Predigt zum Karfreitag 2026

Predigt am Karfreitag, 3. April 2026 in St. Laurentius zu 2. Korinther 5, 19-21; Pfarrerin Sabine Meister, Oberin Diakoneo Gemeinschaft Neuendettelsau

19Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Liebe Gemeinde,

I.

Mein erster Besuch in der ehemaligen DDR war zugleich mein letzter. Denn wenige Monate später gab es sie nicht mehr. Das war im August1989.

Wir besuchten Freunde in Mecklenburg-Vorpommern, Partnerkirche zur bayrischen Landeskirche. Alles war mir fremd: die Autos, die Uniformen der Polizisten, das Geld. Vieles machte mir Angst.

Es grummelte am politischen Horizont. Zwei Monate zuvor hatten die Menschen in Bonn begeistert „Gorbi, Gorbi“ gerufen. Der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Kohl hatten eine „Gemeinsame Erklärung“ unterschrieben: die vorrangige Aufgabe sollte die „Überwindung der Trennung Europas ” sein. Diesseits und jenseits der Grenze war zu spüren, dass sich etwas im Umbruch befand. In welche Richtung sich das entwickeln würde, war unklar.

Wir reisten im August in die DDR – und DDR-Bürger reisten nach Ungarn, wo sie auf Ausreise hofften. Die DDR warf der Bundesrepublik Deutschland  „völkerrechtswidriger Aktivitäten“ vor. Die Welt hielt den Atem an. Man hatte noch die Bilder vom Juni 1989 vor Augen vom „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking: Nach wochenlangen Studentenprotesten für Reformen setzte die Führung Panzer ein, was zu hunderten oder tausenden Toten führte. 

II.

In genau diesen Tagen fuhren wir mit dem Trabbi unserer Freunde über Land. Unser Freund, Pfarrerssohn, zeigte uns die Kirchen in der Region. An eine Kirche erinnere ich mich. Eine Dorfkirche im Dornröschenschlaf: Spinnweben in den Kirchenbänken, im Sonnenlicht tanzte der Staub über der Altarbibel. Auf dem Boden lag aufgeschlagen im doppelten Sinne ein altes Gesangbuch. An der Liedertafel steckten noch die Nummern eines längst vergangenen Gottesdienstes. Vom Kreuz über dem Altar schaute ein leidender Christus in die Gemeinde, die ihn verlassen hatte.

Mich hat das damals getröstet in meiner Irritation: Christus ist da. Christus ist selbst da noch präsent, wo niemand mehr an ihn glaubt.

19Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

Das Kreuz oder vielmehr der am Kreuz hängt, ist das aufgerichtete Wort von der Versöhnung, schreibt Paulus.  Aufgerichtet, in die Mitte gestellt, so dass alle hinschauen können. In der Kirche und manchmal auch auf der Kirche, im Krankenhaus und am Friedhof, in der Wohnung über der Tür, als Schmuck an einer Kette oder als Anstecker am Jackett. Erklärungspflichtig außerhalb von Kirchen. Aber immer noch erkennbares Zeichen für Christus, das Wort von der Versöhnung.

III.

Zurück „im Westen“ sahen wir im Fernsehen die Bilder aus Leipzig: Am 4. September 1989 protestierten in Leipzig etwa 1.200 Menschen gegen das das DDR-Regime. Am 2. Oktober nahmen in Leipzig bereits bis zu 20.000 Menschen an der Montagsdemonstration teil, am 16. Oktober waren es mehr als 100.000 in Leipzig. Eine Woche später hatte sich die Teilnehmerzahl bereits verdreifacht.

Angefangen hatte alles 1982 mit wöchentlichen Friedensgebeten jeden Montag in der Nikolaikirche. Später sagte einer: "[...] eigentlich ist es ein Wunder, wenn sich da ein paar Leute beginnen in der Nikolaikirche zu versammeln, setzen sich mit 10, 15 Leuten hin, beginnen hier zu beten für die Veränderung im Land, und am Schluß ist eine halbe Million auf dem Ring. Also, wenn das nicht ein Wunder ist!"[1]

In der Kirche, unterm Kreuz versammelten sich viele ganz unterschiedliche Menschen. Der damalige Pfarrer Christian Führer wusste: „Wenn wir die Kirche öffnen für alle, die draußen zum Verstummen gebracht, die diffamiert oder gar inhaftiert werden, dann kann niemand mehr auf den Gedanken kommen, die Kirche sei eine Art religiöses Museum oder ein Tempel für Kunst-Ästheten. Sondern dann ist Jesus real präsent in der Kirche, weil wir zu tun versuchen, was Jesus tat, und was er will, dass wir's heute tun.“[2]

IV.

20So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Man weiß es nicht, wie viel Anteil an der Wende die Leipziger Friedensgebete hatten. Man sollte die „Wende“ auch nicht als christliche Kirche auf sein Konto schreiben. Aber für mich ist in dieser Öffnung der Kirche für alle das sichtbar geworden, wozu Paulus aufruft: Botschafter und Botschafterin von der Versöhnung zu sein, Botschafter*in an Christi statt.

Ich weiß nicht, was nach 1989 aus der Dorfkirche in Mecklenburg-Vorpommern geworden ist. Vielleicht hat sie jemand von Spinnweben befreit und den Staub von der Altarbibel geblasen oder es hat sich ein Verein gegründet von Christen und Nichtchristen, damit „die Kirche im Dorf bleibt“.

In die Kirche sind nur wenige eingetreten. Massentaufen gab es nicht. Aber die Kirche ist noch da, ist noch eine Kirche.

In vielen Kirchen dürfen jetzt auch weltliche Trauerfeiern stattfinden. Dann brennen auch Kerzen am Altar. Gelebte Gastfreundschaft und – in der Haltung des Paulus – die Einladung: so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Christus am Kreuz ist ja immer noch da.

V.

Der Karfreitag erinnert mich daran, dass Jesu Weg am Kreuz endete, dass man mit Jesus nicht „erfolgreich“ sein kann.

Wo das Christentum Erfolgsgeschichte schreiben wollte, ist es meistens in die Irre gegangen: mit Kreuzzügen und Kolonialgeschichte. Wo Kirche mit Gewalt und Autorität, Rassismus oder Nationalismus, Unterdrückung und Führerglauben missionieren wollte, hat sie sich schuldig gemacht.

Und wo Kirche in die Depression fällt, weil sie unter den Kirchenaustritten und sinkenden Einnahmen leidet, dann bürdet sie sich zu viel auf, dann bürdet sie sich auf, was Christi Last und Aufgabe ist.

Unsere Aufgabe ist, zuversichtlich das Wort von der Versöhnung weiterzusagen:

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

Karfreitag ist Versöhnungstag: zwischen Gott und den Menschen und unter uns Menschen.

Das Kreuz ist dafür das Zeichen.

Mich erinnert ein ganz besonderes Kreuz hier in der Kirche an die Aufgabe, das Wort von der Versöhnung weiterzusagen:

Drei Nägel für Frieden und Versöhnung – zusammengefügt zu einem Kreuz. Hier am Altar.

Gefertigt im Gefängnis in Würzburg.

VI.

Hier ist jeder Freitag ist Versöhnungstag.

Hier in Laurentius und weltweit wird jeden Freitagmittag das Versöhnungsgebet von Coventry[3] gesprochen. Im Zentrum steht die Bitte Jesu am Kreuz: Vater vergib.

Warum? Weil einer angefangen hat, das Wort von der Versöhnung weiterzusagen:

1940 hatte die deutsche Luftwaffe hatte die englische Stadt Coventry zerstört. Dabei starben über 550 Menschen und die spätmittelalterliche Kathedrale brannte ab.

Der damalige Dompropst Howard fand noch drei große Zimmermannsnägel aus dem Dachstuhl der zerstörten Kathedrale. Er ließ sie zu einem Kreuz zusammensetzen. Dann schrieb er an die Wand der Ruine die Worte „FATHER FORGIVE“ (Vater vergib).

Das waren die Anfänge der weltweiten ökumenischen Nagelkreuzgemeinschaft und der Versöhnungsarbeit, die heute an über 200 Orten in der Welt aktiv ist.

Längst geht es nicht nur um die Aussöhnung in Europa. Die Ziele heute lauten: Wunden der Geschichte heilen. Mit Verschiedenheiten leben und die Vielfalt feiern. An einer Kultur des Friedens bauen.

Eingeleitet wird jede Andacht hier in St. Laurentius mit genau den Worten, die Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat:

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Amen.

 

 

[1] Kabarettist Bernd-Lutz Lange, Quelle: https://www.ekd.de/23412.htm

[2] https://www.ekd.de/23412.htm

[3] https://nagelkreuz.de/versoehnung/versoehnungsgebet