Fastenpredigtreihe 2026 "Vom Dunkel ins Licht"

"Die im Dunkeln sieht man nicht"

Predigttext: Genesis 34, Richter 19, 2. Samuel 11/13 ; Theolgoin Ulrike Knörlein, Brigitte Guggenberger

Sonntag Okuli - Weltfrauentag, 08.03.2026

Liebe Gemeinde, unser Titel heute „Die im Dunkeln sieht man nicht“ stammt von Bertold Brecht. Er schreibt in seiner Dreigroschenoper:

„Denn die einen sind im Dunkeln

Und die andern sind im Licht.

Und man sieht nur die im Lichte

Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Auch häusliche Gewalt geschieht im Dunklen, im Verborgenen.

Aber nicht so verborgen, dass sie nicht auch in der Bibel vorkäme: Denn der Bibel ist nichts Menschliches fremd. Auch dort wurden Frauen Opfer von Gewalt. Nur in kirchlichen Kontexten bleiben diese Geschichten in der Regel im Verborgenen. Ich möchte heute vier Frauen und ihre Geschichte ein wenig ans Licht bringen. Anschließend wird Frau Guggenberger auf die gegenwärtige Situation eingehen.

In Genesis 34 geht es um Dina, die Tochter von Jakob und Lea. Sie wird von Sichem, dem Sohn eines kanaanitischen Fürsten, entführt und vergewaltigt. Wie es mit ihr weiterging, bleibt im Dunkeln. Wir holen Dina vom Dunkel ins Licht: Kerze anzünden.

 

In Richter 19 hat ein Mann, ein Levit, eine Nebenfrau. Ihren Namen erfahren wir nicht. Er bleibt im Dunkeln. Um sich selbst zu schützen, gibt er sie einem gewalttätigen Mob preis. Die Frau wird von den Männern der Stadt eine ganze Nacht lang brutal vergewaltigt und stirbt. Wir holen sie vom Dunkel ins Licht: Kerze anzünden.

 

In 2. Samuel 11 sieht König David Batseba beim Baden. Was er sieht, gefällt ihm und ohne sie zu fragen, lässt er sie holen und schläft mit ihr. Sie wird schwanger. Nachdem sein Versuch misslingt, die Schwangerschaft Batsebas legitimen Ehemann unterzujubeln, sorgt König David dafür, dass ihr Ehemann Uria an der Front stirbt. Wir holen Batseba vom Dunkel ins Licht: Kerze anzünden.

 

In 2. Samuel 13 wird Tamar, die Tochter von König David mit seiner Frau Maacha (er hatte mindestens acht), von ihrem Halbbruder Amnon vergewaltigt. Ihr Vater, König David erfährt davon, unternimmt aber nichts. Ihr Bruder Absalom nimmt sie in seinem Haus auf. Dort lebt sie in einem Status sozialen Ausgeschlossenseins. Wir holen Tamar vom Dunkel ins Licht: Kerze anzünden.

  • All diese Geschichten zeigen deutlich die patriarchalen Strukturen. Sie machen Frauen zu Objekten und Opfern.

 

Leider sind diese Geschichten nicht nur Geschichte. Sie geschehen auch heute, in der Gegenwart:

Einblicke von der Leiterin des Ansbacher Frauenhauses, Vortrag von Frau Brigitte Guggenberger:

Liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher,

der heutige Gottesdienst steht unter dem Thema „Die im Dunkeln sieht man nicht“. „Dunkelheit“ steht dabei sinnbildlich für das Verborgene, das Unsichtbare, das Verschwiegene. Häusliche Gewalt geschieht meist im privaten Raum – hinter verschlossenen Türen, außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Was im Dunkeln liegt, wird nicht gesehen, nicht erkannt und auch oft nicht ernst genommen. Viele von Gewalt betroffene Frauen bleiben unsichtbar, weil Scham, Angst, Abhängigkeit oder gesellschaftliche Tabus sie zum Schweigen bringen. Gleichzeitig kann die Dunkelheit auch die innere Situation der Betroffenen beschreiben: Gefühle von Ohnmacht, Isolation, und Hoffnungslosigkeit, denn wer im Dunkeln steht hat keinen klaren Ausweg vor Augen. Unterstützungsmöglichkeiten können fern und unerreichbar erscheinen. Erst wenn Licht auf das Thema fällt – durch Aufklärung, Sensibilisierung und offene Gespräche werden Betroffene gesehen, gehört und unterstützt. Unsere gemeinsame Verantwortung ist es, Licht in diese Dunkelheit zu bringen. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache, sondern ein Thema, das uns alle angeht.

Der heutige Internationale Frauentag, der weltweit jedes Jahr am 8. März begangen wird, erinnert nicht nur an den Einsatz für Gleichberechtigung, sondern macht auf bestehende Missstände wie häusliche Gewalt aufmerksam – unterstreicht damit die unverzichtbare Bedeutung von Frauenhäusern als Schutz- und Zufluchtsorte für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder. Selbstbestimmung und den Schutz von Frauenrechten steht.

Als Sozialpädagogin des Frauenhauses Ansbach berate ich tagtäglich Frauen, die von Männern Gewalt erfahren und im Frauenhaus Schutz und Zuflucht finden. Das Frauenhaus Ansbach besteht seit nunmehr fast 35 Jahren und konnte in dieser Zeit 2.323 Frauen und 2.638 Kinder aufnehmen und ihnen einen Weg in ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben ebnen.

Das Frauenhaus Ansbach ist eine Einrichtung des Caritasverbandes in der Stadt und im Landkreis Ansbach. Wir sind zuständig für die Stadt Ansbach, den Landkreis Ansbach, den Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen und den Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Darüber hinaus können Frauen aus dem ganzen Bundesgebiet bei uns aufgenommen werden (z. B. wenn eine Frau mit dem Tod bedroht wird oder bei Zwangsehen).

Eine Aufnahme kann schnell und unbürokratisch erfolgen. Da neben den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen noch 27 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen tätig sind, ist eine Aufnahme zu jeder Tages- und Nachtzeit und auch an Sonn- und Feiertagen möglich. Unsere Ehrenamtlichen unterstützen uns vornehmlich in der Rufbereitschaft, betreuen unsere Kleiderkammer, helfen bei der Kinderbetreuung oder begleiten z. B. Frauen zu Wohnungs-besichtigungen. Unser Frauenhaus hat Platz für bis zu 11 Frauen mit und ohne Kinder. Jede Frau hat ein eigenes Zimmer. Einmal in der Woche findet eine Hausversammlung statt, an der alle Bewohnerinnen teilnehmen, die Putzdienste verteilt werden und Probleme untereinander angesprochen werden können. Wir sind 4 Sozialpädagoginnen, 2 Erzieherinnen, eine Hauswirtschafterin sowie eine Studentin der Sozialen Arbeit.

Wir beraten die Frauen und unterstützen sie bei der Beantragung von staatlichen Hilfen wie Bürgergeld, Kindergeld, bei der Wohnungssuche, Arbeitssuche und der Suche nach Kindergartenplatz.

Im Jahr 2025 wohnten 45 Frauen mit 30 Kindern bei uns. Die durchschnittliche Verweildauer betrug 71 Tage. 3 Frauen wohnten länger als 1/2 Jahr bei uns, weil bezahlbarer Wohnraum trotz intensiver Suche nur sehr schwer zu bekommen ist.

Frauen und Kinder, die im Frauenhaus aufgenommen werden, sind immer Opfer von Gewalttaten: körperlicher, sexueller und/oder seelischer Gewalt. Ziel und Aufgabe des Frauenhauses ist es, den Frauen und Kindern Schutz vor dem Misshandler zu bieten und ein umfassendes Hilfsangebot zur Verfügung zu stellen.

In ganz Deutschland suchen jährlich 40.000 Frauen und deren Kinder Schutz und professionelle Hilfe im Frauenhaus. Es gibt nahezu 400 Frauenhäuser in unterschiedlicher Trägerschaft. Im Bayern gibt es 41 staatlich geförderte und drei nicht staatlich geförderte Frauenhäuser mit 389 Plätzen für Frauen und rund 440 für Kinder.

Wer sich mit dem Thema Häusliche Gewalt auseinandergesetzt hat, weiß, dass es hauptsächlich Frauen und Kinder sind, die Opfer von Gewalt im sozialen Nahbereich werden. Eine Untersuchung des Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend hat ergeben, dass jede siebte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung und/oder sexuellen Nötigung war. Zwei Drittel dieser Fälle fanden im Bereich Familie und Haushalt statt. Zur körperlichen Gewalt gegen Frauen kommt es in jeder dritten Partnerschaft.

In 2024 wurden  in Deutschland 187.128  Frauen und Mädchen Opfer von häuslicher Gewalt. 132  Frauen wurden durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet.

Hinter jeder hier genannten Zahl steht eine Frau mit psychischen und physischen Verletzungen - ein Opfer. Meistens ist sie mit ihrer Situation alleine gelassen. Denn häusliche Gewalt findet hinter verschlossenen Türen statt – im  Privaten.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter

Die heile Welt der Familie, der Ort der Liebe und Harmonie existiert so nicht immer. Hinter der scheinbar intakten Fassade steckt oftmals die nackte Gewalt, eine Gewalt, die sich im physischen Bereich äußert durch: Schläge, Tritte, Verbrühungen, Verbrennungen, Strangulierungen und Vergewaltigungen, und bis hin zum Totschlag reicht. Die Fortsetzung im psychischen Bereich zeigt sich in Isolierung und ständiger Kontrolle, Verboten und Vorschriften für jeden Lebensbereich, Beschimpfungen, Einschüchterungen und Erniedrigungen.

Frauen werden misshandelt, weil etwas Staub hinter dem Schrank liegt, das Essen zu heiß oder zu kalt ist, sie arbeiten oder nicht arbeiten gehen will, er Ärger in der Arbeit hat, er eifersüchtig ist, er zuviel getrunken hat, das Geld nicht ausreicht, es Schwierigkeiten mit den Kindern gibt, und, und....«.»..

Das Bösartige an diesen häuslichen Misshandlungsbeziehungen ist, dass die Täter zum engsten Familienkreis gehören, also eigentlich der Freund der Feind ist Das wird von den Frauen als besonders verletzend empfunden. Die Verquickung von Gewalt und Liebe, von Terror und ökonomischer Abhängigkeit, von dem Wunsch nach einem Zuhause mit Kindern einerseits und den Gewalterfahrungen andererseits macht es für Frauen schwer, Gewaltbeziehungen zu verlassen und lässt sie z. T. jahrelang verharren. Sie versuchen immer wieder sich so zu verhalten, dass der Partner nicht explodiert, Strategien zu entwickeln, um Gewalttaten zu verhindern.

Trotz massiver und verbreiteter Gewaltanwendung gegenüber Frauen, wird immer wieder versucht, Gewalt gegen Frauen als Ausnahme hinzustellen, als individuelles Problem Einzelner. Misshandlung ist jedoch kein Einzelschicksal, Gewalt gegen Frauen ist alltäglich und findet jede Sekunde weltweit statt, unabhängig von Bildungsstand, Nationalität, Einkommen, Alter, Religion und ethnischer Zugehörigkeit der Opfer und der Täter.

Die Unterstützung der Opfer ist wichtig und unverzichtbar in einer Gesellschaft, die sich als zivil und human versteht.

Es gibt mehr als Wut, mehr als Trauer, mehr als Angst und Schrecken, es gibt Hoffnung.

Fortsetzung Predigt Ulrike Knörlein:

Wir holen all die Frauen und Kinder, die heute von Gewalt betroffen sind, vom Dunkel ins Licht: Kerze anzünden.

Der heutige Sonntag trägt den Namen Okuli: zu Deutsch Augen. Der Name stammt aus Ps 25,15: Oculi mei semper ad Dominum: „Meine Augen [schauen] stets auf den Herrn“.

  • Wir alle sind aufgefordert, unsere Augen aufzumachen und hinzuschauen, Gewalt nicht zu verschweigen, sondern zu handeln: Sprüche 31,8–9 (Lut):

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“

  • Hinschauen, Reden, Offenlegen und Handeln bedeutet Licht ins Dunkel zu bringen.
  • Immer im Vertrauen darauf, dass wir nicht alleine sind. Auch nicht im Schmerz. Gerade jetzt in der Passionszeit, wo wir Jesu Leiden und Sterben deutlicher vor Augen haben, kann uns, kann mir das Kraft geben: Gott kennt Schmerz und Dunkelheit, Verleumdung und Ohnmacht. Er hat es selbst erlebt.
  • Aber er blieb nicht in der Opferrolle, er ist auferstanden. Vom Dunkel ins Licht. Das Grab war leer, erzählten die Frauen. Dass dies auch den von Gewalt betroffenen Frauen heute gelingt, ist meine große Hoffnung. Amen