Predigt zum Reformationstag am 02. November 2025

Der Text für die heutige Predigt steht im 5. Buch Mose. Wir lesen hier, wie das Volk Israel nach der langen Wanderung durch die Wüste, kurz vor dem Ziel, von Mose Abschied nehmen musste. Der Mann mit dem direkten Draht zu Gott, der sie so prima geführt hatte, er war jetzt alt. Mose hatte ihnen in all der Zeit immer ein sicheres Gefühl gegeben. Aber nun im neuen Land sollte es einen neuen Anführer geben: Joshua. Mose wollte, dass seine Leute auch in Zukunft sicher waren. Er wollte ihnen noch einmal aufzeigen, auf welcher Basis sie bisher gelebt hatten und weiter leben sollten. So hielt er eine lange Abschiedsrede. Ein Ausschnitt aus dieser Rede ist der heutige Predigttext.

Ich lese aus dem 6. Kapitel in der deutschen Fassung „Hoffnung für alle“

 

Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe und mit all eurer Kraft. Bewahrt die Worte im Herzen, die ich euch heute sage! Prägt sie euren Kindern ein! Redet immer und überall davon, ob ihr zu Hause oder unterwegs seid, ob ihr euch schlafen legt oder aufsteht. Schreibt euch diese Worte zur Erinnerung auf ein Band und bindet es um die Hand und die Stirn! Ritzt sie ein in die Pfosten eurer Haustüren und Stadttore!

 

Ganz gewichtige Worte sind das. „Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein.“ Diese Worte sind zum Glaubensbekenntnis geworden. Viele wichtigen Gebete im Judentum beginnen mit diesen Worten. Alles, was den Glauben des Volkes Israel ausmacht, steckt da drin:

Wir glauben an einen Gott. Wir glauben an einen Gott. Wir glauben, dass Gott einzigartig ist. Nichts und niemand ist ihm gleich. Nichts und niemand steht neben oder gar über ihm.

Das gibt Mose seinen Leuten mit auf den neuen Lebensabschnitt. Das sollen sie nicht vergessen.
Sie werden auf Probleme stoßen. Wenn sich etwas verändert, ist das immer schwierig. Sie werden verunsichert sein. Sie werden Situationen erleben, in denen sie hilflos sind. Sie werden auch einmal scheitern. Sie werden einmal denken, früher war doch alles besser. Und dann werden sie sich fragen, auf wen und auf was kann man sich denn überhaupt noch verlassen?

Darum spricht Mose so eindringlich: Hört, ihr Israeliten! Denkt immer daran. Es gibt einen Gott. Und Gott ist einzigartig. Nichts und niemand ist mächtiger als er. Probleme und Nöte haben nicht das letzte Wort in eurem Leben. Gott war früher für euch da. Und Gott ist heute für euch da. Hört, ihr Israeliten. Gott ist für euch da, auch wenn sich etwas verändert. Auch wenn euch das Neue nicht gefällt. Der Herr ist unser Gott. Und nur er.

 

Man meint zu spüren, welche Sorgen sich Mose macht. Hoffentlich kommen meine Leute nicht unter die Räder. Hoffentlich verlieren sie nicht das Vertrauen, wenn es mal gar nicht läuft. Hoffentlich werden sie nicht größenwahnsinnig und bilden sich ein, irgend eine menschliche Führergestalt könnte sie retten, wenn der Karren fest steckt. Hoffentlich suchen sie nicht nach einer anderen Religion, weil sie vergessen, wie sie doch auch schon von Gott beschützt worden sind. Davor soll sie das alte Glaubensbekenntnis bewahren: Gott ist einzig. Nichts und niemand steht neben oder gar über ihm. Er ist immer die letzte Instanz. Was Menschen tun, müssen sie vor diesem Gott verantworten können.

 

Daran glaubt Mose fest. Und er kennt seine Leute recht gut. Die einen neigen zur Gedankenlosigkeit. Vielleicht sind sie so ein bisschen Hallodris. Sie wollen halt einfach ihren Spaß haben. Die anderen neigen zur Selbstüberschätzung, sie machen gerne den großen Zampano. Das eine, wie das andere führt früher oder später zu Problemen – und vor allem: es führt weg von Gott.

Mose will aber, dass sich seine Leute sicher fühlen. Er will, dass sie gerne leben, auch wenn jetzt ein neuer Zeitabschnitt beginnt, auch wenn jetzt vieles anders wird als gewohnt.
Mose ist ein guter Lehrer. Er kennt Tricks und Mittel, die helfen, dass Menschen stabil bleiben.

Man braucht etwas zum Anfassen. Man muss etwas vor sich sehen, damit man es nicht vergisst. Man muss die wichtigen Dinge immer wieder wiederholen, damit sie einem präsent bleiben.

Darum rät er: Erinnert euch im Alltag immer wieder an unser Glaubensbekenntnis. Wenn ihr merkt, wie super alles gerade läuft: Denkt daran, dass Gott es ist, der alles in seinen Händen hält und dankt ihm. Wenn ihr erschreckt und merkt, wie ihr die Kontrolle verliert: Denkt daran, dass Gott es ist, der alles in seinen Händen hält. Vertraut darauf, dass er es wieder gut machen kann. Bittet ihn darum. Und ihr müsst immer wieder darüber reden. Erzählt euch gegenseitig, wo Gott für euch da war. Erzählt euch gegenseitig, wenn ihr Angst habt und nicht an Gott glauben könnt. Sprecht auch mit euren Kindern darüber. Lasst die Kinder teilhaben an euren Erfahrungen und Gedanken. Hört euch an, was eure Kinder dazu erzählen.

 

Mose ist ein begnadeter Lehrer. Er weiß, dass wir Menschen am besten lernen, wenn wir alle unsere Sinne benutzen. Darum rät er: Schreibt euch auf, wie mächtig Gott ist und wie sehr wir ihm vertrauen. Schreibt es so auf, dass ihr es immer wieder seht und daran erinnert werdet. Bastelt euch Gegenstände, die euch an das Glaubensbekenntnis erinnern. Die könnt ihr mitnehmen, in der Hand fühlen, an euer Herz halten, an eure Stirn.

 

Diese schlauen Methoden funktionieren auch heute noch. Kennen Sie das, liebe Gemeinde? Schülerinnen und Schüler schreiben oder malen sich manchmal einen Lernstoff auf ein Plakat, das sie gut sichtbar aufhängen. Manchmal schreiben sie den Lernstoff auch auf einen kleinen Spickzettel. So ein Spickzettel kann sehr hilfreich sein – sogar wenn man ihn gar nicht benutzt. Weil man vorher alles schön kompakt aufgeschrieben hat, hat man die Informationen schon recht gut im Kopf.

Manche Menschen stellen sich an ihren Arbeitsplatz eine Karte mit einem aufmunternden Text. Manche nehmen einen kleinen Gegenstand in ein schwieriges Gespräch mit und umklammern den Gegenstand heimlich in der Tasche. Manche Kinder stellen sich ein Kuscheltier auf die Schulbank, wenn sie eine Probe schreiben müssen.
Von solchen kleinen Tricks kann eine Kraft ausgehen. Oft hilft es, wenn man zur eigenen Bestärkung etwas sehen oder anfassen kann.

Ich habe das in meiner Zeit als Lehrkraft in der Schule öfter erlebt. Schülerinnen und Schüler haben das gerne ausprobiert mit einem Handschmeichler in der Tasche. Und wenn sie einmal eine gute Erfahrung damit gemacht haben, konnten sie das erzählen. Wenn man miteinander redet, wenn man erzählt, wie man eine schwierige Situation bewältigt hat, dann macht einen das noch ein bisschen stärker.

Die Israeliten haben diese Idee ebenfalls umgesetzt. Wenn sie erlebt haben, dass Gott ihnen geholfen hat, haben sie dies immer wieder erzählt. Über viele Jahrhunderte bis heute. Ihre Geschichten können nachgelesen werden im hebräischen Teil der Bibel. Die Geschichten werden erzählt beim Passahfest. Sie werden an die Kinder weiter gegeben. Die Israeliten haben sich ihr Glaubensbekenntnis auf kleine Zettel geschrieben, haben die Zettel in kleine Lederkästchen gesteckt. An diesen Kästchen waren Lederriemen dran. Die Lederriemen wurden um die Finger gewickelt und um den linken Arm. Am linken Oberarm wurde das Kästchen festgebunden. (in die Nähe des Herzens) und vor der Stirn wurde ebenfalls ein Kästchen mit einem Riemen festgebunden. (in die Nähe des Verstandes). In allem, was sie tun, was sie fühlen und was sie denken soll immer deutlich werden: Wir glauben an Gott. Gott ist einzig.

So geschieht das bis zum heutigen Tag. Gläubige Juden legen genau so Gebetsriemen an, wenn sie beten. Hier geht es um die Basis ihres Glaubens.

 

Wir Christen haben nicht den Brauch mit den Gebetsriemen übernommen. Aber andere Hilfsmittel, wie ein Bild auf dem Schreibtisch oder einen Handschmeichler in der Tasche, ein Kreuz oder einen Schutzengel als Anhänger an einer Kette; all das kennen auch wir Christen.Vor allem aber stehen wir mit den Juden zusammen auf dem selben Grundstein: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein.

Das hat uns auch Jesus mitgegeben. Das lesen wir in den Evangelien. Das hat auch Christen über die Jahrhunderte geholfen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten sind.

 

Es gab und gibt immer wieder Situationen, in denen man als Christ nicht so recht spürt, wo denn die Macht Gottes ist. Wir erleben, dass ganz etwas anderes große Macht über uns hat: Eine Krankheit, ein Streit, eine gesellschaftliche Entwicklung, die einen plötzlich im Aus stehen lässt, politische Mächte….

Ich nenne ein Beispiel aus der Vergangenheit:
Martin Luther und die anderen Reformatoren waren ganz gewaltigem politischen Druck ausgesetzt. Die Mächtigen ihrer Zeit wollten sie zum Schweigen bringen. Martin Luther setzte dem entgegen: „Mein Gewissen ist im Gotteswort gefangen“. Widerrufen will er seine Aussagen nur, falls diese nicht mit dem biblischen Wort übereinstimmen sollten. Denn, das war sein Grundbekenntnis: Gott ist der Herr. Nicht der Papst, nicht der Kaiser. Gott vertraue ich.

 

Solches Gottvertrauen gab Martin Luther damals Kraft. Der Augenschein, spricht doch oft dagegen, dass Gott der Herr über allen Dingen ist. Darum ist diese Idee von Mose so genial, dass man es wieder und wieder erzählen soll, dass man sich daran festhalten kann wie an einem Gegenstand. Vielleicht sage ich dieses Bekenntnis manchmal verzweifelt oder wütend. Vielleicht klammere ich mich manchmal trotzig an unserem Bekenntnis fest:

Gott, der Herr, ist der einzige. Er ist für mich da. Nichts und niemand ist über ihm; kein Arbeitgeber, keine Regierung, keine Mitschülerin, kein Kollege – niemand steht über Gott. Niemand trennt mich von Gott. Auch keine Erkrankung, auch nicht der Tod.

 

Wir haben da eine Jahrtausende alte wertvolle Glaubensbasis aus dem Judentum. Als Christen haben wir aus den Evangelien noch einen weiteren Grundsatz dazu bekommen. Jesus sagt da zunächst:

»Dies ist das wichtigste Gebot: ›Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein.
Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft.‹«
Und dann sagt er weiter: »Ebenso wichtig ist das andere Gebot: ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‹ Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.« (Mk 12,29-31)

Hier kommt ein wertvoller Hinweis hinzu. Wir können etwas tun, wenn wir in Not geraten. Das eine ist ja: Ich besinne mich auf meine Glaubensbasis und das macht mich stark.

Das andere ist: Ich nehme meine Mitmenschen wahr. Ich sehe, wie nicht nur ich, sondern auch andere Liebe brauchen, Solidarität ist nötig. Und auch, dass man mal hinlangt und ganz konkret etwas tut.

Gottes Kraft macht uns nicht nur innerlich stark, sie ermöglicht uns auch ein starkes Auftreten.

Schauen wir aufeinander, liebe Gemeinde. Passen wir aufeinander auf.

Da kann man in der Nachbarschaft andere unterstützen, die ihren Alltag gerade selber nicht so ganz hinkriegen. Dort kann man jemanden auf eine Behörde begleiten, der selbst nicht so sicher sprechen kann. Hier können wir andere Mitbetroffene suchen und gemeinsam überlegen wie man gegen einen Missstand oder eine Ungerechtigkeit vorgehen kann.

Solidarität macht stark, liebe Gemeinde.

 

Zu einem solchen Reformationsfest 2025 möchte ich uns alle einladen. Ein Fest, an dem wir Gott zutrauen, dass er wirklich der Herr ist. Ein Fest, an dem wir anderen Menschen zeigen, dass wir für sie da sind. Ein Fest an dem Menschen nicht aufgeben, sondern immer gemeinsam nach Lösungen suchen.

 

Dazu helfen uns Gott, dessen Friede höher ist als unsere Vernunft, und er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.