Fastenpredigtreihe 2026 "Vom Dunkel ins Licht"
"Neues Leben kommt ans Licht"
Predigttext: Psalm 139, 13-16; Predigerin: Dr. Gabriel Pees (Fachärztin für Frauenheilkunde und Gynäkologie Heilsbronn), Rahmen: Diakonin Annette Deyerl
Sonntag Judika 22.03.2026
In unserem heutigen Predigttext erzählt der Psalmautor David von seinen eigenen Lebenserfahrungen. Er kann zufrieden zurückblicken auf sein Leben. Ein Leben, dass ein ganzes Erfahrungsspektrum beinhaltet: Die Freude und die Trauer, den Erfolg und den Misserfolg, die Freiheit der Kunst in der Musik und im Gesang als Psalmautor, aber auch die Macht und den Kampf eines Königs um sein Leben und die Leben seiner Untertanen. Der auch die uns anfechtenden Zeiten, die dunklen Seiten des Lebens kennengelernt hat, die uns selbst auch immer wieder und gerade jetzt in der Passionszeit begegnen.
Ein Mensch, der durch die Vielzahl seiner Lebensjahre sich selbst gut kennt: die eigenen Gaben und Grenzen. Und er spannt in diesem Psalm den Bogen des eigenen Entstehens bis hin ins hohe Alter. Sein Resümee ist: Gott war und ist mit dabei, dessen bin ich mir sicher.
In diesem Kreis des Lebens stehen auch wir hier in unseren ganz unterschiedlichen Lebensphasen und -situationen. Und so werden wir heute erst einmal den Blick dahin wenden, wo menschliches Leben entsteht. Dieses Werden von Leben, das unseren Augen erst einmal verborgen bleibt und doch so wunderbar und faszinierend ist. Neues Leben, das in der Dunkelheit des weiblichen Körpers seinen Anfang nimmt.
Dazu hat uns Frau Dr. Pees ihre Gedanken mitgebracht. Schön, dass Sie da sind:
NEUES LEBEN KOMMT ANS LICHT
Fastenpredigt einer Frauenärztin
Liebe Gemeinde,
wenn ich heute zu Ihnen spreche, dann tue ich das aus einer doppelten Perspektive: als Christin und als Frauenärztin. In meinem beruflichen Alltag begegne ich dem Wunder des Lebens beinahe täglich. Es ist ein Geschenk, sehen zu dürfen, wie neues Leben entsteht, wächst, sich entfaltet. Es ist ein Geschenk, die Frauen und werdenden Familien dabei begleiten zu dürfen.
Eine Schwangerschaft bleibt oft lange im Verborgenen - lange bevor es jemand anders bemerkt. Viele anwesende Mütter werden mir zustimmen: wir Frauen spüren es schon lange vor allen anderen. Die körperlichen Veränderungen, aber auch die psychischen mit allen Freuden, Ungewissheiten und Ängsten. Und doch kommt irgendwann dieser Moment, in dem es ans Licht tritt. Sichtbar wird. Greifbar. Wirklich.
Gerade in der Fastenzeit begleitet uns die Sehnsucht nach Erneuerung. Wir schauen hin auf das, was dunkel, schwer oder verwundet ist – und wir hoffen, dass Gott etwas Neues daraus wachsen lässt. Und so möchte ich heute mit Ihnen darüber sprechen, wie neues Leben ans Licht kommt – biologisch, menschlich und geistlich.
DAS VERBORGENE WACHSTUM
In der Medizin erleben wir: Das meiste Wachstum geschieht im Verborgenen. Ich hätte gerne Bilder mitgebracht, weil es so unglaublich ist, was da geschieht: aus einer Eizelle, 100 µm groß, und einem Spermium, nur 60 µm, entsteht neues Leben. Biochemisch durchdingt das Spermium die Zona pellucida, einer Schutzhülle um das Ei, regt weitere biochemische Prozesse an. Schließlich kommt es zu einer Mischung der Chromosomensätze durch Zellteilung. Durch viele Zellteilungen entstehen erste „Zellhaufen“, ehe schließlich ein Embryo entsteht. In den ersten Wochen wächst das Leben in seinem eigenen Rhythmus. Kein Mensch kann ihn beschleunigen und auch nur wenig beeinflussen.
Ein Embryo misst am Anfang weniger als ein Stecknadelkopf. Zu klein, um ihn überhaupt sichtbar zu machen – auch nicht mit unseren Ultraschallgeräten. Hier spüre ich im Alltag oft die erste Ungeduld und Freude, wenn man sofort sehen möchte, was passiert. Aber wir müssen uns gedulden. Erst später zeigt sich das winzige Wesen. Unbeschreiblich ist das Gefühl, das erste Mal den Herzschlag sehen zu können. An diesen Moment erinnern sich viele Mütter ein Leben lang.
Erst ab der Hälfte der Schwangerschaft, so mit etwa 20 Wochen, können die Frauen das Baby spüren. Vorher müssen Sie darauf vertrauen, dass alles in Ordnung ist.
Auch in unserem Glauben ist es so. Die Verwandlung, nach der wir uns sehnen, ist selten spektakulär. Sie beginnt im Verborgenen und wir müssen darauf vertrauen, dass wir geleitet werden. Vertrauen, dass Gott es schon richtet.
Wir gehen zurück in die 20. SSW. Hier sind auch die Organe schon entwickelt. Mein Job ist nun, ganz rational zu prüfen, ob alles richtig angelegt wurde. Ganz nüchtern betrachtet: Schlägt das Herz? Sehen Kopf, Gesicht, Gehirn gesund aus? Hat es zwei Beine, 2 Arme, eine Blase? Bewegt es sich? Ist es normal groß?
Das kling banal, aber das ist es nicht: Es sind oft kleine, scheinbar unscheinbare Bewegungen und Veränderungen, die den Unterschied machen:
DIE ZEIT DER SCHWÄCHE
Wenn neues Leben wächst, ist es verletzlich. Jede Schwangerschaft ist geprägt von Momenten der Unsicherheit, der Sorge, der Ohnmacht. Doch gerade darin zeigt sich etwas Wesentliches:
Leben braucht Schutz.
Es braucht Fürsorge.
Es braucht Geduld.
Auch unser Glaubensleben hat diese verletzlichen Phasen. Zeiten, in denen wir schwach sind, erschöpft, ratlos. Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, dass nichts vorangeht. Aber vielleicht sieht Gott uns dann so an, wie ich manchmal in die Augen einer werdenden Mutter schaue und sage:
„Es ist alles im Werden. Vertrauen Sie.“
DER MOMENT DES LICHTS
Und viel später kommt der Augenblick, den ich nie als Routine erlebt habe, als ich noch in der Klinik tätig war: das erste Licht. Der Moment, in dem ein Kind geboren wird, ist ein Übergang von Dunkel zu Helligkeit, von Schutz zu Freiheit, von Lautlosigkeit zu Stimme. Und jedes Mal spüre ich: Hier geschieht etwas ganz Besonderes.
DAS LICHT IN UNSERER FASTENZEIT
Die Fastenzeit ist kein moralisches Projekt. Sie ist ein Raum, in dem Gott in uns wirken darf. Ein Raum für inneres Wachstum. Ein Raum, in dem wir die Dunkelheit nicht verdrängen, sondern sie Gott hinhalten – im Vertrauen, dass neues Leben entsteht.
Und so lässt sie uns innehalten und spüren, dass Leben etwas Besonderes ist. Leider ist es auch mein Alltag, Frauen und Familien zu begleiten, wenn mit schwanger werden, schwanger sein und Kind entbinden nicht alles in Ordnung ist.
Es kling alles so selbstverständlich. Aber das ist es nicht. Es gibt viele Familien, die wünschen sich sehnlichst ein Kind. Und können keines bekommen. Oder sie sehen was heranreifen, was aber dann im Verborgenen wieder abstirbt.
Genauso ist es auch mein Alltag, Familien mit kranken oder verstorbenen Kindern, sogenannten Sternenkindern, zu begleiten.
Die frühzeitige, teilweise auch invasive Diagnostik, stellt uns vor Herausforderungen: wir betreuen Familien, die im schlimmsten Fall eine Entscheidung für oder gegen das Leben treffen müssen. Manchmal muss man in der Zeit der Vorfreude auf das Kind schon Therapieoptionen für das Kind planen und hofft, dass alles gut gehen wird.
Das lastet für alle Beteiligten schwer.
SCHLUSS
Als Ärztin darf ich das Wunder des Lebens mit den Augen der Naturwissenschaft sehen. Als Christin darf ich es mit den Augen des Glaubens betrachten. Und beide Perspektiven führen mich zu demselben Staunen:
Leben ist ein Geschenk.
Licht ist ein Geschenk.
Und Gott selbst ist der, der das Verborgene ins Offene führt.
Amen.
Vielen Dank für Ihre Gedanken!
Sie beschreiben dieses Spannungsfeld, in dem die werdenden Eltern stehen. Eine besondere Zeit der Wunder, aber auch eine besondere Zeit der Wachsamkeit um dieses neue Leben in dem Wissen um Schwachstellen oder Nichtgelingen. Wenn wir auf Psalm 139 in verschiedenen Bibelübersetzungen blicken werden für das Geschehen verschiedenen Begriffe genutzt: kunstvoll, wundervoll, wunderbar, heißt es da. Und das trifft auch unser heutiges irdisches Erleben und das, was wir gerade gehört haben. Da steht nicht „perfekt“ und „vollkommen“ oder „makellos“. Nein, das ist nicht gemeint. Ans Licht und in den menschlichen Blick tritt neues Leben, aber es ist menschliches Leben, eben nicht vollkommen. Sowohl körperlich, als auch psychisch, als auch seelisch gibt es vielleicht Schwachstellen, Lücken oder im schlimmsten Fall ein Kind, das nicht oder nur kurz lebensfähig ist. Dann bleibt uns Menschen nur, uns mit unserer Unvollkommenheit auseinanderzusetzen. Das können durchaus Zeiten der Passion, dunkle Zeiten sein.
Werdende Eltern, wie mag es ihnen gehen?
Sie, Frau Dr. Pees, haben es gerade als schwere Last beschrieben.
Wie groß ist die Enttäuschung zu merken, unser Wunsch hat sich nicht so erfüllt wie erwartet?
Wie groß der Schreck, unser Kind ist nicht makellos?
Wie groß die Angst, wie wird die Zukunft werden?
Wie groß auch die Verantwortung für dieses neue Leben?
Wie groß die Frage, werde ich / werden wir dieser Aufgabe gewachsen sein?
So ist es auch mir und meinem Mann nach der Geburt unseres ersten Sohnes gegangen. Es gab einen Geburtsstillstand und er musste mit der Saugglocke geholt werden. Sein Kopf wurde dadurch deformiert und hatte offene Wunden. Auch bewegte er seinen linken Arm nicht. Es erfolgte die Verlegung in eine andere Klinik auf die Kinder-Intensiv-Station. Glücklicherweise wurde ich mit ihm dorthin verlegt. Das waren harte Tage voller Fragezeichen und Ängste.
In diesen Momenten und Zeiten des Lebens erscheint uns der Psalm 139 vielleicht nur als leere Hülle, als Worte ohne Bedeutung oder unglaubwürdig.
Doch eines hat uns damals geholfen, in dieser Situation wieder Kraft und Zuversicht zu finden. Die Liebe, die uns Gott für unser Kind schenkte. Diese Macht, die uns in diesem Kind das Wunderbare zeigt und zeigte. Sein zartes noch unfertiges Wesen, die klaren Augen, vielleicht ein leichter Flaum auf dem Kopf, die kleinen Zehen und Finger. Später das erste Lächeln, das kindliche Lachen, die Stimme, die uns einzigartig macht. Diese Liebe hilft uns nicht immer ganz über schwierige Situationen hinweg. Aber sie kann uns hindurch tragen durch schwere und leichte Herausforderungen und durch den Alltag.
Und genau da hinein spricht auch der Psalmautor in Psalm 139: Lebenswert und liebenswert ist dieses Leben. Er hat erkannt, dass er selbst trotz aller Höhen und Tiefen des Lebens bei Gott, von Gott geliebt ist. Dass die Zuwendung Gottes unsere menschlichen Maßstäbe und Erwartungen übersteigt. Dass ein glückliches erfülltes Leben von unseren persönlichen Vorstellungen und Kategorien abweichen kann. Und das solches Leben schützens- und unterstützenswert ist. Unser Sohn ist inzwischen gesund und munter.
Jetzt in der Fastenzeit ist Raum, um über solche Lebenszeiten nachzudenken und sich zu erinnern. Und gleichzeitig dürfen wir im Blick auf das baldige Ostergeschehen immer wieder laut aussprechen, wie Sie, Frau Dr. Pees, es gerade formuliert haben:
Leben ist ein Geschenk.
Licht ist ein Geschenk.
Und Gott selbst ist der, der das Verborgene ins Offene führt.