und Anleitung.

Mitarbeitender: Der Begriff "Mitarbeitender in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM)" umfasst alle Personen, die in einer solchen Einrichtung tätig sind und zur Umsetzung des Arbeitsauftrags beitragen. Dazu gehören beispielsweise Werkstattleiter, Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderung, Ausbilder sowie Mitarbeiter im Verwaltungsbereich.

Wie sieht der Weg nach der Förderschule aus?

Arbeiten für Menschen mit Behinderung Mailinggruppe
Johanna arbeitet in der Werkstatt Neuendettelsau. Sie ist im Bereich Mailing tätig und übernimmt unter anderem den wichtigen Versand von Wahlunterlagen.

Nach Abschluss einer Förderschule für Menschen mit geistiger Behinderung gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Eingangsverfahren im Berufsbildungsbereich in der Werkstatt: Im Berufsbildungsbereich einer WfbM wird zunächst geklärt, ob die Arbeit in einer Werkstatt in Frage kommt. Nach erfolgreicher Absolvierung des Berufsbildungsbereiches erfolgt der Wechsel in den Arbeitsbereich der Werkstatt
     
  • Start in der Förderstätte: In manchen Fälle steht am Ende der Förderschule die Entscheidung für den Wechsel in die Förderstätte.

Für wen ist die Werkstatt der geeignete Ort?

Wer ein „Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit“ leisten kann, der kann in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten.
Was dieses Mindestmaß genau umfasst, ist nicht definiert. Die genaue Definition ist seit Jahren umstritten und wird sehr unterschiedlich ausgelegt.

 

Definition "wirtschaftlich verwertbare Arbeit"

Unter "wirtschaftlich verwertbarer Arbeit" in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) versteht man eine Arbeit, die einen wirtschaftlichen Nutzen hat und am allgemeinen Arbeitsmarkt durchaus ausgeführt werden könnte. Das bedeutet, dass die von den Mitarbeitern in der WfbM geleistete Arbeit von einem Arbeitgeber auch außerhalb der WfbM angeboten und bezahlt werden könnte.

Barbara Günther erläutert: „Wenn jemand mit Handführung in der Lage ist, eine Schraube in eine Aufhängevorrichtung zu schieben, dann hat er ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit geleistet.“

Letzten Endes geht es nach Meinung der Expertin immer darum: „Mit welcher Unterstützung kann jemand welche Arbeit verrichten?“

Manche Beschäftigte könnten mit einer 1:1-Begleitung wirtschaftlich verwertbare Arbeit leisten. Das heißt ein Mitarbeiter ist für einen Beschäftigten da.

Personalschlüssel in einer WfbM

1:12: Das heißt ein Mitarbeitender kümmert sich um 12 Beschäftigte.

1:6: Das ist der Personalschlüssel im Berufsbildungsbereich einer WfbM

Für wen ist die Förderstätte der geeignete Ort?

Das kommt in erster Linie auf den einzelnen Menschen und auf das Maß der möglichen Unterstützung an. Einige Beschäftigte könnten mit dem richtigen Maß an Unterstützung oder einem noch spezieller auf sie zugeschnittenen Arbeitsumfeld in einer WfbM arbeiten.
Ohne diese Bedingungen ist die Förderstätte besser für sie geeignet.

Die Schwierigkeit besteht laut Barbara Günther oft darin, dass es auf Grund der personellen und finanziellen Verhältnisse oft überhaupt nicht möglich ist, herauszufinden, für wen der Wechsel in die WfbM möglich wäre.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch Menschen, für die auf Grund ihrer Behinderung eine WfbM nicht der richtige Ort wäre.

Arbeiten für Menschen mit Behinderung in einer WfbM
Mit dem richtigen Maß an Unterstützung findet sich für jeden beschäftigten ein geeigneter Arbeitsplatz.

Arbeiten auf einem Außenarbeitsplatz oder am ersten Arbeitsmarkt

Auch hier ist es bei Beschäftigten in einer WfbM ähnlich wie bei arbeitenden Menschen ohne Behinderung: Die Persönlichkeiten und damit die Vorlieben sind sehr unterschiedlich.

Während sich der eine Beschäftigte innerhalb der WfbM in seiner vertrauten Gruppe und im vertrauten Umfeld wohl fühlt, möchten seine Kollegin lieber außerhalb der Werkstatt arbeiten.

Wichtig sei es hier, den Menschen nichts vorzuschreiben, sagt Barbara Günther. „Wir können nicht vom Normalisierungsprinzip sprechen und dann den Menschen vorschreiben, wo sie zu arbeiten haben.“

Es ist ein Ziel der Werkstätten, dass ihre Beschäftigten auf einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt oder auf einen Außerarbeitsplatz kommen können. In den Werkstätten arbeiten Integrationsbegleiter*innen, die Kontakt zu Firmen herstellen und sich in der Werkstatt mit den Gruppenleiter*innen austauschen, um zu erfahren, wer für ein Praktikum oder einen Außenarbeitsplatz in Frage kommt.

Außerdem gibt es ein Schulungskonzept, das Beschäftigte auf die Arbeit auf einem Außenarbeitsplatz vorbereitet.

Im Mittelpunkt steht bei diesem Prozess immer der Wille des Beschäftigten. Nicht jeder möchte auf einem Außenarbeitsplatz arbeiten. Es gibt auch Beschäftigte, die lieber innerhalb der WfbM arbeiten möchten.

Wie findet man den geeigneten Arbeitsplatz für einen Beschäftigten?

Die Wahl des richtigen Arbeitsplatzes ist immer eine längere Entwicklung. Oft ändern sich Wünsche ja auch, dann muss der Einsatzort wieder angepasst werden. Es ist ein laufender Prozess.

Es ist auch eine Stärke der Werkstätten und der Förderstätten, dass sie die Beschäftigten individuell begleiten können.

Warum ist Arbeiten und Lernen für Menschen mit schweren Behinderungen wichtig?

Arbeiten für Menschen mit Behinderung in der Förderstätte
Für viele Menschen mit Behinderung sind die Förderstätten der ideale Ort, um ein zweites Lebensumfeld zu erleben.

Rein rechtlich ist es so, dass Menschen in der Förderstätte ein Recht haben auf Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft und nicht auf Teilhabe am Arbeitsleben.
Das Ziel der Förderstätten ist es aber durchaus, Menschen darauf vorzubereiten, den Übergang in die Werkstatt zu schaffen.
Barbara Günther betont:

Wir bieten Bildung und Arbeit.

Das ist wichtig und gehört zusammen: Bildung ist wichtig, um arbeiten zu können.

Die Förderstätten bieten Bildung und Arbeit auf einem Niveau an, dass an die Fähigkeiten der Menschen angepasst ist, die in den Förderstätten arbeiten. Ein Ziel ist, die Beschäftigten in den Förderstätten zu unterstützen, dass sie eine Möglichkeit haben, eventuell in die Werkstatt zu wechseln.

Für viele Menschen mit Behinderung sind die Förderstätten der ideale Ort, um ein zweites Lebensumfeld zu erleben.
Deshalb ist es den Expert*innen bei Diakoneo wichtig, das Thema Bildung und Arbeit mehr in die Förderstätte einzubringen. „Wir möchten den Menschen eine Chance der Entwicklung geben, die auch dokumentiert wird.“, betont Barbara Günther.
Denn es ist wichtig, die Weiterentwicklung der Menschen in der Förderstätte gut zu dokumentieren. So bekommen Angehörige und Betreuer*innen die Möglichkeit, die Entwicklung nachzuvollziehen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) in Bayern veröffentlichte 2019 ein neues Rahmenkonzept für die Teilhabeleistung „Bildung & Arbeit in Förderstätten“. Auch Diakoneo war an der Erstellung des Konzeptes beteiligt.

Ziel ist es, Ergänzungen zu bereits bestehenden und bewährten Konzepten der Förderstätten zu entwickeln und auf diese Weise das Lebenslange Lernen für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf zu fördern.
Wie die Rahmenkonzeption in der Förderstätte Obernzenn/ Rothenburg individuell umgesetzt wird, lesen Sie hier.

Die Rahmenkonzeption „Bildung und Arbeit in der Förderstätte“

Die Rahmenkonzeption für die Teilhabeleistung „Bildung und Arbeit in der Förderstätte“ wurde entwickelt von der Landesarbeitsgemeinschaft der WfbMs in Bayern. Barbara Günther ist Teil des Autorenteams.
Die Rahmenkonzeption

Arbeiten in einer Förderstätte
Eine Mitarbeiterin der Förderstätte Obernzenn/ Rothenburg unterstützt eine Beschäftigte bei der Anfertigung von Meisenknödeln.

Gibt es auch Menschen, für die eine Förderstätte nicht in Frage kommt?

Dieser Fall ist für Barbara Günther die absolute Ausnahme. Eine massive Selbst- und Fremdgefährdung könnte unter Umständen ein Grund sein. „Aber auch auf diese Fälle sind die Förderstätten eingestellt“, sagt die Expertin. Auch ein hoher Grad an Pflegebedürftigkeit ist kein Ausschlusskriterium.

Auch wenn Menschen nicht verbal kommunizieren, ist das kein Problem. Wir haben eher selten Menschen in der Förderstätte, die mit Worten kommunizieren.“ Viele verständigen sich über Sprechhilfen wie Talker oder sprechenden Tasten.

Diakoneo versucht jedem Menschen mit Behinderung einen Platz und eine Entwicklungsmöglichkeit in den Förderstätten anzubieten

Wo liegt die Zukunft der Werkstätten?

Der Bereich der industriellen Fertigung in den Werkstätten ist nach wie vor ein sicherer und gut planbarer Arbeitsbereich. Allerdings bringt die Abhängigkeit von kleinen und großen Firmen auch immer Risiken mit sich.
Einsätze auf dem Dienstleistungssektor wie zum Beispiel Grünpflege bieten hier Vorteile.

In Zukunft wird es bei der Gestaltung der Arbeitsplätze in den Werkstätten noch mehr darum gehen, das Wunsch- und Wahlrecht der Beschäftigten in den Mittelpunkt zu stellen und sehr individuell Arbeitsplätze anzubieten.

Noch vor 20 Jahren war der klassische Weg, dass ein Mensch mit Behinderung zunächst einen Wohnplatz hatte und dann eben in der nächstgelegenen Werkstatt arbeitete und dort nur die Arbeitsplätze zur Auswahl hatte, die es eben gab

Heute sind zum einen die Arbeitsangebote in den Werkstätten differenzierter. Und zum anderen haben die Wünsche der Beschäftigten mehr Gewicht. „Wenn ein Beschäftigte gerne im Verkauf arbeiten möchte, dann suchen wir ein Praktikum auf einem Außenarbeitsplatz“, sagt Barbara Günther.

Werkstätten und Förderstätten bei Diakoneo

Passgenaue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung bei Diakoneo:

Diakoneo-Expertin
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Von der Werkstatt auf den Außenarbeitsplatz

Andreas Arlt hat seinen Arbeitsplatz in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Laubenzedel gegen einen Arbeitsplatz bei der Firma Heinzmann-Autoteile Fachgroßhandel in Gunzenhausen getauscht. Nach einigen Monaten zeigt sich, dass durch Inklusion alle Beteilige Vorteile ziehen können.

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