Predigt zum letzten Sonntag nach Epiphanias, von Pfarrer Dr. Peter Munzert

Friede sei mit Euch, von dem, der da war, der da ist und der da kommt.

Liebe Gemeinde!

Unser Predigtwort steht im 2. Mose 3. Es ist die Erzählung von der Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch.

1 Mose hütete damals die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er die Herde von der Steppe hinauf in die Berge und kam zum Horeb, dem Berg Gottes. 2 Dort erschien ihm der Engel Gottes in einer feurigen Flamme, die aus einem Dornbusch schlug. Als Mose genauer hinsah, bemerkte er, dass der Busch zwar in Flammen stand, aber nicht verbrannte. 

3 Da sprach er: »Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung ansehen. Warum verbrennt der Dornbusch nicht?«

4 Gott sah, dass Mose sich dem Feuer näherte, um es genauer zu betrachten. Da rief er ihm aus dem Busch zu: »Mose, Mose!«

Er antwortete »Ja, Herr, hier bin ich«.

»Komm nicht näher!«, befahl Gott. »Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden! 6 Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.«

Mose verhüllte sein Gesicht, denn er hatte Angst davor, Gott anzuschauen. 

7 Gott sagte: »Ich habe die Not meines Volkes in Ägypten gesehen. Ich habe die Klage über ihre Unterdrücker gehört. Ich weiß, was sie dort erleiden müssen. 8 Deshalb bin ich herabgekommen, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu retten. Ich will sie aus diesem Land herausführen und in ein gutes, weites Land bringen, in dem Milch und Honig fließen. 10 Darum geh nun nach Ägypten, Mose! Ich will dich zum Pharao senden, denn du sollst mein Volk Israel aus Ägypten herausführen!«

13 Mose aber entgegnete: »Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage, dass der Gott ihrer Vorfahren mich zu ihnen gesandt hat, werden sie mich nach seinem Namen fragen. Was sage ich dann?« 

14 Gott antwortete: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Darum sag den Israeliten: ›Ich-werde-sein‹ hat mich zu euch gesandt. 

Gott, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.

Liebe Gemeinde,

wer ist Gott für uns? Welches Bild haben wir von Gott? Wie ist Gott? Vermutlich sind es unendlich viele Bilder, die wir in unseren Herzen tragen, die sich einfach im Lauf der Zeit in uns gewachsen sind.

Mose fragt Gott, was soll ich meinem Volk denn sage, wer dieser Gott ist, der für uns da sein will? Er hat noch keine rechte Vorstellung, wer dieser Gott eigentlich sein soll.

Gott antwortet ihm beinahe etwas rätselhaft und sehr abstrakt:

Luther 2017: Ich werde sein, der ich sein werde. So übersetzt es Martin Luther (Fassung von 2017).

Andere Bibelübersetzungen wählen folgende Varianten:

Gute Nachricht: Ich bin da

Neues Leben Bibel: Ich bin, der ich immer bin. 

Buber: Ich werde da sein, als der ich da sein werde – Ich bin da

Preuß: Ich werde sein, als der ich mich erweisen werde oder: an meinen Taten werdet ihr mich erkennen.

Gott hat hier keinen Namen. Er gibt sich selbst keinen Namen, er sagt nur: „Ich bin. - Ich bin da.“ Die Bibel verwahrt sich dagegen, Gott einen Namen zu geben. Das fällt schwer, denn wir sind es gewohnt, einander mit Namen anzusprechen - am liebsten mit dem Vornamen, wenn wir miteinander vertraut sind.

In Bilder und Kunstwerken drücken wir aus, wie wir Gott sehen, wie wir ihn uns vorstellen, was er für uns bedeutet. Häufig wird Gott in Symbolen mit Lichtstrahlen, als Dreieck, als großes Auge oder als ein ehrwürdiger und weiser Mann dargestellt. Jesus sagt zu ihm „Abba“, „Vater“.

Wir haben eigentlich gelernt, dass wir uns von Gott kein Bild machen sollen und es auch nicht können. So lesen wir es in den 10 Geboten, die Moses etwas später in unserem biblischen Bericht an das Volk Israel auch weitergeben wird.

In reformierten Kirchen, wie in St. Martha in Nürnberg, wird eine sehr schlichte Innausstattung gewählt. Es gibt keine religiösen Bilder, keine Gottesdarstellungen, und schlicht auch keine Kerzen oder Kreuze. Die einzigen Farbtupfer sind die bunten Glasfenster im Chorraum, die wegen des Denkmalschutzes dort verblieben sind. In modernen reformierten Kirchen fehlen auch diese, wie übrigens auch bei pfingstlerischen Gemeinden.

Warum? Bilder, Symbole und Namen lenken ab – sie verfälschen Gott, das ist die große Sorge. Als viele Israeliten Gott mit einem goldenen Stier darstellen wollen, werden sie abgestraft. Die Gefahr ist zu groß, sich ein falsches Bild von Gott zu machen.

So beschrieb es auch Karl Barth, ein prominenter Pfarrer und Theologe im vergangenen Jahrhundert. Gott sei der „Ganz andere“, der sich nicht fassen lasse.

Ich muss gestehen, mir war das immer etwas zu nüchtern, auch wenn ich die Argumentation verstehe. Jedes Bild, das wir uns von Gott machen, fasst ihn in ein Korsett. So ist das ja auch mit uns Menschen. Wir machen uns Bilder voneinander: Der da ist nett, der vertraue ich, die schaut gut aus, der kann was und der nervt… Schlimmer noch wird es, wenn das Äußere wie Kleidung, Frisur, Hautfarbe oder Aussehen unseren Eindruck bestimmen.

Sie kennen doch das berühmte Wort des Kleinen Prinzen von Antoine des Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Er zielt auf die inneren Werte ab, auf das liebende Auge, das sich kein Bild macht und auch kein Bild braucht. Das innere Auge, das einen Menschen anschaut und liebt, weil es einfach liebt, egal wie die geliebte Person aussieht, egal wer sie ist und wie sie ist. Liebe ist irgendwie auch blind – auf eine schöne Art und Weise.

Ich will das nicht idealisieren. Natürlich haben wir Augen im Kopf und sehen uns unsere Mitmenschen an, Männer und Frauen, Kinder, Ältere… Das ist oft unser erster Eindruck, bevor wir mit jemand sprechen.

Nun stellen wir uns für einen Moment vor, wir wären blind, wir könnten nichts sehen. Das will ich weiß Gott nicht, vielleicht ringen auch einige von Ihnen mit ihrem Augenlicht und ihrer Sehkraft und vertrauen nun auf andere Sinne, die ihnen helfen, mit anderen in Beziehung zu treten.

Sie hören auf die Stimme des Gegenübers, wie klingt sie? Freundlich, warm, gereizt, genervt, bedrohlich oder vielleicht auch gelangweilt. Das Ohr kann sehr sensibel sein und vieles von dem  sehen, was sogar den Augen verborgen bleibt.

Ähnlich ist es mit dem Gehör, dem Tastsinn, mit Berührungen, dem Geruch, dem Bauchgefühl…

Ich glaube, wir können es gar nicht verhindern, uns innere Bilder von unserem Gegenüber zu machen.

Es ist vielleicht nur ein erster und einfacher Eindruck, eine flüchtige Wahrnehmung, so beschreibt es Botho Strauss in seiner Prosasammlung „Paare, Passanten“. Menschen flanieren vorbei, je näher sie kommen, umso dichter werden die Wahrnehmungen, dann gehen sie weiter, entfernen sich und der Eindruck verflüchtigt sich wieder.

Bei einem Bewerbungsgespräch versucht der Dienstgeber sich in kurzer Zeit ein möglichst klares und authentisches Bild einer Person zu verschaffen. Bei einem Speeddating möchten Suchende in möglichst kurzer Zeit ihr Gegenüber kennenlernen oder zumindest einfach einmal anschauen. 30 Sekunden, so sagt es die Theorie, reichen schon aus, um zu spüren, ob uns jemand sympathisch ist oder nicht und wir die Person besser kennenlernen möchten oder auch nicht. 30 Sekunden gehen irre schnell vorüber, aber sie können ausreichen, um ein erstes tiefes Gefühl zu erhaschen. 30 Sekunden können über die Zukunft von Menschen entscheiden.

All diese menschlichen, sehr menschlichen Erfahren und ersten, flüchtigen Eindrücke versucht die Bibel zu vermeiden.

Gott ist anders. Wir sollen uns nicht einfach ein handgestricktes Bild von ihm machen, so sagen es die 10 Gebote.

Gott ist anders, auch wenn Gott sich in Jesus Christus ganz menschlich gezeigt hat, so gibt es doch eine andere und verborgene Seite in Gott, die uns entzogen bleibt und die Größe und Weite Gottes wiedergibt, die unendliche Vielfalt der Gotteserfahrungen von uns Menschen auf dieser Welt.

Wir sollen ihn fürchten und lieben, sagt Martin Luther immer und immer wieder im Kleinen Katechismus, um uns vor einfachen, schnellen und einseitigen Vorstellungen von Gott zu bewahren.

Joachim Track, langjähriger Theologieprofessor an der Augustana-Hochschule, hat immer gesagt. Wir haben eine Glaubenserfahrung mit Gott. Wir haben eine persönliche Geschichte mit Gott. Jeder und jede von uns. Wir haben Zeiten, in denen uns Gott ganz nah ist, wir uns bei ihm geborgen fühlten, und auch wieder Zeiten, in denen Gott fern war, verborgen und weit weg. Über die Jahre hinweg wächst die Glaubensbeziehung. Das Vertrauen wird tiefer, das Miteinander fester. Wir wissen zwar, dass wir Gott nicht einfach so fassen können, geschweige denn ihm vorschreiben können, was er zu tun oder zu lassen hätte, aber dass wir doch die Zuversicht haben, Gott ist da und er lässt uns nicht allein. Er ist da.

Das ist für mich das Entscheidende - die Zuversicht. Das ist noch ein wenig mehr als Hoffnung. Zuversicht heißt auch ein Stück Sicherheit zu haben, Verlässlichkeit, dass Gott immer da ist.

Und jetzt sind wir auch wieder bei dem Namen Gottes.

„Ich bin da. Ich bin immer da.“

Wenn wir Gott in unserem Leben spüren, wenn wir spüren, dass Gott zu uns gehört, ein Teil von uns ist, dann können wir seinen Namen auch so übersetzen:

Ich bin der Gott, der da ist, der in deinem Leben ist, der mit dir mitgeht, an dem du dich festhalten kannst, der dich trägt, und der dich aufrichtet, der mit dir weint und mit dir lacht, der schlicht immer da ist, auch wenn du mich nicht siehst oder meine Stimme nicht hörst. Sei getrost und habe Zuversicht. Ich bin immer da.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.