Predigtreihe "Zukunft" der Augustana-Hochschule Neuendettelsau
„Gewisse.Ungewissheit“ - „hell und weit“
Predigttext: Offenbarung 21, 1-5; Pfr. Dr. Peter Munzert
- Trostworte von einem neuen Himmel und einer neuen Erde
Wenn wir Christ*innen über die Zukunft sprechen, tun wir dies meist mit einer gewissen sozialaktivistischen Haltung. Wir wollen die Welt verbessern, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung verwirklichen und nicht zuletzt in diesen Tagen die Demokratie stärken.
Als Folge für dieses Engagement müssen wir Protestant*innen uns immer wieder gegen den Vorwurf wehren, den Kern der christlichen Botschaft in Weltverbesserung und Ethik aufzulösen und das eigentlich Christliche zu vernachlässigen.
Ja, wir übernehmen Verantwortung für diese Welt, und darauf will ich auch in dieser Predigt hinaus. Ich will von Trost sprechen, von Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft, von Engagement und Kreativität und nicht von Gerichtsvorstellungen, vom Richterstuhl Christi oder gar vom Zorn Gottes. Es gibt diese biblischen Bilder und christlichen Vorstellungen vom Ende der Welt und oft genug werden sie auch als warnende Szenarien bemüht. Sie klangen auch schon in der Lesung von den sieben Werken der Barmherzigkeit an.
Ich will aber heute auf das Neue, das Inspirierende, das Mutmachende hinaus.
Ich lese aus dem Buch der Offenbarung des Johannes, aus 21, 1-5
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Wenn ich diese Verse bei einer Trauerfeier als Hoffnungsworte lese, sprechen viele Trauergäste unvermittelt mit. Die Worte und die Bilder sind ihnen vertraut. Sie geben Halt und erlauben etwas auszusprechen, was schwer greifbar und doch voller Hoffnung ist.
Wie schön ist das, wenn es keine Tränen mehr gibt, kein Leid noch Geschrei noch Schmerz, weil das erste, das Vorläufige, das Verletzliche und das Verwundbare vergangen ist, und Neues kommt.
Ich erinnere an den Psalm 85 in der Predigt von Stefan Seiler vergangenen Sonntag, an die Hoffnung, daß Güte und Treue einander begegnen und Gerechtigkeit und Friede sich küssen. An den Psalm 139 in der Predigt von Petra Latteier vor zwei Wochen, an einen Gott, der uns auf unseren Lebenswegen begleitet, komme, was da wolle.
Es sind Bilder der Nähe Gottes, des Friedens, vom Ende der Not. Ja selbst die Natur verwandelt sich und verliert ihre dunklen und bedrohlichen Seiten. Alles wird neu und heil.
Die Bibel erklärt dabei nicht, wie das geschieht, wann es geschieht und wie es konkret aussehen wird. Es bleibt offen. Die Erde soll neu geschaffen werden. Das was zerbrochen ist, soll heil werden. Ja, sogar der Tod soll nicht mehr sein. Wir hoffen auf die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben. Und vor allem Gott wird bei uns sein. Uns ist verheißen in seiner Gemeinschaft zu sein, getröstet und geborgen.
Es ist schwer, diese Neuschöpfung der Welt, diese versprochene Ewigkeit zu beschreiben. Es ist beinahe wie ein Utopie, wie eine unwirkliche Vorstellung. Und dabei ist es doch menschlich. Wir folgen unseren Sehnsüchten und Hoffnungen und malen Bilder, die als innere Bilder offen und weit sind, die uns mit Kraft erfüllen und Raum geben, damit wir uns eine hoffnungsvolle Zukunft vorstellen können, in der wir leben können.
Vor wenigen Tagen haben wir eine liebe Bewohnerin aus der Gruppe Astern verabschiedet. Das ist eine Wohngruppe im Bereich Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie starb im Alter von 74 Jahren. Sie hat Zeit ihres Lebens gerne gemalt, gebastelt und mit ihren Mitbewohnerinnen Spiele gespielt. Sie und ihre Mitbewohner*innen hätten es sich gewünscht, dass sie mit weniger Einschränkungen leben könnten, dass viele ihrer bedrohliche Erkrankungen ihren Schrecken verlieren würden und sie ein eigenes, selbstbestimmtes Leben führen könnten.
Manchmal hoffen sie auf eine Neuschöpfung, daß alles neu wird, manches korrigiert wird, was jetzt schmerzt. Die Bilder des neuen Jerusalem sind für sie wie ein paradiesischer Hoffnungsschimmer, in einer Welt, in der nicht immer alles gut ist und gerecht zugeht.
- Hoffnungsworte verleihen Flügel
Mit gehen auch immer wieder unsere Flüchtlinge und Asylsuchenden zu Herzen, die in den Heimen rund um unsere St. Laurentiuskirche leben. Wie geht es ihnen hier und ihren Familien in ihrer Heimat? Was müssen sie ertragen und aushalten? Was tun anderen Menschen ihnen an? Auch meine Eltern mussten am Ende des 2. Weltkrieges flüchten, aus Posen und Schlesien. Diese Erinnerungen bleiben auch in unserer Familie lebendig und prägen unser Fühlen und Denken, bis heute.
Wir erleben in diesen Tagen viel Unsicherheit und Enttäuschung oder sogar Resignation und Verängstigung. Es fehlen die Stabilitätsanker, der sichere und feste Boden unter den Füßen, die echten Perspektiven. Politik und gesellschaftliche Entwicklung werden nicht mehr als tragfähige Planken für eine sichere und vielversprechende Zukunft empfunden. Alle Studien und Umfragen weisen in diese Richtung, über alle Generationen hinweg. Viele Menschen sind enttäuscht oder sogar verzweifelt. Die Probleme und Herausforderungen sind nur allzu bekannt. Die Hiobsbotschaften in den Nachrichten häufen sich. Die Algorithmen in den social media verstärken dies und posten automatisiert mehr und mehr Katastrophenmeldungen.
Der Komiker Karl Valentin prägte in schweren Zeiten das treffende Zitat: „Die Zukunft war früher auch besser“ und erlitt dies selbst in glücklosen Lebensjahren.
Die Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu“ aus dem Buch der Offenbarung hat mich und viele andere wohl auch deshalb so angesprochen, weil sie einen radikalen Neuanfang verheißt. Gott spricht und es geschieht. Und diesmal so, dass es keine Tränen mehr gibt. Er tut es. Und - das entlastet uns.
Auch dieser Gedanke kann zu einem tröstlichen inneren Bild werden, denn es verleiht der eigenen Hoffnung neue Zuversicht, oder Flügel, wie es Karl-Heinz Röhlin in seinem Hoffnungsbuch schreibt.
Der Umgang mit Schmerz und Leid, die Frage nach der Theodizee, die Sorgen vor einer ungewissen Zukunft, vielleicht sogar schwermütige und pessimistische Gedanken, die auch Karl Valentin trotz seiner erfrischenden Kalauer immer wieder geplagt haben – prägen schon ein wenig die Vorstellung davon, dass diese Welt, so wie sie eben ist, nur vorläufig ist und auf Vollendung wartet.
- Muss es Gegenwartspessismismus sein?
Ist das so? Stimmt das für uns? Leben wir nur in einer vorläufigen Zwischenzeit und warten wir geduldig darauf, dass alles neu und ein besser geschaffen wird, ja vielleicht sogar paradiesischer? Ein neues Jerusalem?
Der Gedanke hat etwas Verlockendes. „Oh when the saints go marching in“, so besingt es ein Spiritual in Anlehnung an das Buch der Offenbarung, „Ja, wenn der Herr einst wiederkommt, dann lass mich auch dabei sein“ – und mit ihm in das himmlische Jerusalem einziehen.
Angesichts vieler ungelöster Fragen liegt der Gedanke von einem Neuanfang schon nahe. Es wäre schön, wenn jemand den Resett-Button drücken würden und die Welt neu formatiert würde, diesmal aber so, dass die Festplatte nicht dauernd hängenbleibt.
Ein wenig war dies wohl die Hoffnung der ersten Christinnen und Christen, und auch in der Offenbarung des Johannes und auch bei uns heute.
Die christliche Tradition hat diese Hoffnungsgedanken aufgenommen und in die Lehre von den letzten Dingen gegossen. Sie vertraut auf Gottes Wirken in der Geschichte. Gott ist das A und O, Anfang und Ende, Urgrund und Vollender seiner Schöpfung.
Doch wie gehen wir damit um, wenn wir Gottes Wirken in dieser Welt nicht so unmittelbar sehen können oder gar vermissen, oder wenn wir nicht warten wollen oder nicht warten können, bis diese Erde neu geschaffen wird, bis alles erneuert wird, so wie es die Bibel verheißt? Vielen von uns ist dieser Gedanke fern, ja vielleicht sogar im wahrsten Sinn des Wortes zu fern, zu weit in der Zukunft und vor allem ohne irgendeinen Bezug zur Realität.
Denn es hat auch einen deutlichen Zug von Gegenwartspessimismus. Nicht jeder lebt schlecht und wünscht sich eine neue Welt, sondern ist zufrieden und vielleicht sogar glücklich in seinem Umfeld und seinem Alltag und mit seinen Zukunftsaussichten.
- Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit
Der Theologe Ralf Kötter, Gemeindepfarrer und Kirchenhistoriker, schreibt in seinem Buch, „Das Land ist hell und weit“, von einem regelrechten Aufbruch in seiner Kirchengemeinde in Westfalen. Er schreibt von einer leidenschaftlichen Sehnsucht seiner Gemeindemitglieder, die voller Leidenschaft die Menschenliebe Gottes leben, sie täglich neu in ihren sozialen Umfeld durchbuchstabieren, die versuchen inklusiv und offen zu leben.
„Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“ Dieses Zitat aus dem Lied „Vertraut den neuen Wegen“ von Klaus-Peter Hertzsch steht über der Hoffnung Pate, daß Menschen Zukunft gestalten wollen und können.
Kötter lenkt unseren Blick auf das Hier und Jetzt. Auf uns Menschen. Auf die Gesellschaft in der wir leben. Auf die Welt, in der wir alle miteinander verbunden sind. Es geht im Grund um die nahe Zukunft, um die unmittelbare Zukunft, die mit der Gegenwart eng verbunden ist, die aus ihr immer wieder neu erwächst, Tag für Tag.
Es geht bei uns um den Ort Neuendettelsau, wie wir hier zusammenleben wollen. Es geht um unsere Region, die Menschen im Ballungsraum Nürnberg, um unserer Kirche usw. Ich könnte die Kreise immer weiter ziehen bis hin zu unseren Partner*innen in Übersee, bis nach Brasilien. Wie leben wir unseren weltweit verbindenden Glauben? Wie können wir füreinander da sein und miteinander diese Welt gestalten? Wir sind doch über Mission-EineWelt hier in Neuendettelsau gut verlinkt.
Ich erlebe bei uns in der Diakonie und hier am Ort viele engagierte Menschen, die ihren Glauben umsetzen und leben wollen. Ganz praktisch, täglich, und nah an den Menschen, die Hilfe suchend zu uns kommen und sich uns anvertrauen. Sie leisten eine gute Alltagshilfe, sie ermutigen und unterstützen, wo es nur geht. Sie verbringen viel Zeit miteinander und bringen viel Herzblut ein.
Sie arbeiten miteinander am Reich Gottes, in Gegenwart und Zukunft, aber vor allem im Hier und Jetzt. Und viele tun es aus ihrem Glauben heraus. Das motiviert sie und trägt sie durch – auch und trotz aller Schwierigkeiten, die wir im Moment als sozialer Träger und Kirche erleben. Sie leben die sieben Werke der Barmherzigkeit und tun das Richtige.
Gestern haben wir eine mit einer Gruppe aus unserer Kunstwerkstatt aus dem Bereich Wohnen den Künstler Reinhard Zimmermann in seinem Atelier in Mörsach besucht. Er hat viele unserer Einrichtungen großflächig im Freskostil ausgemalt. Die Kapelle im Seniorenhof Büchenbach ist ein weiter Sternenhimmel, in blau und grau und mit weißen Nebeln gehalten und eröffnet über uns das weite Universum. Ich feiere in dieser Atmosphäre regelmäßig und sehr gerne Gottesdienst
Herr Zimmermann hat die Kunstgruppen von Susanne Droßbach zu mehreren Malworkshops in sein Atelier eingeladen. Es war ein wenig wie ein Ausflug in eine andere Welt, voller Farbe und Lebendigkeit, Spaß und Freude an der Kreativität, am Malen, am Miteinander. Licht, Offenheit, Weite und Begeisterung waren sichtbar und spürbar. Ein neuer Horizont hat sich eröffnet, mitten im Hier und Jetzt.
Menschen können die Zukunft gestalten, sie können sie verändern. Dazu braucht es gute Visionen. Die amerikanische Bischöfin Marianne Edgar Budde schreibt in ihrem Buch „Mutig sein“ von der Kraft, die es braucht, um etwas zu verändern, von den Entscheidungen, die man dazu treffen muss, bewusst auch gegen widerständige Menschen und sperrige Strukturen, wenn engagierte Christinnen und Christen etwas voranbringen wollen. Und vor allem, nicht zu lange warten.
Und sie schreibt von der Kraft des Glaubens, vom Gebet, auch von einem manchmal fernen Gott, den sie sich gerne näher wünschte.
Eine soziale Theologie ist praktisch und ethisch orientiert. Sie ist stark im hier und jetzt, denn für sie beginnt die Zukunft Gottes und der Welt jetzt. Immer wieder. Jeden Tag neu.
Und dazu braucht es unsere Hände und unsere Füße. Gott traut uns viel zu und verlangt uns auch einiges ab. Er nimmt uns hier in den Dienst, wenn wir Zukunft gestalten wollen.
Noch einmal Klaus-Peter Hertzsch (EG 395, 3):
„Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“
Amen.
Quellen/Literatur:
- Ralf Kötter, Das Land ist hell und weit, Berlin 2014
- Marianne Edgar Budde, Mutig sein, Frankfurt 2025
- Klaus-Peter Hertzsch, Vertraut den neuen Wegen (EG 395), in: Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für Bayern.
- Vgl. zur Geschichte und der vielfältigen Bedeutung des Liedes: https://en.wikipedia.org/wiki/Vertraut_den_neuen_Wegen (Zugriff vom 8.2.2026).