Fastenpredigt von Direktor Pfarrer D. Min. Hanns Hoerschelmann:
Durchkreuzte Welt
Gnade und Friede sei mit Euch, von dem der ist, der da war und der da kommt. Amen
Ein Kreis mit vielen kleinen Punkten. Je nach Untergrund mal weiß, mal braun, mal orange. Eben so, wie es zum Gesamtdesign passt. Die Punkte selbst sind fein säuberlich angeordnet, sodass sie einen Kreis ergeben. In der Mitte etwas dicker und nach außen hin immer kleiner. So entsteht eine zweite Dimension, und der Kreis wird zu einer angedeuteten Kugel.
In der Mitte dieser Kugel erkennt man ein Kreuz. Die Punkte, die es formen, sind kleiner. Und dadurch entsteht freier Raum – Raum für Gedanken und Überlegungen zu unserem heutigen Predigtthema: „Durchkreuzte Welt“.
Vielleicht haben einige von Ihnen es schon gemerkt. Das Symbol, das ich eben beschrieben habe, ist das Logo von Mission EineWelt. Sie finden es auf unserem Briefpapier, in der E-Mail-Signatur, auf Werbe- und Informationsmaterialien und, und, und. Wenn Sie den Fußweg von der Laurentius-Schule entlang der Bezzel-Wiese zum Garten von Mission EineWelt nehmen, können Sie es in etwas größerer Form an der Hauswand des roten Backsteinhauses sehen.
Die angedeutete Weltkugel, bestehend aus vielen Punkten und in der Mitte das Kreuz – eben genau so, wie das Thema des heutigen Gottesdienstes: „Durchkreuzte Welt“.
Für mich hat dieses Thema zwei Dimensionen:
Da ist zum einen die Dimension, die ich eben beschrieben habe: das Kreuz, das diese Welt durchkreuzt. Das wichtigste Symbol des christlichen Glaubens, das auf dieser Welt liegt und sie umarmt.
Auf der anderen Seite erleben wir im Alltag aber auch andere, ganz andere Wirklichkeiten, die unsere Welt durchkreuzen. Krieg, Leid, Zerstörung und Zerbrochenheit – um nur ein paar zu nennen – scheinen unseren Alltag zu bestimmen.
In der Bibel wird immer wieder von einer Welt gesprochen, die von diesen Brüchen und Rissen gezeichnet ist. Wir leben in einer Welt, die nicht mehr die ursprüngliche Ordnung widerspiegelt, die Gott dieser Schöpfung bei ihrer Schaffung gegeben hat. Im 1. Buch Mose lesen wir von der sogenannten „Ursünde“. Dem Moment, in dem der Mensch sich von Gott abwendet und das Wissen von „Gut und Böse“ erlangt. Seit diesem Moment ist die Welt nicht mehr so, wie sie eigentlich gedacht war. Der Mensch lebt auf sich bezogen und eben nicht mehr im Einklang mit Gott. Der Friede ist gestört und das Paradies verlassen.
Diese Trennung, dieser Bruch, ist in vielerlei Hinsicht spürbar: Wir erleben Konflikte, die Nationen und Menschen in bittere Kriege gegeneinander stürzen; wir erleben Umweltkatastrophen, die immer häufiger auf unseren eigenen Umgang mit der uns anvertrauten Schöpfung Gottes zurückzuführen sind. Und wir erleben persönliche Tragödien von Scheitern, Krankheit und Leid.
All das sind die Symptome einer zerbrochenen und durchkreuzten Welt. Einer Welt, die eben nicht mehr nach ihrem ursprünglichen Plan funktioniert. Das ist für mich die eine Dimension unseres heutigen Predigtthemas: „Durchkreuzte Welt“.
Die andere Dimension betrifft das Kreuz selbst. Das Kreuz als das christliche Symbol der Liebe Gottes. Des Gottes, der sich mit all dem Leid und der Zerstörung dieser Welt identifiziert.
Jesus Christus, der Sohn Gottes, kommt in die Welt und nimmt das Leiden der Menschen auf sich. Er erträgt die Schläge, den Spott, die Verlassenheit und am Ende den Tod. Indem er das tut, wird das Kreuz zu dem Ort, an dem Gott in seinem Sohn Jesus Christus die Welt selbst durchkreuzt – nicht im Sinne der Zerstörung, sondern im Sinne einer Heilung und Wiederherstellung.
Der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief, im Kapitel 6 Vers 14: „Ich kann aber auf nichts anderes stolz sein als auf das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. An seinem Kreuz ist diese Welt für mich gekreuzigt worden. Und ich bin gekreuzigt für die Welt.“
Der Tod und die Auferstehung Jesu Christi haben die Welt in gewisser Weise durchkreuzt, und sie haben eine neue Perspektive eröffnet.
Im Kreuz begegnet uns nicht nur die tiefe Traurigkeit dieser Welt – ihre Zerrissenheit und ihre Zerbrochenheit –, sondern eben auch die Liebe Gottes. Wir erleben das Paradox, dass wir auf der einen Seite in einer von Leid durchkreuzten Welt leben, auf der anderen Seite aber eingeladen sind, im Kreuz Gottes seine Liebe zu finden.
Die Frage ist also: Was bedeutet es, in einer durchkreuzten Welt zu leben, die gleichzeitig durch das Kreuz erlöst wurde? Wie reagieren wir als Christen auf diese durchkreuzte Welt? Wie schaffen wir es, die Hoffnung des Kreuzes für die Welt sichtbar zu machen?
Ich habe Ihnen dazu ein weiteres Kreuz aus der Sammlung bei Mission EineWelt mitgebracht. Es ist ein Kreuz, hergestellt aus einer Hülle einer Granate. Eingesetzt wurde diese im Bürgerkrieg, der von 1989 bis 2003 im westafrikanischen Land Liberia tobte. Heute herrscht dort Frieden – doch bis es so weit kam, hatten die Menschen die große Aufgabe, Frieden zu lernen und Hoffnung zu leben. Ein Zeichen dieser Hoffnung wurde genau dieses „Bullet Cross“. Entdeckt wurde es 1997 bei einem jungen Mann, der es als Halsschmuck an einer Kette trug. Über die Jahre wurde es zu einem Symbol für Frieden – nicht nur in Liberia.
Für mich ist es ein ganz starkes Zeichen, das das vorhin beschriebene Paradox aufgreift: Auf der einen Seite ist die Granaten-Hülle ein Zeichen der Gewalt und der Brutalität, die wir bis heute in der Welt erleben. Auf der anderen Seite steht das daraus entstandenen Kreuz aber für die Botschaft der Hoffnung und des Friedens, die vom Kreuz ausgehen.
Als Christenmenschen sind wir berufen, genau diese Hoffnung in die Welt zu tragen. Gegen alle Widerstände und Erfahrungen der Zerbrochenheit dieser Welt. Und dabei kann uns eben der Blick auf das Kreuz helfen. Denn so ein Kreuz kann ein Vorbote der endgültigen Erlösung sein, von der die Bibel spricht: dieser neue Himmel und diese neue Erde, die uns verheißen sind.
Bis es soweit ist, leben wir als Christinnen und Christen aber in der Spannung zwischen der Welt, wie sie ist, und der Welt, wie sie sein wird. Wir tragen die Hoffnung in uns, dass Gott in all seinem Handeln mit uns, in dieser Welt und in der Geschichte einen guten Plan verfolgt. Diese Hoffnung verleiht uns Kraft, in der durchkreuzten Welt einen Unterschied zu machen.
Und dabei ist es dann egal, ob unter unserem jeweiligen Logo nun steht: „Weil wir das Leben lieben“ oder „Weil es uns bewegt“ – am Ende wird darin deutlich, dass wir nicht aufhören, Gottes guten Plan für uns und die Welt weiterzuverfolgen – egal, was diese Welt durchkreuzt.
Amen.