Fastenpredigt von Vorständin Verena Bikas:
Die Bedeutung des Kreuzes in der Diakonie heute

Liebe Gemeinde,

ursprünglich sollte heute unser ehemaliger Vorstandsvorsitzender Dr. Mathias Hartmann zu Ihnen sprechen. Doch inmitten des Wandels, den unser Unternehmen gerade erlebt, habe ich als Vorständin für Bildung diese Aufgabe übernommen. Zunächst war ich skeptisch. Aus meiner katholischen Sozialisation heraus gebe ich ehrlich zu, war ich zunächst gehemmt, von einer Kanzel zu sprechen. Doch das Team des Diakonisch-theolgischen Diensets hat mir versichert, dass dies ein schönes Zeichen wäre und in der evgangelischen Kirche auch nicht unüblich. Sie konnten mir die die Befürchtungen nehmen, so dass ich mich nun sehr freue, hier zu stehen. Ich sehe dies als eine Gelegenheit, gemeinsam mit Ihnen über das Kreuz nachzudenken – ein uraltes Symbol des christlichen Glaubens und zugleich das Zeichen, unter dem die Diakonie und auch Diakoneo steht.

Ich selbst bin in einem kleinen Ort in der Oberpfalz aufgewachsen und habe mich seit Kindheit engagiert. Vom Kirchengesang über den Ministrant*innendienst bis hin zur Gemeindebücheri gehörte es für mich schon immer dazu, in der Kirchengemeinde mitzuhelfen. Auch das Kreuz ist bis heute in meiner Familie ein wichtiges Symbol, es hängt in fast allen Räumen meines Elternhauses. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mittlerweile nicht mehr viel darüber nachdenke, welche Bedeutung das Kreuz hat. Es ist selbstverständlich geworden, dass es da ist. Deshalb hat es mir sehr viel Freude bereit, sich mit diesem Thema einmal wieder zu beschäftigen.

Was bedeutet dieses Kreuz also für uns heute, in einer Welt, die von Vielfalt, Kultursensibilität und Offenheit geprägt ist? Wie bleibt es ein Symbol der Liebe und Hoffnung für alle, unabhängig von Herkunft oder Überzeugung?

Diese Fragen sind gerade für uns als diakonisches Unternehmen von großer Bedeu-tung. Mit rund 10.000 Mitarbeitenden in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Senio-ren- und Behindertenhilfe stehen wir vor großen Herausforderungen. Diakoneo befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel – die Abgabe der Gesundheitssparte, der personelle Wechsel im Vorstand, die Fokussierung auf die Kernbereiche Bildung und Dienste für Menschen. Diese Veränderungen rufen verständlicherweise Unsicherheiten hervor. Umso wichtiger ist es, uns auf das zu besinnen, was uns trägt und verbindet: unser diakonischer Auftrag und das Kreuz als unser gemeinsames Zeichen.

Das Kreuz als Zeichen der Liebe und Hingabe

Das Kreuz erinnert uns an das zentrale Geschehen des Christentums: Jesus Christus hat sein Leben für andere gegeben. Seine Hingabe war kein Akt der Resignation, sondern Ausdruck größter Liebe und Solidarität. Genau das ist es, was uns auch bei Diakoneo antreibt. Wo Menschen sich für andere einsetzen, wo Leid gelindert und Hoffnung geschenkt wird, da wird das Kreuz nicht als Zeichen des Todes, sondern als Zeichen des Lebens erfahrbar.

Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit ist es wichtig, dass wir diese Hingabe weitertragen. Die Mitarbeitenden in unseren Einrichtungen – ob in der Pfle-ge, der Bildung oder den sozialen Diensten – leisten tagtäglich diesen Dienst am Nächsten. Sie begleiten Menschen in schwierigen Lebenslagen, geben ihnen Würde, Zuwendung und Unterstützung. Das ist gelebte Nächstenliebe – das ist das Kreuz in Aktion.

Aber das Kreuz hat für viele Menschen nicht nur eine positive Bedeutung. Beispielsweise wirkt es in Bezug auf die Kreuzzüge negativ und auch das Jesus ans Kreuz genagelt wurde, lässt nicht unbedingt schöne Gedanken zu. Gleichzeitig sehen wir auf dem Friedhof Kreuze, einem Ort, an welchem wir unseren Liebsten gedenken, weil sie verstorben sind.

Es stellt sich die Frage: ist das Kreuz nicht sehr individuell interpretierbar, je nachdem, auf welchem Weg man sich gerade in seinem Leben befindet?

Oder: auf welchem Weg sich Diakoneo befindet.

Das dreidimensionale Kreuz: Weil wir das Leben lieben

Diakoneo hat das das dreidimensionale, dreibalkige Kreuz, gewählt. Ja ganz richtig, es ist ein Kreuz. Oftmals wird es rein als Stern betrachtet.

Aber: es trägt eine klare Botschaft: „Weil wir das Leben lieben.“

Diese Deutung verbindet Glaube mit Praxis, Tradition mit Gegenwart. Es ist ein Kreuz, das nicht abgrenzt, sondern einlädt; das nicht belastet, sondern befreit. Es steht für eine Haltung, die Leben fördert – gerade dort, wo es bedroht, verletzt oder ausgegrenzt wird.

Dieses stilisierte Kreuz ist mehr als ein grafisches Element. Es symbolisiert drei wesentliche Dimensionen unserer diakonischen Arbeit:

•         Unser Dienst für Menschen reicht von der Geburt bis zum Lebensende.

•         Er bewegt sich vom Bewahren diakonischer Traditionen bis hin zur Einführung moderner Innovationen.

•         Er ist gleichzeitig weltlich orientiert und christlich gegründet.

Diese drei Dimensionen stehen in einer natürlichen Spannung zueinander, genau wie die Farben des Kreuzes, die sich überlagern und neue Nuancen entstehen las-sen. Sie verdeutlichen die Dynamik unseres Sozialunternehmens: Wir ehren die Tradition, entwickeln uns weiter und bleiben dabei unserer christlichen Identität treu. Gleichzeitig sympolisieren wir, dass nicht alles auf den ersten Blick so scheint, wie wir es vielleicht meinen nund kennen. Das gilt auch für unsere Menschheit.

Das Kreuz als „Sternchen“? Gendergerechtigkeit und Offenheit

Immer wieder wird unser Diakoneo-Kreuz aufgrund seiner Form mit einem Sternchen verwechselt. Das mag auf den ersten Blick amüsant wirken, öffnet aber zugleich einen tiefgehenden Diskurs über Sprache, Identität und Gendergerechtigkeit.

Ja, das ist in gewisser Weise auch ein sehr persönliches Thema von mir.

Bei Diakoneo stehen wir vor der Herausforderung, eine inklusive Sprache zu finden, die niemanden ausschließt und zugleich unsere christlichen Werte wahrt.

Das Kreuz ist ein Symbol der offenen Arme – es schließt niemanden aus. Es steht für Vielfalt, für die Anerkennung der Einzigartigkeit jedes Menschen. Es erinnert uns daran, dass wir uns aktiv dafür einsetzen müssen, dass alle Menschen gesehen, gehört und in ihrer Würde geachtet werden. Einfach ist das in unsere heutigen Welt nicht. Wenn wir die politischen Entwicklungen auf der ganzen Welt in den letzten Monaten verfolgen, so wird einem wieder bewusst, dass nicht jeder Mensch – egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Kultur und welcher sexuellen Orientierung – gleich gesehen und gleich behandelt werden.

So kann das dreidimensionale Kreuz – ob als Kreuz oder als vermeintliches „Sternchen“ – ein Zeichen der Verbundenheit sein, das die Unterschiedlichkeit der Menschen nicht nur akzeptiert, sondern als Bereicherung versteht.

Das Kreuz in einer diversen Gesellschaft

Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Bei Diakoneo begegnen wir Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Weltanschauungen. Wie können wir das Kreuz in diesem Kontext verständlich machen? Vielleicht, indem wir es als universales Zeichen der Solidarität und Mitmenschlichkeit deuten. Das Kreuz erinnert daran, dass niemand allein ist im Leid, dass wir einander tragen sollen. Es mahnt uns, Ausgrenzung und Diskriminierung entgegenzutreten und das Evangelium der Liebe mit offenem Herzen zu leben.

Gerade im diakonischen Kontext bedeutet das, Räume zu schaffen, in denen Men-schen unabhängig von ihrer Herkunft oder Überzeugung Hilfe und Unterstützung erfahren. Wir lieben das Leben – auch, wenn es nicht perfekt ist, auch wenn nicht jeder Mensch perfekt ist. Muss er auch gar nicht.

Diese Liebe zeigt sich nicht in unseren Worten, sondern in unserem Handeln. Sie zeigt sich in der Pflege älterer Menschen, in der Unterstützung von Menschen mit Behinderung, in der Förderung von Kindern und Jugendlichen. Aber auch in unserem täglich Tun mit Menschen – ob privat oder beruflich.

Das Kreuz ist nicht nur ein religiöses Symbol, sondern ein praktischer Auftrag: die Würde jedes Menschen zu achten und ihm in Liebe zu begegnen. Eigentlich ganz einfach, und trotzdem tun wir Menschen uns oft schwer mit diesem Auftrag.

Das Kreuz als Kompass in Zeiten des Wandels

Als Vorständin von Diakoneo und insbesondere als Vorstädnign für Bildung weiß ich, dass die Zukunft nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen bereithält. Bildung ist eine zentrale Säule unserer diakonischen Arbeit – von der frühkindlichen Förderung in unseren inklusiven Kindertagesstätten über unsere Förderzentren, Realschule, Gymnasium und bis hin zu den beruflichen Schulen, die junge Menschen auf ihre Zukunft vorbereiten.

In einer Phase des Umbruchs ist es jedoch leicht, sich auf das zu konzentrieren, was verloren geht. Die Unsicherheiten über die Zukunft, die Sorgen um Arbeitsplätze, die Frage, wie sich unsere Identität als Unternehmen verändern wird – all das beschäftigt uns. Doch das Kreuz kann uns helfen, den Blick nach vorne zu richten. Es ist kein statisches Zeichen, sondern eines, das Bewegung und Veränderung in sich trägt. Obwohl es sich seit so langer Zeit nicht verändert hat, wird es unterschiedlich wahrgenommen, interpretiert und einmal mehr und einmal weniger bedeutsam gesehen.

Das Kreuz ist für die Christenheit seit jeher ein Symbol der Hoffnung. Es steht für Auferstehung, für die Überwindung von Angst und für das Versprechen, dass nach jedem Karfreitag ein Ostermorgen folgt. Diese Botschaft gilt auch für unser Unter-nehmen: Veränderungen sind herausfordernd, aber sie bergen immer auch Chan-cen.

Gerade in Zeiten des Wandels kann das Kreuz uns Orientierung geben, so wie ein Kompass in stürmischer See. Es weist uns den Weg, gibt uns Halt und erinnert uns daran, dass jeder Umbruch auch eine Möglichkeit zur Erneuerung ist. Das Kreuz ist ein Zeichen der Hoffnung – nicht nur für unseren Glauben, sondern auch für unsere Arbeit.

Wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen, auf unsere diakonische Identität und die Menschen, die unsere Arbeit mit Leben füllen, dann können wir gemeinsam gestalten, statt nur zu reagieren. Wir können lernen Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zu begreifen und uns daran zu erinnern, dass wir getragen sind – von unserem Glauben, unserer Gemeinschaft und unserem gemeinsamen Auftrag.

In der Bildung bedeutet das, jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen, ihnen Werte zu vermitteln und sie zu stärken, damit sie ihren eigenen Weg gehen können.

Schlussgedanke und Impuls

Liebe Gemeinde,

in dieser Fastenzeit lade ich uns alle ein, das Kreuz neu zu betrachten. Nicht als Zeichen von Trennung, sondern als Brücke. Nicht als Erinnerung an Schmerz, sondern als Aufruf zur Liebe. Nicht als ein Relikt der Vergangenheit, sondern als ein Symbol, das uns heute und morgen herausfordert: Weil wir das Leben lieben.

Gerade jetzt, in einer Zeit der Veränderung, lasst uns das Kreuz als Zeichen der Er-mutigung sehen. Lasst uns Vertrauen haben, dass wir gemeinsam diesen Weg ge-hen können – getragen von der Liebe, die das Kreuz verkörpert.

Amen.

Fastenpredigt Vorständin Verena Bikas