Fastenpredigtreihe 2026 "Vom Dunkel ins Licht"
"Der verborgene Gott - der ohmächtige Gott"
Predigttext: Markus 12, 1-12; Regionalbischof i.R. Christian Schmidt, Nürnberg
Sonntag Reminiszere, 01.03.2026
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
„Alles gut!“ – das höre ich fast jeden Tag einmal. Ich habe in der U-Bahn ausversehen jemandem auf den Fuß getreten und entschuldige mich – Reaktion: „Alles gut!“ Im Kleinen stimmt es zum Glück ja oft – aber im Großen? Wirklich „alles gut“? Nein, wir wissen es alle: So vieles auf der Welt ist nicht gut. Es geschieht so viel Böses, Lebensfeindliches, durch das ein gutes Zusammenleben gestört oder gar zerstört wird – im Kleinen und im Großen: Ukraine, Iran, Sudan, Menschen auf der Flucht, in Angst, am Verhungern. Das äußerste Extrem des Bösen ist sicher Auschwitz gewesen, das mit seiner grauenhaften, menschenverachtenden Todesmaschinerie für alle Greueltaten steht, mit denen die Menschlichkeit niedergetreten wurde und wird.
Es gibt so viel Leid, auch im persönlichen Bereich. Da kann eine Krebsdiagnose wie ein Bombe einschlagen und einen Menschen aus dem gewohnten Gang des Lebens herauswerfen, da hinterlässt das Scheitern einer Beziehung einen Trümmerhaufen. Oder, oder, oder ...
Bei all dem Bösen und Schlimmen, bei all dem Leid fragt sich so manche und mancher: „Ist Gott das alles egal?“ Gerade haben wir miteinander gesprochen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Wenn Gott wirklich der der Allmächtige ist, dann hat er ja mit dem allen zu tun. Wie meint er es mit seiner Welt, mit uns, mit dir und mir? Da möchte man manchmal mit dem Psalmenbeter fragen: „Warum, Gott, verbirgst du dich?“, da möchte man flehen: „Verbirg dein Antlitz nicht vor mir“ – oder – hast du gar kein Interesse an dieser deiner Erde und an mir?
Auch Martin Luther hat diese Frage – noch einmal anders – fast zum Verzweifeln gebracht: Wie meint es Gott mit mir? Wie kann ich es erfahren, wie er wirklich ist? Wird er mir immer dunkel und verborgen bleiben? Nimmt er mich an, oder bin ich verworfen, ist mein Leben sinnlos? Was muss ich denn noch alles tun, um das zu erfahren, um Gewissheit darüber zu bekommen? Lange fand er keine Antwort. Und seine Frage stellt sich heute ebenso, meistens, wenn etwas ganz Selbstverständliches wegbricht: Was hat denn alles für einen Sinn, was da passiert – im Großen, aber auch im Kleinen meines Lebens? Wie kann ich das erfahren?
Wir tasten uns an eine Antwort heran mit einer Frage. Mit der Frage: Was für eine Vorstellung von Gott haben wir eigentlich, wie definieren wir ihn?
Eine klassische Gottesdefinition stammt von dem griechischen Dichter Menander, der 290 vor Christus starb. Er sagt: „Das Göttliche ist das schlechthin Überlegene.“ Also: Gott wird als absolut perfekt und vollkommen gedacht, allem überlegen, so, wie es die griechischen Götterskulpturen mit ihrem unzerstörbaren, perfekt schönen Leib zeigen, in dem sich der souveräne, in sich selbst ruhende Geist widerspiegelt – das ist das Göttliche, das Ideal, dem gilt es nachzustreben gilt.
So ein Gottesbild hatten und haben viele – es ist aber höchst problematisch. Denn wenn das Göttliche, wenn Überlegenheit und Vollkommenheit das Höchste sind, welche Folgen hat das dann? Wo es Überlegene gibt, muss es auch Unterlegene geben, und wo ich das Perfekte, Vollkommene, Absolute will, geht das in der Regel auf Kosten der Mitmenschen und der Mitwelt. Das sogenannte 3. Reich und alle totalitären Systeme zeigen das überdeutlich. Wenn dieser Gott das Vorbild ist, dann ist kein Platz für Schwache und Leidende, Unglückliche und Verletzte.
Wenn dieser Gott das Vorbild ist, dem ich nachstrebe, dann überfordere ich mich aber auch selbst. Wenn ich immer danach strebe, perfekt zu sein, möglichst viel zu haben, ganz oben zu sein, dann kann mich das kaputtmachen und mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen ebenso. Es ist so wie bei den Winzern aus dem heutigen Evangelium, die durch ihre Gier sich und andere zugrunde gerichtet haben.
Die Vorstellung, die Christen von Gott haben, ist anders. Christen denken Gott von Jesus Christus her. Von dem also, in dem sich der allmächtige Gott, wie wir glauben, in einzigartiger Weise offenbart hat. Und diese Offenbarung steht in einem krassen Widerspruch zu dem antiken Gottesbild, das auch für heute für viele Menschen noch das geläufige ist. Wie sieht dieser christliche Gegenentwurf aus?
Er erzählt von einem Gott, der nicht als Götterkönig übermächtig und unnahbar über uns ist, sondern uns wie ein guter Vater, wie eine liebende Mutter nahekommt. Ja, Jesus hat uns Gott als liebenden Gott vor Augen gestellt, in ihm hat Gott selbst auf der Erde gelebt und gewirkt. Aber wer liebt, ist zutiefst verletzlich. Das heißt: Der Allmächtige hat die Liebe riskiert, hat sich verletzlich und ohnmächtig gemacht.
In der Parabel von den Arbeitern im Weinberg wird es ganz deutlich, sie sagt, schon übertragen: Gott schickt nach den Propheten seinen Sohn in den Weinberg seiner Welt, um das, was er erwarten darf, abzuholen: Dankbarkeit, Verantwortungsbewusstsein, Ehrfurcht und Liebe. Aber davon wollen die Menschen nichts wissen, sie wollen ihn los und selber die Herren sein. Ja, sie wollen Gott los sein und erschlagen seinen Sohn und werfen ihn aus dem Weinberg von Gottes Welt, respektive: Sie schlagen ihn ans Kreuz. So wird am Kreuz offenbar, was nicht nur in Römern und Juden, was in jedem Menschen steckt, die Ursünde, Gott, den liebenden, barmherzigen Urgrund aller Welt los sein zu wollen.
Die Gottlosigkeit, sie steckt auch in uns. Und wenn die Menschen den, der gekommen ist, um Gott allen Menschen als liebenden Gott offenbar zu machen, ans Kreuz schlagen, dann wird am Kreuz die Gottlosigkeit aller Menschen offenbar – das Gott-los-sein-Wollen, es steckt auch in mir. Aber diese Erkenntnis, die einen verzweifeln lassen könnte, sie ist nicht das letzte. Weil Gott sich in Jesus am Kreuz auf die Liebe hat festnageln lassen, ist der Mensch – sind wir – nicht für immer auf unseren Egoismus, auf unser „Wie-Gott-sein-wollen“ festgenagelt. Weil das Böse offenbar und überwunden ist, muss es uns nicht mehr beherrschen.
Dass das wirklich nicht nur ein schöner Wunschtraum ist, zeigt sich an Ostern. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg wird es deutlich: Eigentlich endet es ja mit der Katastrophe, mit dem Gericht über die Menschen. Die junge christliche Gemeinde aber hat es nicht beim Ende vom Strafgericht bewenden lassen. Die vielen, denen der Auferstandene als der lebendige Herr begegnet ist, haben dem Gleichnis einen Satz aus den Psalmen zugefügt: “Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden “ Das heißt: Der Gott der Liebe, der sich in Jesus offenbart hat, der Allmächtige, der den Weg in die Ohnmacht gegangen ist, er ist stärker ist als alle Mächte des Bösen. Man hat Christus, man hat den liebenden Gott wie einen unnützen, unbrauchbaren Stein weggeworfen, und dann hat sich herausgestellt: Er ist der Grund- und Eckstein, auf dem das Haus meines Lebens, auf dessen Liebe diese Welt stehen kann.
Um noch einmal auf den jungen Martin Luther zurückzukommen, den diese Frage so umgetrieben hat, was es denn mit diesem Gott auf sich habe, der so unerforschlich und unbegreiflich ist. Ihm hat – so hat er es Jahrzehnte später erzählt – sein Ordensoberer und Beichtvater Johann von Staupitz folgenden Rat gegeben. Er hat gesagt: „Schau auf die Wunden Christi und auf sein Leiden für uns!“ Und er hat damit gesagt: Hier kannst du sehen, wie Gott es mit uns meint. Wir kommen Gott nicht auf die Spur, indem wir herumgrübeln über das Wesen Gottes und Christi, sondern indem wir das betrachten, wie Christus gelebt und was er für uns durchlitten bis hin zu seinem Ostersieg.
In der Passionszeit gehen wir den Weg Jesu, den Weg des Helfens und Heilens, des Gottvertrauens und Mutmachens wieder ganz bewusst mit. Wir sind dabei beim Einzug in Jerusalem, wir sind dabei, wenn er sein Testament, sein neues Testament macht im Abendmahlssaal, wir sind dabei, wie er Angst schwitzt im Garten Gethsemane und dann am Kreuz betend schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Und wir sind dann – an Ostern – auch dabei, als der Auferstandene die verzagten Jünger grüßt: „Friede sei mit euch“ und sie mit der frohen Botschaft in die Welt hinausschickt: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
Ja, von ihm ergriffen, will ich seinen Weg der Liebe mitgehen, auch gegen alles, was dagegenzusprechen scheint. So wie es Tausende von Diakonissen getan haben im Dienst für den Nächsten, und Hunderte von Männern, die mit ihren Familien als Missionare Unbequemlichkeiten und Risiken auf sich genommen haben, um die Botschaft von dem menschenliebenden Gott in die Welt zu tragen. So wie es auch heute so viele Christenmenschen je auf ihre Weise Tag für Tag tun, die ihren Mitmenschen beistehen, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen und für den Frieden und dafür, dass die wunderbare Schöpfung Gottes nicht zum Teufel geht. Wir können diesen Weg mitgehen, weil wir mit dem glaubwürdigen Zeugen Dietrich Bonhoeffer sagen:
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen; die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Amen.
Wertvolle Anregungen für diese Predigt verdanke ich folgendem Aufsatz:
Reinhard Feldmeier: Heil im Unheil. Das Bild Gottes nach der Parabel von den bösen Winzern (Mk. 12,1-12 par), in: theologische beiträge, 25. Jahrgang, Februar 1994, S. 5-22