Predigt zum Sonntag Invokavit 2026
Predigttext: 1. Mose 3, 1-24; Oberin Sabine Meister
I.
Adam und Eva – jeder kennt die Geschichte. Wenn nicht aus der Bibel, dann aus dem Museum: von den Bildern von Lukas Cranach, Albrecht Dürer, August Macke und anderen Künstlern. Man kann sie auch in Kirchen entdecken: in Kirchenfenstern oder als Altarbilder.
Das Motiv ist gut wieder erkennbar: Baum, Schlange, Apfel, ein nacktes Paar.
Alles klar, denke ich mir, wenn ich das Bild erkenne:
Adam und Eva. Der sogenannte Sündenfall – obwohl von Sünde überhaupt nicht die Rede ist.
Schlange verführt Frau – Frau verführt Mann – Mann lässt sich verführen und wird erwischt. Strafe, Rausschmiss und Schluss. Der „mächtigste Mythos der Welt“[1] hat unsere Vorstellungen vom Paradies, von Scham und Sünde, unsere Ideen von Gut und Böse geprägt.
Sie diente und dient patriarchalen Gesellschaften bis heute als Begründung, Frauen zu unterdrücken.
Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Ich kann über diese biblische Geschichte nicht predigen ohne zugleich an die frauenverachtenden und sie unterdrückenden Gesetze zu denken, die noch zu Zeiten meiner Mutter gegolten haben:
„Er soll dein Herr sein“ – das hieß bis 1962, da war sie 32 Jahre – kein eigenes Bankkonto zu haben. „Er soll dein Herr sein“ – das hieß bis 1977 – da war ich 12 Jahre (!), dass meine Mutter meinen Vater um Erlaubnis fragen musste, als sie in ihrem Beruf wieder arbeiten wollte. „Er soll dein Herr sein“ – das hieß bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts, dass die Rechtsprechung sie zur „ehelichen Pflicht“ zwang, wollte sie nicht schuldig geschieden werden.[2]
All diese Geschichten der Frauenunterdrückung sieht man auf den kunstvollen Gemälden nicht, aber in der Art wie Eva dem Adam den Apfel reicht, schwingen sie mit.
Da hilft es auch nicht, dass der jüdische Theologe Pinchas Lapide Eva als die „intelligentere“ über Adam erhebt: „Die Schlange spürte offensichtlich, dass Eva mehr Phantasie hatte, lebendigere Vorstellungskraft und dass sie auch tatkräftiger sei in der Durchsetzung ihrer Beschlüsse – intelligenter, intuitiver, gesprächslustiger und, was noch wichtiger ist, neugieriger. Der Adam scheint ziemlich verschlossen zu sein. Dass Eva ihm als Hilfe an die Seite gestellt wurde, bedeutet ja, dass er von Anfang an hilfsbedürftig war.“[3]
Ich lese von Intelligenzunterschieden nichts in diesem Mythos – höchstens in der Kirchengeschichte die wohlwollend gemeinte Haltung zur Pfarrfrau, die ihrem Mann, den Pfarrherrn, eine Hilfe ist (und vielleicht auch so manche Predigthilfe war). So schreibt Wilhelm Löhe über die Frauen: „Er ist Herr – sie ist Gehilfin des Herrn, ihres Mannes“[4]
II.
Adam und Eva – der Mythos ist nicht so unschuldig wie die beiden vor dem Griff zur Frucht vom Baum der Erkenntnis. Vielleicht hängt die verheerende Unterdrückungsgeschichte ja genau mit diesem Bissen von der Frucht der Erkenntnis zusammen?
Was ist eigentlich passiert – nach dem verbotenen Biss in die Frucht? Angekündigt war die Erkenntnis von Gut und Böse. Erkannt haben sie aber erst mal, dass sie nackt waren.
7“Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie erkannten, dass sie nackt waren,“
Mit der Erkenntnis kommt die Scham. Es ist nicht die Nacktheit an sich, die zum Schämen ist. Nackt waren sie vorher auch „und schämten sich nicht“. Neu ist, dass ihnen beiden die Augen aufgetan wurden. Sie sehen sich gegenseitig. Das heißt, sie sehen nicht nur sich und den anderen – als Gleiche, als „Fleisch von meinem Fleisch“. Jetzt sehen sie auch, dass sie gesehen werden – als der und die jeweils „Andere“.
Der Blick der anderen auf mich, die Erkenntnis, dass ich angeschaut werde, kann machen, dass ich mich schäme.
„Sie schämen sich, weil sie sich als Gegenstand, als das Objekt sehen müssen, dass sie für den anderen geworden sind.“[5]
Ich denke an die Scham in ihren vielen Formen:
Die Scham, missbraucht worden zu sein – (was du anhattest, hast ihn ermuntert, hast nicht ausdrücklich nein gesagt). Die Scham, geschlagen worden zu sein vom Partner (du wirst ihm Anlass gegeben haben)
Die Scham muss die Seite wechseln! Vom Opfer zum Täter – fordert Gisèle Pelicot, die selbst Opfer von massiver und langjähriger sexualisierter Gewalt durch ihren Ehemann und zahlreiche weitere Täter wurde.
Aber die Scham kann auch ganz alltäglich daherkommen: wenn man beschuldigt wird – selbst zu Unrecht; wenn man den Blick der anderen spürt und sich ausgeschlossen fühlt. Menschen schämen sich, weil sie sich durch den Blick der anderen als getrennt und fremd erkennen.“[6] Wer einmal diese Scham erlebt hat, wenn er oder sie zum Beispiel in der Schule nach vorne kommen musste – womöglich noch öffentlich kritisiert wird und spürt, dass alle Augen sich auf ihn oder sie richten, wünscht sich am liebsten seine eigene Unsichtbarkeit[7].
Und so ist es auch bei Adam und Eva: nachdem sie sich vor den gegenseitigen Blicken notdürftig mit Feigenblättern geschützt haben, verstecken sie sich vor dem Blick des Schöpfers.
Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
III.
Adam versteckt sich zunächst aus Scham vor dem Gesehen werden. Er schämt sich seiner Blöße, seiner Nacktheit. Findet er sich nicht schön? Wie so viele, vor allem Frauen, sich nicht schön finden? Weil ihr Blick in den Spiegel immer zugleich der Blick der anderen ist: zu dick, zu dünn – im Vergleich zu den anderen, zur je aktuellen Schönheitsnorm.
Adam sieht sich auf einmal gesehen und fürchtet das Urteil: nackt, bloß, hässlich; vielleicht auch: nackt wie ein Mensch eben auf die Welt kommt: mit nichts in der Hand, ohne Können, verletzlich, schutzlos, ausgeliefert, abhängig.
Aus Adams und Evas Feigenblättern wird eine ganze Kleiderindustrie: Kleider machen nicht nur aus „Nackten“ Leute, sondern schaffen Unsichtbarkeit. Im Kampf gegen das Gesehenwerden, im Kampf gegen die Scham, ist es wichtig, die richtige Kleidung zu tragen. In meiner Pubertät war das die Uniform von Jeans und Parka. Noch heute achte ich darauf, die für den Anlass angemessene Kleidung zu tragen. Over- oder underdressed zu sein – das käme nach meinem Gefühl einer gesellschaftlichen Nacktheit gleich: ich würde angeschaut und zum Objekt des Urteils anderer.
IV.
Dann kommt zur Scham die Schuld: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Die Scham über die Schuld ist kaum auszuhalten. Adam geht in Abwehrhaltung und zeigt mit dem Finger von sich weg. Der Lösungsversuch funktioniert bis heute: ich war es nicht, die anderen waren es. Die Frau, die Schlange. Das ist der Strohhalm, an den sich Adam klammert, um die Scham nicht zu spüren und nicht in seiner Existenz zerstört zu werden.
Das Gefühl der Scham ist körperlich massiv zu spüren: das fängt bei den buchstäblichen roten Ohren des Kindes an, wenn es beim Lügen ertappt wird und geht bis zum Gefühl der Betäubung [8] , das Gefühl, in den Boden zu versinken und zu sterben. Jemand öffentlich zu beschämen wird im Talmud dem Töten gleichgesetzt.
Es wundert mich nicht, dass Menschen alles daransetzen, sich nicht nackt und hilflos zu fühlen, sich nicht schämen zu müssen für das, was man ist: ein schwacher, verletzbarer Mensch.
Alle Unterdrückung – glaube ich – ist im Grunde Schamvermeidung. Wer sich „überhebt“, über andere stellt, andere unterdrückt, glaubt, der Beschämung zu entgehen und wird doch gerade dadurch schuldig.
V.
Die Scham kann tödlich sein: aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.
Das Todesurteil wird nicht vollstreckt. Adam und Eva müssen nicht vor Scham sterben. Die Erzählung endet mit einer liebevollen Geste Gottes:
Gott machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
Ich stelle mir das als eine liebevolle Geste Gottes vor: wie die beiden dankbar sich einwickeln in das Gewand, das ihnen um die Schultern gelegt wurde.
Wie ein Abschiedsgruß an der Gartentür von Eden, die sich nun für immer für sie schließt.
Wie ein Vater oder eine Mutter den Kindern die Arme um die Schultern legt, bevor sie das Elternhaus verlassen, um ihr eigenes Leben zu führen.
Die Scham wird bleiben.[9] Sie begleitet uns Menschen jenseits von Eden. So wie die Erkenntnis von Gut und Böse bleibt und damit die Möglichkeit, schuldig zu werden und schamrot.
Mit Psalm 34 lasse ich mich erinnern:
Die auf Gott sehen, werden strahlen vor Freude und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Gott bekleidet uns – lässt uns nicht nackt dastehen. Gott will, dass wir leben.
Amen.
[1] Stephen Greenblatt. Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit“
[2] Und in Frankreich konnte noch 2019 ein Richter ein Schuldurteil sprechen, weil sich die Frau der „schweren und wiederholten Verletzung der ehelichen Pflichten“ schuldig gemacht hatte“[2] Erst Anfang diesen Jahres hat die französische Nationalversammlung diese Rechtsprechung aufgehoben.
[3] Pinchas Lapide, War Eva an allem schuld? Zitiert nach: https://predigten.evangelisch.de/predigt/baum-der-erkenntnis-ein-gewinn-predigt-zu-genesis-31-19-von-esther-kuhn-luz
[4] Wilhelm Löhe: Von der weiblichen Einfalt. Verlag von S. G. Liesching, Stuttgart 1859, S. 38.
[5] Sartre, Jean-Paul, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, dt. Übersetzung, Hamburg 1962, S. 381f)
[6] Fromm, Erich, Die Kunst des Liebens, Stuttgart 1980, S. 18f)
[7] Erikson, Erkik H.; Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1968, 246)
[8] Vgl. Nietzsche: „wie betäubt … und fühlt sich geblendet wie von einem großen Auge, das von allen Seiten auf und durch uns blickt“ (Morgenröte, Werke I, 1204)
[9] Vgl. die Pole „Scham und Autonomie“ in der Entwicklungsphase des Kleinkindes nach Erikson