Fastenpredigt von Beate Baberske zur Kunstausstellung:
KREUZE anders erLeben

Persönlicher Zugang zum Thema

Mein Kreuz, bzw. meine Geschichte mit dem Kreuz ist eine Paramentikgeschichte. Ich bin inzwischen fast dreißig Jahre da und habe das Kreuz immer vermieden. Ich habe immer eine Gestaltung forciert, die ohne Kreuze auskommt, weil in einem Kirchenraum das zentrale Kreuz das Kruzifix ist, das auf dem Altar steht. Je mehr Kreuze dazukommen, desto mehr wird das Kreuz zum Ornament und wertet es ab.

Zwar habe ich versucht, sie zu vermeiden, aber die Kreuze haben mich natürlich verfolgt und ich verfolge sie natürlich dadurch automatisch auch: Ich verfolge Künstlerinnen und Künstler, die aus meinem persönlichen Umfeld kommen, aus dem Nürnberger Raum. Meide Büdel, Hubertus Hess und Anna-Maria Bieneck arbeiten mit Kreuzen. Ich setze mich mit internationalen Künstler*innen auseinander, wie z.B. Andreas Serrano, von dem der berühmte „Piss Christ“ stammt. Ich besuche immer wieder Ausstellungen, bei denen das Kreuz eine Rolle spielt. Und: Wir sind nicht die einzige Gemeinde, die Kreuze „übrig“ hat, 2017 ruft die Kirchengemeinde Jever zur „Kreuzverwandlung“ mit 200 alten Kreuzen auf.

Warum sind die Kreuze da?

Hier bei Diakoneo haben wir natürlich Kreuze. Warum haben wir einige „über“? Weil wir im Wandel sind. Die Ausstellung soll eine Art Einladung sein, Kreuze wieder zu entdecken, die Sie vielleicht aus einem ganz anderen Kontext kennen, die Sie persönlich schon gesehen haben, Sie schon einmal davorgestanden haben. Heute können Sie sie, mit neuen Inhalten gefüllt, wieder entdecken.

Herantasten an das Thema - Kreuz oder Kruzifix?

Ganz wichtig war für mich, erst einmal zu sortieren und zu ordnen. Ich habe geschaut, welche Art Kreuze da sind: einfache Kreuze, Kruzifixe, also die Kreuze, an denen der Christus zu sehen ist und Fragmente. Mein persönliches Thema in der Kunst ist, vorhandene Dinge neu zu kombinieren. Ich verwickle sie, ich sortiere sie, ich ordne sie, ich kombiniere sie und dann verschnüre ich sie, packe Dinge ein, ich tauche sie in Farbe, versenke sie und verbinde sie. Dann kommen Alltagsgegenstände dazu, wie z.B. Pflaster, Binden, Stoffe und auch Rettungsdecken.

Kreuz-Objekt „Sammlung“

Das auffälligste Objekt in diesem Raum ist die „Sammlung“. Ich habe es „Sammlung“ genannt, weil hier alle Kruzifixe zusammenkommen.

Das große Kreuz kennen Sie aus einem anderen Kontext. Ich selbst habe schon eine Kerze angezündet und in das Kreuz gestellt, kenne es also auch.

Jetzt bildet es den Rahmen für einen Dialog. Wenn man genau hinhört, hört man die „Christi“ reden. Endlich sind sie alle zusammen und können sich austauschen. Endlich können sie sich alle Geschichten erzählen, die sie gehört haben die ganze Zeit über, in der sie allein waren, oder die Geschichten, die sie selbst erlebt haben. Manchmal flüstert einer dem anderen etwas ins Ohr, aber es gibt auch Streitgespräche. Ich lade Sie ein, noch einmal genau hinzuschauen. Der eine ruft und der andere ist ganz still.

Ich mache mit diesem Objekt den Dialog zum Thema. Die Kruzifixe sind mit Paketschnur festgebunden und in der Paramentik habe ich Filzflächen gefunden, die genau die Größe hatten, die zu dem Kreuz passen und jetzt einen Rahmen erzeugen. Sie haben zufällig oder nicht zufällig die Farben vom Diakoneo-Zeichen, welches in Form eines Leuchtkastens selbst Teil der Ausstellung ist.

Gemeindebeiträge

Um den Dialog ging es ja auch in dem Aufruf vom Gemeindeblatt. Letzte Woche klingelte das Telefon in der Paramentik. Ich hatte Marcella Herbig am Telefon, die mir dann ihr persönliches Kreuz vorbeigebracht hat.

Die dazugehörige Geschichte erzählt Ihnen Marcella vielleicht selbst nach dem Gottesdienst. Das Kreuz hat seinen Platz in der Kirche gefunden. Es steht jetzt auf einem Sims, der immer schon in der Kirche da war, als hätte er auf dieses Kunstwerk gewartet. Da war es wieder, mein Thema in der Kunst: Dinge miteinander verbinden und neue Kontexte schaffen.

Schulprojekt

Auf ein anderes Projekt, das sich mit dieser Ausstellung verbunden hat, will ich ebenfalls kurz eingehen. Zwei Rahmen, deren FadenKreuze bei einem Schulprojekt entstanden sind. Ganz verschiedene Kreuze sind entstanden. Sie haben verschiedene Farben und sind sehr unterschiedlich gewickelt. Suchen Sie doch bitte das Kreuz, das keins ist!

Im Dezember stand eine Lehrerin einfach so in der Paramentik und fragte, ob wir uns ein Projekt mit Schüler*innen vorstellen könnten - wir haben über Farben, Farbgesetze, Farben in der Kirche und, auch, über das Kreuz und den Glauben gesprochen. Fast vierzig Schüler und Schülerinnen (und beide Lehrer*innen) haben ihre Kreuze gewickelt, von Christusbegegnungen berichtet und sich an ihre Konfirmation erinnert. Die jungen Menschen sind ins Glaubensthema eingestiegen.

Ich wechsle zu einem weiteren Kreuz, das aus der Gemeinde kommt, welches sich in einer Vitrine unter der Empore befindet.

Kreuze aus Mission und Diakonie

In der Vitrine liegen verschiedene Kreuze und eines davon ist ein anonymes Geschenk, das Reinhard Böhm, unser Messner erhalten hat. Es ist sehr aufwändig gearbeitet und mit künstlerisch gestalteten, biblischen Szenen versehen.

Links und rechts davon finden sich Kreuze, die auf Wilhelm Löhes Wirken in Neuendettelsau zurückgehen. Links die Kreuze von Mission eine Welt: das bunte Kreuz kennt jeder, der schon einmal in einem EineWeltLaden eingekauft hat, zwei weitere, sehr spannende Kreuze mit Missionshintergrund sind noch zu sehen. Auf der rechten Seite steht das Lebenskreuz von Diakoneo aus der Werkstatt für Menschen mit den Motiven des Scrafittos vom Tagungshaus hier gegenüber, das von Eitel Klein entworfen wurde.

Kreuz oder Kruzifix

Neben der Vitrine hängt ein Kreuz, das sichtbare Spuren eines Korpus trägt, es war also einmal ein Kruzifix. Mit Diakon Sebastian Haupt reflektierten wir über dessen brutale Darstellung. Wie geht es mir mit diesem Bild in meinem Leben? Hilft sie mir im Alltag, oder brauche ich manchmal nicht einen Christus, der neben mir im Alltag steht und den Arm um mich legt? Die Antwort auf die Frage, „Wo ist dieser Christus?“ steht im Titel der Arbeit: „Ich bin dann mal… bei den Menschen“, manchmal ist das das Entscheidende.

Rettungs-Kreuz oder Kreuzrettung?

Das zwei Meter große Kreuz im Mittelgang kennen Sie anders. Ich habe es mit einem Material bearbeitet, das jeder Autofahrer bzw. Fahrerin in seinem und ihrem Sanitätskasten hat. Bei einem Unfall kann Rettungsfolie über Leben oder Tod entscheiden. Jedes Mal, wenn der Kasten ersetzt werden muss, ist eine Folie übrig. Ich habe sie gesammelt, weil mich bei dieser Folie fasziniert, wie dünn sie ist und wie sie trotzdem sehr effektiv die Körperwärme halten kann. Ich habe das Kreuz komplett damit eingewickelt, weil mich in letzter Zeit immer öfter die Frage beschäftigt: „Müssen wir nicht nur die Menschen retten, sondern auch das Kreuz?“

Textilkunst-Objekte

Alle weiteren Arbeiten sind aus meiner Beschäftigung mit dem Thema Verletzung entstanden. Bei den Objekten aus den zerbrochenen Kreuzen habe ich alles, was der Sanitätskasten hergibt, verwendet. In der Kirche begegnet Ihnen nicht nur die Rettungsfolie, sondern auch Pflaster und Binden jeder Art. Das Verbinden ist mit dem Wickeln verwandt. Ich frage mich als Textilkünstlerin: „Was kann der Faden in der Kunst?“ und wickle Wolle und Goldfäden um Holzflächen, die FadenKreuze sind nichts anderes. Ich bin nicht allein damit: die Künstlerin Sheila Hicks, die ihr Leben lang schon Wicklungen und ihre verschiedenen Bedeutungen untersucht, hatte gerade eine Ausstellung in Düsseldorf.

Das Objekt „Jesusse“ habe ich mit violetter Wolle „umgarnt“ und so ihre „Unvollkommenheit“ veredelt. Aus halben Figuren und einem halben Kreuz wird ein „Ganzes“.

Im Archiv von Diakoneo gab es auch ein Dachkreuz. Vielleicht vom Eichhorn-Haus? Der Schwere des Eisenkreuzes wollte ich etwas Leichtes entgegensetzen und habe die Schmetterlinge gefunden, die wir mit Magneten an unsere Trauerstola heften. Schmetterlinge sind ein Symbol für Leichtigkeit und Transformation, in der Kirche stehen sie für die Auferstehung, weil sie plötzlich da sind, und es etwas gedauert hat, bis man die Engerlinge im Boden mit ihnen in Verbindung gebracht hat. Es gibt aber nicht nur dieses eine Wunder in der Ausstellung, sondern noch ein anderes.

Rosenwunder

Ein Korb voller Kreuze auf dem Dachboden des Mutterhauses hat Peter Munzert fasziniert und mich an die Geschichte der heiligen Elisabeth erinnert: Elisabeth hat alles getan, um den Armen zu helfen, das hat dem Hofstaat nicht gefallen, es wurde ihr unter Androhung von Strafen verboten. Eines Tages, als sie mit einem Korb unter dem Arm auf dem Weg ins Armenviertel war, wurde sie angehalten und aufgefordert, das Tuch über ihrem Korb zu lüften. Aber statt der erwarteten Brote waren lauter Rosen im Korb und sie entging der Bestrafung. Hier steht der Korb mit Rosen, wenn sie verwelken, werden die darunter liegenden Kreuze sichtbar, bei Elisabeth wird Brot wird zu Rosen, hier werden die Rosen zu Kreuzen.

Alltagsbilder

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die ausgestellten Fotos eingehen. Ganz bewusst sind Situationen abgebildet, die wir alle kennen und wegräumen, wenn Besuch kommt. Wer solche Situationen entdeckt, darf sie gern fotografieren und zusenden! Achten Sie doch mal auf Kreuze im Alltag und fotografieren Sie sie! Wir hängen sie zu den anderen Alltagsgeschichten, damit die Ausstellung wächst. Wenn Sie aber wollen, dass sie schrumpft, dann können Sie die Objekte auch kaufen, dazu kontaktieren Sie entweder die Paramentik oder das Kirchenbüro. Ich bin nicht auf alle Objekte eingegangen und lade Sie ein, nach dem Gottesdienst auf Entdeckungsreise durch die Kirche zu gehen.

„Und der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.“