Predigtreihe "Zukunft" der Augustana-Hochschule

Predigt zu „Alle meine Wege“ (Ps 139,3b)
„Gewisse.Ungewissheit“ – Wie vorhin schon angedeutet, hat dieser Titel unserer Predigtreihe eine gewisse Doppeldeutigkeit. Auf der einen Seite etwas Vages: Da herrscht so eine gewisse Ungewissheit, wenn man an die Zukunft denkt. Auf der anderen Seite eine sichere Gewissheit: Ich kann mir gewiss sein, dass die Zukunft letztendlich ungewiss ist. Ich finde es durchaus bezeichnend, dass dieses Wort „gewiss“ in beiderlei Hinsicht gebraucht werden kann. Einerseits, um etwas Gewisses und Sicheres auszudrücken, andererseits, um etwas Vages auszudrücken.
Aber egal, wie man es dreht und wendet: Bezogen auf unser Thema „Zukunft“ bleibt wohl doch die Ungewissheit. Das ist ja auch irgendwie klar – denn wer kann schon mit absolut sicherer Gewissheit die Zukunft genau voraussagen? Natürlich ist die Zukunft ungewiss. Aber was mache ich jetzt mit dieser Erkenntnis?
Das kann ganz unterschiedliche Gefühle hervorrufen. Ist das nun schlecht oder gut, diese gewisse Ungewissheit? Stürzt mich das in eine Krise – oder verbirgt sich vielleicht auch eine Chance darin? Und hab ich eigentlich auch Einfluss auf meine Zukunft – oder bin ich dem Schicksal ausgeliefert?
„Alle meine Wege“ – so lautet ja der Titel meiner Predigt. Es ist ein Zitat aus Psalm 139,3. Da spricht jemand zu Gott: „Alle meine Wege sind dir bekannt.“ Und das ist quasi ein roter Faden, der den Psalm durchzieht. So lautet die Übersetzung der BasisBibel:
1HERR, du hast mich erforscht und kennst mich genau. 2Ob ich sitze oder stehe: Du weißt es. Meine Absicht erkennst du von fern. 3Ob ich gehe oder ruhe: Du merkst es. Alle meine Wege sind dir bekannt. 4Noch liegt mir kein Wort auf der Zunge, schon weißt du, HERR, was ich sagen will. 5Von hinten und von vorn hast du mich umfasst und hast deine Hand auf mich gelegt. 6Zu wunderbar ist dieses Wissen für mich. Es ist mir zu hoch: Ich kann es nicht begreifen. 7Wohin könnte ich gehen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deiner Gegenwart? 8Würde ich in den Himmel steigen: Du bist dort. Würde ich mich in der Unterwelt verstecken: Dort bist du auch. 9Würde ich hochfliegen, wo das Morgenrot leuchtet, mich niederlassen, wo die Sonne im Meer versinkt: 10Selbst dort nimmst du mich an die Hand und legst deinen starken Arm um mich. 11Da sagte ich: »Finsternis komme über mich! Nacht soll mich umhüllen wie sonst das Licht!« 12Doch für dich ist die Finsternis nicht finster, und die Nacht leuchtet so hell wie der Tag: Finsternis ist für dich wie das Licht. 13Ja, du hast meine Nieren geschaffen, mich im Bauch meiner Mutter gebildet. 14Ich danke dir und staune, dass ich so wunderbar geschaffen bin. Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind. 15Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers, als ich im Verborgenen geschaffen wurde – ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde. 16Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen, da sahen deine Augen schon mein Wesen. Ja, alles steht in deinem Buch geschrieben: Die Tage meines Lebens sind vorgezeichnet, noch ehe ich zur Welt gekommen bin. 17Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, Gott! Wie zahlreich sind sie doch in ihrer Summe! 18Wollte ich sie zählen: Es sind mehr als der Sand. Würde ich erwachen: Noch immer bin ich bei dir.

Da spricht jemand ein Gebet in der tiefen Überzeugung, dass Gott einfach alles weiß und alles kennt, dass er überall ist und dass er einen genauen Plan hat. So die Kurzfassung.
Ich finde, das kann man durchaus ambivalent verstehen. Ich kann da auf der einen Seite eine gewisse Beklemmung herauslesen: Es gibt nirgendwo einen Ort, an dem Gott nicht ist. Selbst in der Unterwelt, in der Totenwelt, ist er zu finden. Er ist wirklich überall. „Wohin fliehen vor deiner Gegenwart?“ Es gibt kein Entrinnen. Von hinten und von vorn, von allen Seiten umfasst er, legt die Hand auf, legt den starken Arm um. Das kann auch erdrückend wirken. „Finsternis ist wie das Licht“ – es gibt keine dunklen Flecken, nichts, was im Dunkeln bleibt, nichts ist zu verstecken. Und es kann nichts gesagt werden, noch nicht mal gedacht werden, was Gott nicht schon im Vorhinein weiß. Und dann sogar noch dieser Vers, in dem es heißt: „Alles steht in deinem Buch geschrieben: Die Tage meines Lebens sind vorgezeichnet.“ Das könnte heißen: Das Leben ist schon vorprogrammiert und dem von Gott geschickten Schicksal ausgeliefert.
Das ist natürlich eine sehr negative Deutung, denn ich kann aus diesem Psalm auch etwas ganz anderes herauslesen: nämlich ein tiefes Vertrauen. Ja, Gott ist überall, an jedem Ort. Ich bin nie allein. Ich bin fest umschlossen von seiner Hand, ich bin geborgen. Oder wie es in V.13ff heißt: „13Ja, du hast meine Nieren geschaffen, mich im Bauch meiner Mutter gebildet. 14Ich danke dir und staune, dass ich so wunderbar geschaffen bin. Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind. 15Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers, als ich im Verborgenen geschaffen wurde – ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde. 16Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen, da sahen deine Augen schon mein Wesen.“
Ich bin nicht zufällig auf dieser Erde gelandet. Gott hat sich etwas dabei gedacht, mich hierhin zu setzen. Auch wenn ich mich quasi noch „unfertig“ fühle, sieht er schon das, was aus mir werden kann, sieht mein ganzes Potential. „Alle meine Wege sind dir bekannt“. Auf allen meinen Wegen geht Gott mit. Egal, ob mal ein Umweg oder eine Sackgasse dabei sind.
Ich selber hab es schon ein paarmal erlebt, dass ich mir einen Weg für mich geplant hatte und der dann aber ganz anders verlaufen ist. Als ich 15 Jahre alt war, ist meine beste Freundin aus dem kleinen Dorf in Schwaben weggegangen in ein Internat bei Schwäbisch Hall, und ich wollte da eigentlich auch mit hin, weil ich eben mit ihr zusammen den Schulweg weitergehen wollte. Meine Eltern haben dann gesagt: Nein, auf der Schule dort sehen wir dich einfach nicht, und ich war natürlich verärgert. Auch wenn ich ehrlicherweise gleich gespürt hab, dass das dort nichts für mich ist – ich wollte halt wegen meiner Freundin dorthin. Es hat sich dann so ergeben, dass ich kurz darauf mir die FOS hier in Neuendettelsau angesehen habe – und ich wusste vom ersten Moment an, dass dieser Ort hier genau der ist, wo ich bleiben will. Dieser Weg war genau richtig für mich.
Nach Fachabi und Vordiplom an der Ev. Hochschule in Nürnberg wusste ich dann, dass ich Theologie studieren will und Pfarrerin werden und dass ich im Alten Testament forschen will. Das Vikariat war dann die nächste Station,wo ich eigentlich einen anderen Weg gehen wollte, zumindest geographisch, und die mir zugeteilte Gemeinde war so ganz woanders, als ich wollte. Aber: Es war das Beste, was mir passieren konnte, dorthin zu kommen. Und inzwischen bin ich an meiner Traumstelle – Assistentin im Alten Testament an der Augustana, ich darf lehren und forschen, darf mit Studierenden über buchstäblich Gott und die Welt nachdenken, und bin in meiner Dissertation an einem Thema angelangt, wo ich weiß: Das ist es, das ist mein Thema, dem ich nachgehen will.
Ich hab das wirklich so erlebt, dass alle meine Wege Gott bekannt sind und dass er mich gute Wege führt – auch über sogenannte Umwege, die aber alle nicht umsonst waren.
Trotzdem gibt es auch existenzielle Ereignisse im Leben, die einen völlig aus der Bahn werfen. Wo jemand mit dem Schicksal hadert, weil eben nichts Gutes an der Situation gefunden werden kann und wo die Zukunftsangst einfach zu groß ist. Manchmal hilft dieser Satz eben nicht weiter: „Wer weiß, wofür es gut ist“, und dass man die Krise doch auch als Chance sehen kann, weil sich jetzt neue Möglichkeiten auftun.
Ich habe vor ein paar Tagen einen interessanten Satz gehört: „Man muss die Chance auch mal als Krise sehen.“ Ein klares Votum dafür, dass man nicht vorschnell alles schönreden und harmonisieren sollte. Manchmal darf es auch einfach mal sein, dass man sich in einer Krise befindet und das auch genau so benennt. Ganz abgesehen von traumatischen Erlebnissen, die einen am Leben verzweifeln lassen können.
Ein eindrückliches biblisches Beispiel ist da für mich der Prophet Elia, von dem wir vorhin gehört haben. Ein bedeutender Gottesmann, der aber in dem Moment an einem Punkt in seinem Leben ist, wo es ihm sogar am liebsten wäre, wenn es endet. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr.
Und genau an diesem tiefsten Tiefpunkt greift Gott ein. „Du hast noch einen weiten Weg vor dir“, so heißt es. Elia kommt wieder zu Kräften. Das ist ein wahres Wunder, was er da erleben darf. Er kann gestärkt an Leib und Seele seinen Weg in die Zukunft gehen.
Ja, man darf ab und zu die Chance auch mal als Krise sehen. Gleichzeitig ist es mein Wunsch, dass es dabei nicht stehen bleibt. Ein starker Moment in der Elia-Episode ist für mich, dass Elia den direkten Kontakt zu Gott sucht. Auch oder gerade in der Krisensituation. Er wendet sich direkt an Gott und klagt ihm seine Not. Und da bekommt auch der Psalm 139 einen positiven Aspekt: „11Da sagte ich: »Finsternis komme über mich! Nacht soll mich umhüllen wie sonst das Licht!« 12Doch für dich ist die Finsternis nicht finster, und die Nacht leuchtet so hell wie der Tag: Finsternis ist für dich wie das Licht.“ Selbst das dunkelste Dunkel kann Gott hell machen, sodass es nicht mehr bedrohlich ist.
Und auch zum Evangeliumstext gibt es einen schönen Bogen, wie ich finde, denn auch diese Jesus-Rede spricht von den Sorgen des Lebens und von den Sorgen um die Zukunft. Die werden nicht verharmlost. Aber es wird der Blick darauf gerichtet, dass Gott um alles weiß und dass er sich kümmert. „Jeder Tag hat seine eigene Sorge“ – und den morgigen gebe ich voll Vertrauen in Gottes Hand.
Ja, die Zukunft trägt eine gewisse Ungewissheit in sich. Aber eine Gewissheit will ich mir mitnehmen: dass alle meine Wege Gott bekannt sind und dass er mitgeht.
Amen.