Fastenpredigtreihe 2026 "Vom Dunkel ins Licht"
"Geborgen im Verborgenen"
Predigttext: Jesaja 66, 10-16; Prof. Dr. Traugott Roser
Sonntag Lätare 15.03.2026
I Echter Trost im Kleinen
Erinnern Sie sich noch? Zu schnell gerannt, das Knie aufgeschlagen, Schmerzen und Tränen. Sie waren ein Häuflein Elend. Die Mutti oder der Papa, Onkel, Kindergartentante, Oma oder große Schwester nahm Sie auf den Schoß, blies auf die blutende Wunde, schaukelte. Ja, es tat noch weh, aber die Tränen versiegten. Die Nähe gab Sicherheit und die Stimme Zuversicht: Heile, heile, Segen. Und Sie konnten wieder loslaufen. Getröstet. Ein großer Prophet der Bibel erinnert an diese kleine Geste und macht sie zu einem Text der Menschheitsgeschichte. Über Trost. Hören Sie aus dem 66. Kapitel des Jesajabuchs.
Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt, alle, die ihr sie liebt! / Freut euch mit [der Stadt] in Freude, alle, die ihr ihretwegen Trauerkleidung tragt.1 / Trinkt euch satt an ihrer Brust und lasst euch trösten! / Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum!
Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. / Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen. / Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt.
Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. / In Jerusalem werdet ihr Trost finden. / Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen. Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras.
So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten. Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.
II Fehlender Trost, auch aber nicht nur in Jerusalem
In der Passionszeit des Jahres 2026 ruft der Text Bilder von Trostbedürftigkeit hervor, die uns täglich erreichen. Aus dem Iran, aus Libanon, aus Israel; über Monate aus dem Gaza-Streifen. Und seit über vier Jahren täglich aus der Ukraine. Mütter und Väter, die ihre Kinder auf dem Schoß wiegen. Inmitten von Trümmern. Aber wie trösten, wenn man selbst keinen Trost mehr findet? Wenn der Frieden nicht kommt wie ein rauschender Bach? Abt Nikodemus, der in Jerusalem das Benediktinerkloster auf dem Zionsberg leitet, postet seit Montag dieser Woche über Instagram von dem, was er erlebt: „Krieg entmenschlicht. Krieg tötet Unschuldige“, sagt er. Er kommt gerade vom Abendgebet in der Kapelle. Er erinnert an Pierre El Raii, einen Priester im Südlibanon, der durch eine Rakete ums Leben kam. An christliche Dörfer, die an der Grenze zwischen Nordisrael und Libanon „zerrieben“ werden. „Es ist einfach zu furchtbar. Krieg trifft einfach die Falschen und die Unschuldigen. Die sich für den Frieden und die Versöhnung einsetzen. Mir fehlt jedes Verständnis für diejenigen, die diesen Krieg bejubeln.“ Sagt er und schaut müde in die Kamera.
III Trost ist kein Emoji
Ich will euch trösten, lässt Gott seinen Propheten verkünden, ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind tröstet. In Jerusalem werdet ihr Trost finden. Gerade in Jerusalem! Frieden soll Jerusalem erfüllen. Und Wohlstand – ja, ganz materieller Wohlstand – soll zurückkommen wie ein rauschender Bach. Wo alles in Trümmern liegt, zerschlagen ist, soll es wieder blühen von Leben. Zu gern hörten wir die Freudenbotschaft, als wären wir schon getröstet. Als wäre alles nicht mehr gar so schlimm. Wie es in Fernsehfilmen so oft, so einfach heißt, wenn gerade die Welt in Trümmern liegt: Ist alles ok bei dir?
Nein!
Echter Trost ist etwas anderes als ein Emoji, das wir per WhatsApp losschicken, und meinen, damit wäre alles wieder gut. Trost braucht es dann, wenn und weil das Leiden uns ergriffen hat ganz! Wie damals, als uns das aufgeschlagene Knie, Schluchzen und die Tränen am ganzen Körper erfassten. Alles ok bei dir? - Hätte nichts gebracht. Und auch an den Orten des Krieges hilft das nichts. Wie gibt es Geborgenheit im Schatten des Todes?
IV Paradoxer Trost
Der Bibeltext enthält eine paradoxe, widersprüchlich klingende Formulierung, wie der Alttestamentler Alexander Weidner V.11 übersetzt: Freut euch mit ihr in Freude, alle, die ihr ihretwegen Trauerkleidung tragt. Trost ist dort, wo wir in der Trauer sind, wo wir verborgen im Finstern sitzen. Noch radikaler formuliert es Paulus in der Epistellesung: wie ein Korn, das in der dunklen Erde stirbt. Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Das Vertraute vergeht. Das wissen wir. Und es tut weh. Es bleibt uns gänzlich verborgen, was und ob etwas Neues wird. Doch Paulus meint das positiv! Und auch der Jesajatext meint das positiv: In Tod und Trauerkleidung jubeln! Menschen Jerusalems, die ihr wegen der Zerstörung Trauerkleidung tragt, freut euch. Jubelt. Das ist wie ein Sonntag Lätare mitten in der Passionszeit. Jubeln in Trauerkleidung. Das ist paradox.
Der Bibeltext stammt nicht aus der unmittelbaren Situation des Leides. Er ist eine Rekonstruktion aus der Erinnerung heraus. Das Ende des Jesaja-Buchs ist nach dem Ende der Existenzkrise des Volkes Gottes verfasst worden, wahrscheinlich sogar ziemlich lange nach dem Ende der erzwungenen Emigration aus der Heimat und der Flucht ins babylonische Exil. Aber es gelingt dem Text sehr gut abzurufen, wie das war, als Israel getröstet werden musste. Die Kinder der Exilanten haben nie vergessen, wie ihre Eltern weinten an den Wassern von Babylon. Wie sie sich vergeblich nach der Heimat sehnten. Das kennen wir. Wir Kriegsenkel, die die Traumata der Eltern und Großeltern aus dem 2. Weltkrieg, Vernichtung, Vertreibung und die bleierne Zeit danach mit sich tragen. Wir haben ihren Schmerz erlebt, selbst wenn sie nicht davon erzählten. Einiges davon ging auch auf uns über. Besonders erschüttert mich heute, dass in der Ukraine und in Nahost wieder Traumata entstehen, die Generationen lang nachwirken! Trauer geht nie wirklich vorbei, sie holt uns immer wieder ein, auch noch Generationen später. Der Bibeltext erinnert an die tiefe Not der Vertriebenen. Er nimmt sie ernst. Ja, er spricht sogar zu ihnen. Als könnten sie hören. Als könnten die Toten hören.
Er ist wie ein Brief von heute an das Früher. Das Spannende ist, dass er nicht sagt: es wird alles wieder gut. Er weiß ja, dass es keine Rückkehr in die Normalität gibt. Er weiß, dass alles anders geworden ist und dass der Schmerz wie ein Trauerkleid bleibt, das man nicht einfach ablegen kann. Dass das Korn, das gesät wurde, vergeht. Und trotzdem findet der Text Bilder und Worte des Trostes.
V Erinnerung konkret
Existenzielle Erfahrungen bleiben. Lassen Sie uns ein wenig verweilen bei Erinnerungen von Passionszeiten, Fastenzeiten des Lebens. Nicht um uns in ihnen zu suhlen, sondern um uns zu erinnern, was, vielleicht ganz im Verborgenen, getröstet hat.
Mir starb vor 20 Jahren mein Mann, gerade Mitte 40. Zwei Jahre Krebserkrankung, Operationen und Chemotherapien hatte er überlebt und war dann doch gestorben. Ich war am Sterbebett gesessen bis zuletzt. Und dann, im November 2006, von einem Tag zum nächsten war ich allein. Witwer. Pfarrer. Früher, als Seelsorger hatte ich andere zu trösten versucht. Nun erlebte ich, wie sich das anfühlt. Anfangs war ich noch voller Hoffnung, dass wir uns einmal wiedersehen würden, wenn ich selbst sterben würde. Aber in der Trauer verließ mich alle eigene Gewissheit eines Lebens nach dem Tode, eines Wiedersehens. Im Gebet versuchte ich wieder und wieder Gott zu beschwören: Wenn da nichts kommt, wenn da nichts ist nach dem Tod, dann hat all sein Sterben – in diesem Alter! – doch gar keinen Sinn. Wehe, wenn da nichts kommt! Dann ist ja überhaupt mein Glaube, mein Beruf, alles eigentlich sinnlos! Die Gewissheit kehrte nicht wieder. Ich weiß noch, wie ich an Karfreitag und Ostern des nächsten Jahres in die Kirche ging und jedes Wort der Predigt daraufhin abhörte, ob sie den Tod überhaupt ernst nehmen. Oder irgendwie schönreden mit frommen Formeln. In der Predigt fand ich keinen Trost. In der Kirche hing ein Gemälde, wie Jesus in einem weißen Gewand durch das Totenreich ging. Bei den Toten war. Das fand ich tröstlich. Der Tod war echt. Mein Schmerz war echt. Jesus würde das spüren, wenn er ins Schattenreich ging. Und er würde den Kontakt suchen, in seinem weißen Gewand. Vor Ostern ist Karsamstag. Jesus Christus im Verborgenen.
VI Die Dunkle Nacht der Seele
In der Forschung ist das Gefühl meiner Trauer bekannt unter dem Begriff „spiritual distress“. Der Mediziner Arndt Büssing beschreibt es als „geistliche Trockenheit“: es trifft vor allem religiöse Menschen, die in Krisenerfahrungen Hoffnung im Glauben suchen und die Erfahrung machen, dass Gott auf ihre Gebete nicht zu reagieren scheint, dass Gott ihnen fern ist und dass sie sich von Gott, auf den sie ihr Vertrauen gesetzt haben, sogar ganz und gar verlassen fühlen. Das Phänomen ist mit depressiver Gestimmtheit verbunden. Es ist eine Art spiritueller Erschöpfung. Von Mutter Theresa ist ein solches Phänomen bekannt. Der Mystiker Johannes vom Kreuz nennt es die Dunkle Nacht der Seele. Viele Menschen kennen es. Was tröstet? Was tröstet ohne zu vertrösten?
Es ist die Erinnerung an die Zukunft. Das ist paradox. Das ist eigentlich nicht möglich. Aber so denkt die Bibel. Und daraus gewinnt sie Trost. Wie ein Brief aus der Zukunft in die Gegenwart. Er bringt eine Kunde von morgen: Wo die Seele geistlich trocken ist, da werden wir Leben trinken wie ein vor Glück glucksender Säugling. Aus meines dunklen Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank!
Wo die Städte in Trümmern liegen, werden Flüsse Gärten zum blühen bringen. Frieden und Wohlstand in den zerstörten Gebieten des Nahen Osten und der Ukraine. Nicht in der gierigen Weise, wie das mächtige Herrscher mit KI-Bildern versprechen als wären sie Immobilienmakler, die Hotels und Golfplätze verkaufen wollen. Sie haben kein Interesse an den Kindern, die jetzt weinen! Frieden und Wohlstand werden einkehren, weil an diesen Orten wieder Menschlichkeit und Barmherzigkeit aufleben werden. Die dann die Menschen erblühen lassen, Kinder, Alte, Frauen, Männer. Die wieder füreinander sorgen und für den eigenen Lebensunterhalt sorgen können. Und Frieden schließen mit den Feinden von gestern. Gerechtigkeit und Frieden. Wir kennen das. Wir haben das erlebt. Der Trost der Bibel ist die Verheißung, dass Gott nicht vergisst, niemanden vergisst. Dass Gott das Leben will – ein anderes Leben ist als das, was wir kennen, mit Unrecht und Krieg und Krankheit und Tod. Gott hat es immer wieder gezeigt und damit unsere Sehnsucht genährt. Mit einem Regenbogen nach der alles vernichtenden Flut. Mit einem Zug durch das Meer, der von der Knechtschaft erlöst. Mit der Auferweckung Jesu aus dem Tod. Mit den Seligpreisungen: Selig sind die Friedfertigen. Die nach Gerechtigkeit dürstet. Selig sind die Trauernden. Ihnen gehört die Zukunft. Auch wenn wissen, dass die Welt heute nicht so ist. Echter Trost kann nicht von dieser Welt sein. Trost stellt sich vielmehr dort ein, wo glaubwürdige Solidarität im Leiden die Augen und Herzen für eine Verheißung öffnet, die sich der Sinnlosigkeit und Gleichgültigkeit der Welt radikal entgegenstellt. Dass Trost gelingt, ist also immer auch ein Wunder.
VII Jerusalem – die Stadt des Gebets
Was hat mich getröstet, am Ende? Es war die Erkenntnis, dass ich Liebe erfahren hatte. Dass diese Liebe gesegnet war, ja kirchlich gesegnet war, und der Segen sich bewährt hatte in guten wie in schlechten Zeiten. Und es war die Entdeckung, dass ich immer noch beten konnte. Selbst in der geistlichen Trockenheit. Ich konnte doch beten. Nicht nur für mich, sondern für den Menschen, den ich Gott anbefehlen konnte. Sorg für ihn. Lass ihm wohl sein bei dir. Lass ihn nicht in der Nacht des Todes. Schenk ihm Frieden und Wohlergehen.
„In Jerusalem werdet ihr Trost finden.“ sagt Jesaja: Weil Jerusalem der Ort ist, wo gebetet wird. Jeden Tag, jede Stunde. Im irdischen Jerusalem: an einer Klagemauer, die eine Trümmer-Wand ist, sonst nichts. Dort schaukeln sich Menschen im Gebet. Im Benediktinerkloster auf dem Zionsberg, in alten Psalmengesängen wie Ps 84: Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Abt Nikodemus sagt in seinem Post, dass ihn das Gebet trägt, am Abend dieser schrecklichen Tage. Wir können beten. Wie das irdische Jerusalem die Stadt des Gebets ist, ist das Gebet selbst schon das himmlische Jerusalem, die künftige Stadt. Wir können beten, im Verborgenen, im tiefsten Herzensgrunde. Manchmal ohne Worte. Manchmal allein. Manchmal zusammen mit andern. Und es wird auch für uns gebetet. Im Verborgenen. Wir wissen es oft selbst gar nicht, wieviel für uns gebetet wird. Im Gebet werdet ihr Trost finden. Das himmlische Jerusalem ist schon hier.
Wie der Schoß einer Mutter, die Knie eines Vaters, einer Kindergartentante, eines Opas oder einer großen Schwester. Zutiefst geborgen im Gebet. Verborgen in der Fastenzeit ist die Geborgenheit. Lätare! Freuen wir uns! Betet ohne Unterlass.
Amen
(1 Hinweis zur Übersetzung: Übersetzung v.11 nach Alexander Weidner – Exegese für die Predigt: www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/Laetare-jesaja-66 )