Predigt zu Epheser 3, 14-20; Sonntag Exaudi, 2. Juni 2019, 9.30 Uhr; Neuendettelsau, St. Laurentius; Georg Jakobsche

Epistel/Predigttext (Epheser 3, 14-20)

14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,

15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat,

16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen,

17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet,

18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,

19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.

20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,

21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde,

in der vorletzten Woche habe ich einen Beitrag in den sozialen Medien wahrgenommen, in dem das stark zunehmende Leiden an Einsamkeit in unserem Lande thematisiert wurde. Wieder in Erinnerung gekommen ist mir dieser Beitrag beim Lesen des heutigen Predigttextes und vor allem beim Lesen des Evangeliums dieses Sonntags Exaudi.

Im Evangelium ist explizit die Rede davon, dass Jesus seine Anhänger alleine lässt, was an sich ja zeigt, dass der heutige Sonntag thematisch die Konsequenzen der Himmelfahrt aufnimmt. Und so steht das Alleinsein und das Verlorensein der Anhänger dieses Jesus von Nazareth damals genauso im Zentrum der Betrachtung wie die Einsamkeit und Verlassenheit in unserer heutigen Gesellschaft.

Liebe Gemeinde, die Grunderfahrung des heutigen Sonntags Exaudi ist uns heutigen Menschen nur zu bekannt. Für die Menschen damals war es das plötzliche Wegbrechen der tröstenden Gegenwart dieses Jesus von Nazareth. Für uns heute sind die Gründe vielfältig, aus denen wir uns verlassen und einsam fühlen können, so dass wir darunter leiden.

So müssen viele Menschen alleine leben, weil da die Kinder weggezogen sind, weil da der Partner oder die Partnerin verstorben ist, weil da das Umfeld wegen Scheidung und anderer familiärer Katastrophen einfach weggebrochen ist. Gründe für das Alleinsein gibt es viele.

Wer alleine lebt, der steht durchaus nicht immer, aber doch oft in der Tendenz, dass er oder sie vereinsamt, manche Menschen, die alleine leben, ja vielleicht alleine leben müssen, werden auch absonderlich, eigenbrötlerisch, und das zeigt mir doch, dass wir Menschen anscheinend nicht so wirklich gemacht sind für das Alleinsein. Irgendwie scheinen wir die Gemeinschaft mit anderen Menschen doch zu brauchen, selbst dann, wenn die, die um uns sind, uns in erster Line nerven.

Einsamkeit ist etwas, das sich durchaus mit sehr ambivalenten Gefühlen bei mir niederschlägt:

Einsamkeit ist auf der einen Seite etwas, das ich immer wieder suche, um zu mir selbst zu kommen, um meinen inneren Einklang zu finden, Einsamkeit als Weg der Selbsterkenntnis und auch der Selbstvergewisserung. Einsamkeit als Weg, als ein unverstellter Weg zu mir selbst. Einsamkeit, wenn sie gut ausgehalten werden kann, als Zustand der Selbsterkenntnis und der maximalen Nähe zum Geheimnis Gottes.

Auf der anderen Seite ist Einsamkeit etwas, das mich auch zu zerstören droht, das an mir nagt und mich selbst in die Sinnkrise stürzen kann, dann, wenn ich mich aus Einsamkeit überflüssig, nicht gebraucht und isoliert fühle, dann, wenn ich Einsamkeit als Liebesentzug deute und empfinde und mich dadurch im letzten selbst entwerte oder entwerten lasse.

Das Wort der heiligen Schrift, das heute zur Predigt steht, liest sich für mich wie eine Liebeserklärung an das Leben, eine Liebeserklärung an ein Leben in Einsamkeit und trotz Einsamkeit, und als eine Liebeserklärung an ein Leben in Fülle, auch in der Einsamkeit.

Wenn es dort heißt: Ich beuge meine Knie vor dem Vater, dass er euch Kraft gebe, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dann komme ich, so glaube ich, dem Ansinnen des Apostels auf die Spur.

Es geht um eine Stärkung des Inneren, dass - so geht der Gedankengang weiter - Christus durch den Glauben in eurem Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

Liebe Gemeinde, wenn Sie für einen kurzen Moment nachdenken, worin sind Sie eigentlich gegründet, wo sind Sie verwurzelt? Das meint, wie ist Ihre grundsätzliche Lebenseinstellung, wie ist der Grund, auf dem Sie stehen? Ist es Liebe? Also ist es positive Zuwendung zum Leben oder ist es doch eher Skepsis? Wie beurteilen Sie die Dinge, die Ihnen täglich begegnen? Suchen Sie in den Ereignissen ihres Alltags nach Spuren des Guten oder suchen sie eher nach Spuren des Schlimmen und des Sinnlosen? Wie sind Sie gegründet? Ist das schlimme Ereignis, das sie erleben, im letzten doch nur eine Bestätigung der Sinnlosigkeit des Lebens? Oder versuchen Sie, im Schlimmen den Faden des Lebens nicht zu verlieren, versuchen Sie, in der Sinnlosigkeit des Schmerzes auch irgendeinen Faden zum Leben aufrecht zu erhalten, um irgendwann vielleicht einmal eine Versöhnung mit dem Leben zu erreichen? - Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich hier sehr heikle Dinge anspreche, aber ich glaube, dass wir ohne diese heiklen Punkte dem, was der Sonntag Exaudi uns ins Leben mitgeben will, nicht auf die Spur kommen.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen - wo sind Sie gegründet? Sind Sie da gegründet, wo die Fülle des Lebens und des Glaubens sein darf, trotz des Schlimmen und des Todes, der uns manchmal nicht nur sprichwörtlich begegnet, sondern ganz real und in unvorstellbarer Schrecklichkeit, da zum Beispiel, wo jemand aus dem Leben gerissen wird, vor der Zeit und ohne Vorwarnung?

Es ist für den Verfasser des Epheserbriefes der Akt des Glaubens, wenn man sein Leben in die Herrlichkeit oder die Erkenntnis stellt. Dies sind alles Worte, die der Epheserbrief gebraucht, um das Gegründetsein in der Liebe zu beschreiben, und das trotz aller Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit, die das Leben uns auch zumutet, manchmal weniger und manchmal unerträglich viel mehr.

Die Geschichten, die das Leben normalerweise schreibt, sind eher selten einfache Geschichten, selten sind es auf Anhieb Erfolgsgeschichten, eher Zumutungen und existentielle Herausforderungen, sei es der bereits erwähnte plötzliche Tod, sei es eine unerwartete Krebsdiagnose, der reale Auszug des Lebenspartners, der innerliche Auszug eines pubertierenden Kindes oder was auch immer.

Das Christentum, wie wahrscheinlich jede ernst zu nehmende Religion, will uns dazu animieren - und der Abschnitt aus dem Epheserbrief tut das ganz besonders engagiert - uns in solchen Situationen bedrohlicher Einsamkeit nicht von der Hoffnungslosigkeit verführen zu lassen, sondern in der Hoffnung gegründet zu bleiben, das heißt, nie aufzugeben, auf die Nähe und die Zärtlichkeit Gottes zu hoffen, die ich natürlich erst am Ende meines irdischen Lebens wirklich erfahren kann, weil meine heutige Hoffnung und mein Sinnen so begrenzt sind wie mein Leben selbst. Für den Verfasser des Epheserbriefes ist uns diese Zärtlichkeit Gottes in der Person des Jesus von Nazareth, der der Christus ist, begegnet.

Und das verstehe ich nicht als Vertröstung auf den St. Nimmerleinstag, sondern als eine Lebenseinstellung, die der Hoffnung in diesem Leben eben mehr Gewicht zuweist als der Verzweiflung, weil Hoffnung Leben ermöglicht, trotz Trauer, Einsamkeit und Angst, und weil Verzweiflung nur in Sackgassen führen kann.

Für den Verfasser des Epheserbriefes ist es klar: Christus, verstanden als die uns Menschen zugewandte Seite Gottes, kann überschwänglich, das heißt grenzenlos wirken, mehr als wir bitten können oder verstehen können, mehr als wir uns vielleicht vorstellen können. Ich will den Mut aufbringen, darauf zu vertrauen, schon alleine deshalb, weil ich weiß, wohin die Mutlosigkeit und die Verzweiflung führt. Wohin der Weg des Vertrauens und der Hoffnung führt, weiß ich nicht. Ich muss es auch nicht wissen, ich will ihn gehen.

Die Jünger wussten damals auch nicht, wohin ihr Weg sie führt, sie sind ihn gegangen, sicherlich mit Angst und in Unsicherheit, aber sie sind ihn gegangen, gegründet in der Hoffnung auf den Herrn, das heißt in der Hoffnung darauf, dass sie eben nicht verloren sind.

Amen.

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