Predigt von der Christvesper am Heiligen Abend, 24. Dezember 2021

Predigt zu Micha 5, 1-4a; Heiliger Abend, 24. Dezember 2021, Christvesper um 17.30 Uhr; St. Laurentius, Neuendettelsau, Rektor Dr. Mathias Hartmann

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Wie feiern Sie Weihnachten? Was ist Ihnen am Weihnachten-Feiern wichtig?“ - Auf diese Frage gibt es wahrscheinlich so viele individuelle Antworten, wie es Menschen gibt. Vielen Menschen ist es wichtig, mit lieben Menschen zu feiern, meist mit der engsten Familie - gerade, wenn man sonst an unterschiedlichen Orten lebt. Vielen Menschen ist die äußere Gestaltung wichtig: der Weihnachtsbaum, die Dekoration, die Geschenke – all das gehört für sie zu Weihnachten unbedingt dazu, meistens schon seit der Kindheit. Für viele ist das gemeinsame Feiern, das miteinander Essen und Trinken wichtig: die Plätzchen, das Festtagsessen und ein besonders guter Tropfen, das miteinander Reden oder Spielen. Für viele gehört der Gottesdienst am Heiligen Abend oder den Weihnachtstagen unbedingt dazu, bestimmte Weihnachtstexte, Weihnachtslieder oder Musik. Jede und jeder setzt da die eigenen Schwerpunkte, und das ist gut so. Weil so Weihnachten zu einem besonderen Fest wird, das sich vom sonstigen Alltag unterscheidet und das uns guttut.

Oft ist der Anspruch, den einzelne an das Weihnachtsfest stellen, sehr hoch. Alles soll möglichst perfekt sein. Keine Konflikte sollen zur Sprache kommen. Alles soll möglichst harmonisch ablaufen. Zumindest an Weihnachten soll so etwas wie „Heile Welt“ sein. Und oft müssen wir erleben, dass diese „Heile Welt“ leider nicht existiert. Weil trotz unseres Harmoniebedürfnisses die alltäglichen Konflikte hochkommen, gerade wenn man an Weihnachten viel Zeit miteinander verbringt. Weil nicht jede und jeder ein perfektes Weihnachten erleben, weil das Leben mit seinen Sorgen und Nöten an Weihnachten eben keine Pause macht. Und weil die besonderen Herausforderungen an Weihnachten eben noch einmal besonders sichtbar und bewusst werden. Die Einsamkeit durch den Verlust eines lieben Menschen, die Einschränkungen durch eine Krankheit oder auch die Rahmenbedingungen durch die Corona-Pandemie, die ein sorgenfreies Weihnachten-Feiern auch in diesem Jahr nicht wirklich möglich machen.

Sollten wir sie denn nicht am besten vergessen – unsere Sehnsucht nach der „Heilen Welt“? - Lassen Sie uns doch darüber noch etwas nachdenken!

Unser heutiger Predigttext redet von dieser Sehnsucht nach einer „Heilen Welt“. Ich lese einen Abschnitt aus dem 5. Kapitel des Buches des Propheten Micha:

1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten. 3 Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde. 4 Und er wird der Friede sein.

Der Prophet Micha spricht zu den Israeliten in einer schwierigen und eigentlich hoffnungslosen Zeit. Es ist Krieg, Jerusalem ist zerstört, viele Bewohner:innen wurden ins Ausland verschleppt, und keine gute Perspektive ist im Land mehr wahrnehmbar. Die Menschen sind frustriert, manche von ihnen haben alles verloren und nur das nackte Leben gerettet. Keine und keiner weiß genau, was auf sie zukommt. Und in diese Situation hinein redet Micha von einer guten und heilvollen Zukunft. Er kündigt an, dass Gott Gutes mit den Menschen vorhat und einen Herrscher schicken wird, der in Israel für Sicherheit und Frieden sorgen wird; „Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“

Und was hier mit „Friede“ übersetzt wird, ist der hebräische Begriff „Schalom“, der noch viel umfassender ist und am besten mit dem alten Wort „Heil“ übersetzt werden kann. Micha redet also von der Hoffnung auf die „Heile Welt“. Gott möchte, sagt Micha, dass wir in einer „Heilen Welt“ leben – in einer Welt, die durch Frieden, Sicherheit und Wohlergehen für alle gekennzeichnet ist. Und in dieser Hoffnung können wir leben, auch wenn unsere Realität nicht danach aussieht.

Ich habe von einem Jungen gelesen, der in Sanaa im Jemen lebt. Moschir ist 15 Jahre alt und erlebt seit sechs Jahren Krieg. Fast sein halbes Leben schon muss er mit ansehen, wie die Häuser und Straßen immer mehr zerstört werden. An die Trümmer um sich herum hat er sich längst gewöhnt. Moschir liebt seine Stadt und leidet darunter, dass alles kaputt gemacht wird aus Gründen, die er schon lange nicht mehr versteht.

Deswegen hat er sich etwas ausgedacht. Er baut seine Stadt einfach wieder auf. So wie sie einmal ausgesehen hat. Vor dem Krieg. In seinem Zimmer lässt er Sanaa wieder heil werden. Aus Pappkartons, Holzresten und den Dingen, die er auf der Straße findet, baut er modellgetreu die Häuser nach. Wunderbar sieht diese Stadt aus. Moschir gibt die Hoffnung nicht auf, dass Friede wird. Und bis es soweit ist, baut er. Er baut auf Hoffnung hin.

Auf Hoffnung hin bauen ist etwas anderes, als einfach so zu tun, als wäre alles gut. Moschir kennt die Wunden seiner Stadt und die der Menschen genau. Er sieht sie jeden Tag und sieht sie genau an. Aber statt sich dem Leid ohnmächtig hinzugeben, erschafft er etwas Neues. Mit jedem Steinchen und jedem kleinen Ziegel, den er in seinem Zimmer zusammenbaut, wächst die Hoffnung. Sie wird größer, sichtbarer und trägt Moschir über viele dunkle Stunden hinweg. Das kann eben nur die Hoffnung. Sie verbindet uns mit einer Welt, von der wir fühlen, dass es sie geben könnte, auch wenn sie noch nicht so ist.

Das ist die Weihnachtsbotschaft, die uns der Prophet Micha und auch die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium, die wir vorhin gehört haben, verkündigen: Wir dürfen Hoffnung haben, weil Gott eine heilvolle Perspektive für uns hat. Er will, dass wir, ja, dass alle Menschen Sicherheit, Frieden und umfassendes Wohlergehen erleben. Und er beauftragt und befähigt Menschen, dafür zu sorgen, dass diese Welt Realität wird.

Viele der alttestamentlichen Prophetentexte reden genauso wie die Worte von Micha von der Hoffnung auf einen mächtigen Herrscher, der für „Schalom“ sorgen wird, den „Messias“. In neutestamentlicher Zeit, einige Jahrhunderte später, wurden diese Messias-Verheißungen von Christen auf Jesus übertragen. Sie brachten ihren Glauben zum Ausdruck, dass dieser Jesus derjenige gewesen ist, der der Welt den Frieden gebracht hat. Der durch sein Leben und seine Botschaft gezeigt hat, wie dieser umfassende Friede möglich ist. Dabei war er kein großer Herrscher, sondern wurde ganz unscheinbar in einem Stall geboren. Aber gerade dadurch kam und kommt zum Ausdruck, dass es keine besonderen menschlichen Qualitäten und Kraft braucht, um diese Hoffnung auf eine bessere Welt Realität werden zu lassen. Es braucht Menschen, die nach Jesu Botschaft leben und die ein Auge dafür haben, was diese Welt und die Menschen brauchen, und die aus der Hoffnung heraus leben, dass es möglich ist, diese Welt zum Guten zu verändern.

Beispiele, dass und wie das möglich ist, gibt es in diesen Krisenzeiten unzählige. Ich treffe tagtäglich bei Diakoneo und in anderen diakonischen und sozialen Einrichtungen solche Menschen, die sich mit ganzer Leidenschaft dafür einsetzen, dass es Menschen trotz schwieriger Lebensumstände, trotz Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Assistenzbedarf gut geht. Sie geben die Hoffnung nicht auf, auch wenn manche Situationen aussichtslos und trostlos zu sein scheinen. Ich bin beeindruckt von den Menschen, denen ich in unseren Einrichtungen begegne und die mir erzählen, wie herausfordernd die Arbeit unter den Pandemiebedingungen im Moment ist und wieviel Kraft das erfordert. Und doch ist es für sie keine Frage, dass sie sich Tag für Tag für die Menschen in ihren Einrichtungen einsetzen und zuverlässig ihren Dienst tun. Unsere Welt wäre ärmer und hoffnungsloser ohne diese Menschen.

Ich wünsche Ihnen heute am Heiligen Abend und an den Weihnachtstagen, dass Sie die Hoffnungsbotschaft des Micha und des Lukas zuversichtlich macht und dass Sie Ideen dafür bekommen, was Sie und wir alle tun können, damit diese Hoffnung auf eine heilvolle Zukunft keine Sehnsucht bleibt, sondern Realität wird. Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich von Herzen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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