Predigt zum Ostersonntag 2026
Predigt am Ostersonntag, 5. April 2026 in St. Laurentius zu 1. Korinther 55, 20-22; Pfarrer Dr. Peter Munzert
Der Herr ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden!
Liebe Gemeinde!
Die Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten ist etwas Wunderbares. Sie ist im doppelten Sinn wunderbar, weil sie ein Wunder ist und wir sie uns nicht erklären können, ja wir können uns nicht einmal vorstellen, wie diese Auferstehung konkret aussehen soll. Sie ist schlicht eine wundervolle Vorstellung, die unsere Naturgesetze übersteigt.
Aber sie ist vielleicht gerade auch deshalb einfach wunderbar, weil sie verspricht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Ich halte daran fest, weil ich es mir nicht vorstellen mag, dass sich ein Menschenleben nach dem Tod in ein Nichts auflöst. Es kann und es darf nicht sein, dass nichts bleibt, außer schönen und vielleicht auch schmerzhaften Erinnerungen.
Ich trage Bilder der Hoffnung in mir, Bilder des ewigen Lebens, wie es wohl sein mag nach dem Tod. Es sind Bilder eines liebenden und bergenden Gottes, wo jedes einzelne Menschenleben etwas Besonderes ist, wo jedes Leben zählt und keines verloren geht.
Ja, das sind wunderbare und wundervolle Bilder, die mich trösten und tragen.
Der Apostel Paulus hat eine gewisse Tendenz, die Dinge etwas nüchterner auszudrücken. In einer fast sachlichen Sprache beschreibt er die Auferstehung als einen eher normalen und formalen Vorgang. Das verleiht ihnen aber eine starke, beinahe amtliche Autorität:
Ich lese Verse aus dem 1. Korintherbrief aus dem 15. Kapitel:
(1.Korinther 15, 19–22 - Hoffnung für alle)
19 Der Glaube an Christus gibt uns nicht nur für dieses Leben Hoffnung, sondern auch für die Ewigkeit.
20 Jesus Christus ist als Erster von den Toten auferstanden. So können wir sicher sein, dass auch die übrigen Toten auferweckt werden. 21 Der Tod ist durch die Schuld eines einzigen Menschen in die Welt gekommen. Ebenso kommt auch durch einen Einzigen die Auferstehung. 22 Wir alle müssen sterben, weil wir Nachkommen von Adam sind. Ebenso werden wir alle zu neuem Leben auferweckt, weil wir mit Christus verbunden sind.
2. „… weil wir mir Christus verbunden sind.“ Das ist es, worauf ich anspringe, auf die Verbundenheit mit Christus. Es hat mich interessiert, was damit gemeint sein könnte: οἱ τοῦ Χριστοῦ, so heißt es im Griechischen
Das kann man auch so übersetzen: die Christus angehören, die zu ihm gehören, die in Christus sind, die Teil vom ihm sind…
Ich bleibe bei dem Wort „Verbundenheit mit Christus“. Das ist für mich ein wunderbares Bild. Mit Christus verbunden sein, heißt für mich, nahe an Gott dran zu sein, eine innere Verbindung zu spüren, ja den Glauben zu fühlen, aber auch etwas über den Glauben zu wissen, über Jesus Christus, von seinem Leben, seinen Ideen, seiner Lehre, sich auch an manchem zu reiben und zu mit Gott zu hadern, aber doch mit Jesus Christus verbunden zu sein.
Die Evangelien erzählen so viel von ihm und seinen ersten Jüngern, von Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, wie er sie zu sich ruft, und wie sie ihm nachfolgen, und später die anderen Jünger. Die zwölf Apostel waren ihm eng verbunden, ließen alles stehen und liegen und folgten ihm nach. Es war die erste Gemeinschaft um Jesus Christus herum.
Es war eine tiefe Verbundenheit entstanden, eine Begeisterung, ein inneres Gefühl, das viele Menschen angesteckt hat. Die Gemeinschaft der Jünger ist gewachsen, vielen anderen kamen hinzu, Männer, Frauen, Kinder, ganze Familien, Gemeinde wurden gegründet. Die Kirche Jesu Christi ist über die Jahrhunderte gewachsen, überall auf dieser Welt.
Es entstanden viele Gemeinschaften von Menschen, die mit Gott und untereinander verbunden sind. Um diese christliche Verbundenheit geht es. Sie ist stark, tief und tragfähig.
Ehepaare sind stark miteinander verbunden, oft über viele Jahrzehnte und erleben viele glückliche Jahre, Familien, Freundeskreise, Vereine, Nachbarinnen und Nachbarn, Menschen, die sich aufeinander verlassen, die einander vertrauen, die zueinander stehen.
Diese menschliche Verbundenheit ist unendlich wertvoll. Sie schenkt uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, des Miteinanders und der Verlässlichkeit. Viele uns von, die z.B. heute in der Kirche sind, sitzen immer auf ihrem gleichen Platz oder in der gleichen Ecke, wo sie sich wohlfühlen, und in den Reihen davor und dahinter sitzen auch häufig dieselben Personen, wie schon auch letzten Sonntag. Das ist etwas Schönes, Vertrautes. Wir freuen uns, wenn wir einander hier begegnen. Wir grüßen einander, geben einander die Hand oder wechseln ein paar Worte oder einen Blickkontakt. Das schenkt Verbundenheit.
Und Jesus Christus ist auch immer am gleichen Platz. Das Kreuz steht fest und verlässlich hier in der Kirche. Er sieht uns an und wir können in sein Angesicht sehen.
Wir sind, bildlich gesprochen, im Blickkontakt mit ihm verbunden.
In der orthodoxen Theologie sind die Ikonen, die heiligen Bilder, ein Abbild der himmlischen Ewigkeit und symbolisieren so Christi Herrlichkeit in dieser Welt. Wer in die Ikonen hineinblickt, tief und achtsam hineinblickt, sieht Christus an, der darin verborgen ist. Insbesondere die Versenkung in die Augen Christi, ist ein geistiges Schauen Gottes, gepaart mit dem verehrenden Kuss der Ikone, ist dies ein Moment inniger Verbundenheit mit Gott.
Für uns evangelische Christinnen und Christen sind das Lesen in der Bibel, das Wort Gottes, das Gebet und die Predigt, das Singen der Lieder, der Klang der Posaunen und der Orgel und das gemeinsame Feiern von Taufe und Abendmahl Orte, wo wie diese Verbundenheit mit Gott spüren und miteinander teilen.
Kurz, es ist unser Glaube, der uns die Verbundenheit mit Gott schenkt, wo wir Kirche sind und Jesus Christus in unserer Mitte ist.
3. Ostern geht jetzt noch einen Schritt weiter. Unsere Verbundenheit mit Gott gilt auch im und über den Tod hinaus.
Heute Morgen waren wir schon um die 7 Uhr auf unserem Diakoneo-Friedhof zur Auferstehungsfeier.
Es ist für mich einer der schönsten Momente im ganzen Kirchenjahr. Wir stehen dort inmitten der Gräber und frieren meist recht ordentlich. Wir hören biblische Worte der Auferstehung und des ewigen Lebens. Und wenn der Posaunenchor anhebt und bläst „Christ ist erstanden von der Marter alle“, dann spüren wir alle, dies ist ein besonderer Moment. Die Klänge des Posaunenchores hallen nach den stillen Kartagen über den ganzen Friedhof und erreichen auch unsere verstorbenen Schwestern und Brüder, die dort begraben liegen. Das mag jetzt vielleicht ein wenig pathetisch klingen, aber ich meine das auch so.
Wir sind auch mit ihnen verbunden - verbunden, mit unseren Schwestern und Brüdern, die uns im Glauben vorangegangen sind, mit unseren Eltern, Partnerinnen und Partnern, vielleicht auch den Kindern und den vielen Sternenkindern, die dort ruhen, mit den Freundinnen, Nachbarn und Kollegen. Wir sind an diesem Ostermorgen mit ihnen verbunden, in der Auferstehungsfeier, im Wort und Klang der Posaunen und vor allem im Herzen und in der Hoffnung.
Wenn dann die Sonne über uns aufgeht, die ersten warmen und hellen Strahlen die Gräber in das sanfte Licht der Morgensonne tauchen, und wir miteinander bekennen: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden“, dann wissen wir uns mit Jesus Christus fest verbunden.
Er ist mitten unter uns. Er ist bei uns. Er ist da.
Er schenkt Leben jetzt und in Ewigkeit.
Amen.