Predigt vom Sonntag, 28. Juli 2019

Predigt über 1. Petrus 2, 1-10; 6. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juli 2019, 9.30 Uhr; St. Laurentius, Neuendettelsau; Pfarrerin Karin Lefèvre

Liebe Gemeinde,

welches biblische Buch ist gemeint, wenn Martin Luther von einem “der edelsten Bücher im Neuen Testament“ spricht und in diesem Buch „das rechte lautere Evangelium“ sieht? - Es handelt sich dabei um einen Brief an die sogenannten Heidenchristen in Kleinasien, also der heutigen Türkei. Diese Menschen hatten ein ziemlich großes Problem: Wegen ihres christlichen Glaubens galten sie in ihrer Umwelt als nicht vertrauenswürdig. Sie wurden angefeindet und wohl auch verfolgt. Entsprechend groß war die Verunsicherung. In dem vorliegenden Brief werden sie getröstet und gestärkt. Es handelt sich um den 1. Petrusbrief. Uns sollen heute die ersten Sätze aus dem 2. Kapitel beschäftigen:

1 Hört auf mit aller Bosheit und allem Betrug! Heuchelei, Neid und Verleumdung darf es bei euch nicht länger geben.

2 Wie ein neugeborenes Kind nach Milch schreit, so sollt ihr nach der unverfälschten Lehre unseres Glaubens verlangen. Dann werdet ihr im Glauben wachsen und das Ziel, eure endgültige Rettung, erreichen.

3 Ihr habt ja von seinem Wort gekostet und selbst erlebt, wie gut der Herr ist.

4 Zu ihm dürft ihr kommen. Er ist der lebendige Stein, den die Menschen weggeworfen haben. Aber Gott hat ihn erwählt, in seinen Augen ist er kostbar.

5 Lasst auch ihr euch als lebendige Steine zu einem geistlichen Haus aufbauen. Dann könnt ihr Gott als seine Priesterinnen und Priester dienen und ihm Opfer darbringen, die der Heilige Geist in eurem Leben gewirkt hat. Weil ihr zu Jesus Christus gehört, nimmt Gott diese Opfer an.

6 Es steht ja schon in der Heiligen Schrift: „Seht, ich lege in Jerusalem einen ausgewählten, kostbaren Grundstein. Wer auf ihn baut und ihm vertraut, steht fest und sicher.“

7 Ihr habt durch euren Glauben erkannt, wie wertvoll dieser Grundstein ist. Für alle aber, die nicht glauben, gilt das Wort: „Der Stein, den die Bauleute weggeworfen haben, weil sie ihn für unbrauchbar hielten, ist zum Grundstein des ganzen Hauses geworden.“

8 Und es gilt auch: „Er ist ein Stein, über den die Menschen stolpern werden, ein Fels, über den man stürzen wird.“ An ihm stoßen sich alle, die nicht auf Gottes Botschaft hören wollen. So hat Gott es für sie bestimmt.

9 Ihr aber seid ein von Gott auserwähltes Volk, seine königlichen Priester, ihr gehört ganz zu ihm und seid sein Eigentum. Deshalb sollt ihr die großen Taten Gottes verkünden, der euch aus der Finsternis befreit und in sein wunderbares Licht geführt hat.

10 Früher wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr das Volk Gottes! Früher kanntet ihr Gottes Barmherzigkeit nicht; doch jetzt habt ihr sie erfahren.

Liebe Gemeinde,

Milch, Steine, lebendige Steine, Priester. Willkommen in der Bildergalerie des Ersten Petrusbriefes. Sie soll uns heute beschäftigen.

Und nein, wir sind schon lange keine kleinen Kinder mehr und erst recht keine Säuglinge. Darum haben wir ja auch all das gelernt, was die ganz Kleinen noch für lange Zeit nicht können: Bosheit ausstrahlen, lügen und betrügen, heucheln, beneiden und verleumden. Dabei haben wir alle, ohne Ausnahme, vor langer Zeit einmal ganz anders angefangen. Direkt nach unserer Geburt waren wir vor allem von Reflexen bestimmt, ohne die wir nicht hätten überleben können. Die wichtigsten davon sind der Such- und der Saugreflex. Auf den spielt unser Bibeltext an: Wie ein neugeborenes Kind nach Milch schreit, so sollt ihr nach der unverfälschten Lehre unseres Glaubens verlangen. Dann werdet ihr im Glauben wachsen. - Streichelt man die Wange eines Babys, dreht es seinen Kopf in die Richtung der Hand und öffnet womöglich den Mund. Die Berührung wirkt wie ein Signal: Die Nahrungs­quelle ist ganz in der Nähe. Der Saug- und Schluckreflex ist eine lebens­wichtige Reflexkombination! Denn diese sorgt ­dafür, dass das Neugeborene trinken kann. Sobald etwas ­seine Lippen berührt, beginnt es kräftig zu saugen. Das Schlucken stellt sicher, dass die Milch in die Speiseröhre kommt.

So also hat unser Leben vor vielen Jahrzehnten begonnen! Eines ist geblieben: Wir brauchen Nahrung, wenn wir weiterleben wollen. Und wir brauchen sie in flüssiger und in fester Form.

Einige der genannten Reflexe haben wir abgelegt und durch gezielte Aktionen ersetzt. Und zu denen gehört nicht nur, dass wir uns überlegen, was wir uns für die nächste Mahlzeit wünschen und wie wir das am besten bekommen, sondern auch, dass wir diese Planungen auf vieles andere ausdehnen, nämlich, wie wir andere beeindrucken, sie manipulieren oder oft auch, wie wir ihnen heimzahlen, womit sie uns gekränkt haben. Das alles gehört zu unserem Menschsein dazu, das werden wir nicht los. Es ist wie eine Krankheit, wie ein Virus, der uns schwächt und uns nicht so sein lässt, wie wir gerne wären.

Wie ein neugeborenes Kind nach Milch schreit, so sollt ihr nach der unverfälschten Lehre unseres Glaubens verlangen. Dann werdet ihr im Glauben wachsen und das Ziel, eure endgültige Rettung, erreichen. - Ist es nicht erstaunlich, mit welcher Stimmgewalt Säuglinge schreien können, wenn sie Hunger haben! So kleine Körper und solche Stimmen! Und es funktioniert.

Wie ein neugeborenes Kind nach Milch schreit, so sollt ihr nach der unverfälschten Lehre unseres Glaubens verlangen. Dann werdet ihr im Glauben wachsen und das Ziel, eure endgültige Rettung, erreichen. - Können wir uns mit derselben Inbrunst, mit der Säuglinge nach der Muttermilch schreien, danach sehnen, im Glauben zu wachsen? Was ist denn die geistliche Muttermilch? Das ist die unverfälschte Lehre von Gottes Barmherzigkeit. Erinnern Sie sich noch, dass ich vor genau zwei Wochen erzählt habe, dass dieser Begriff im Hebräischen von ‚rachamim‘ kommt, also im Deutschen von ‚Gebärmutter‘?! - Ja, Gott hat eine zutiefst mütterliche Seite. Die alttestamentliche Lesung heute hat uns auch wieder daran erinnert: „…Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe; denn ich bin der Ewige, dein Gott, dein Heiland! Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

Erinnern wir uns: Die christlichen Gemeinden wurden damals angefeindet und verfolgt. Sie zahlten einen hohen Preis für ihre Überzeugung. Worauf sollten sie vertrauen? Warum beschützte Gott sie nicht vor Übergriffen? Da erinnert Petrus sie daran, dass sie das Leben und Schicksal Jesu teilen. Auch ihm hatten viele misstraut, ihn und seine Lehre von einem barmherzigen Gott, der die Verlorenen sucht, abgelehnt. Er, der für die Barmherzigkeit Gottes stand, war abgelehnt, verurteilt und getötet worden. Und dann nennt Petrus ihn einen „lebenden Stein“. Das ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. Steine sind doch der Inbegriff des Leblosen, des Toten. Kein einziges der Kennzeichen für Leben trifft auf einen Stein zu. (Sie haben keinen Stoffwechsel, bewegen sich nicht aus eigener Kraft, pflanzen sich nicht fort, sind nicht aus Zellen aufgebaut, sprechen nicht auf Reize an!) Ja, sie sind das tote Gegenstück zu lebendigen Kindern!

Aber sie sind das Bild dafür, wie Gott Totes zum Leben erweckt! Als beim Einzug Jesu in Jerusalem die Menschen laut Hosianna riefen, haben die Verantwortlichen Jesus aufgefordert, er solle seine Anhänger zum Schweigen bringen und er hat geantwortet: Wenn diese schweigen, dann werden die Steine schreien.

Gott kann Steine zum Schreien bringen. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt und zum entscheidenden Stein in seinem lebendigen Tempel gemacht: Es steht ja schon in der Heiligen Schrift: „Seht, ich lege in Jerusalem einen ausgewählten, kostbaren Grundstein. Wer auf ihn baut und ihm vertraut, steht fest und sicher.“

Das ist die Antwort, die Petrus den angefochtenen Gemeinden gibt. Einen festen und sicheren Stand auf dem kostbaren Grundstein Jesus. In dieser Welt voller Hass und übler Nachrede, voller Neider und Verleumder, voller „Fake News“, wird uns gezeigt, wonach wir unsere Sehnsucht richten sollen: Nach der unverfälschten Lehre von Gottes Barmherzigkeit, damit wir im Glauben reifen und wachsen. Weil Gott mit uns ein geistliches Haus bauen will. - Nicht nur Jesus wird entgegen allem, was wir kennen und erfahren haben, entgegen allem, was wir zu wissen meinen, neues unverlierbares Leben gegeben, und so wird er zu einem lebendigen Stein. Auch für uns gilt das!

In einer Welt voller Hass, Neid und voller Verleumdungen sollen durch uns Gottes große Taten verkündet werden, damit die Finsternis, in der so viele Menschen leben, nicht finster bleibt und auch sie ins Licht geführt werden.

Früher kanntet ihr Gottes Barmherzigkeit nicht; doch jetzt habt ihr sie erfahren.

Das - und nur das - macht uns zu neuen Menschen, erhebt uns in einen priesterlichen Rang, macht uns zu lebendigen Steinen im neuen Bau Gottes. Nicht unsere Verdienste, nicht unsere bessere Moral, nichts, aber auch gar nichts, was wir durch Anstrengung oder Härte oder sonst was erreichen, sondern dass wir Gottes Barmherzigkeit erfahren haben! Es ist diese Barmherzigkeit, die unsere Sehnsucht nach Leben und Liebe stillen will, so dass wir es nun nicht länger nötig haben, aus Neid und Missgunst oder Angst heraus auf andere herabzuschauen, ihnen Gutes zu missgönnen und schlecht über sie zu reden.

Davon hat und kennt die Welt genug. Unsere Aufgabe ist aufgrund der erfahrenen Barmherzigkeit Gottes eine andere: Ihr aber seid ein von Gott auserwähltes Volk, seine königlichen Priester, ihr gehört ganz zu ihm und seid sein Eigentum. Deshalb sollt ihr die großen Taten Gottes verkünden, der euch aus der Finsternis befreit und in sein wunderbares Licht geführt hat. 10 Früher wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr das Volk Gottes! Früher kanntet ihr Gottes Barmherzigkeit nicht; doch jetzt habt ihr sie erfahren.

Was für eine Würde und was für eine schöne Aufgabe! Andere sollen durch uns etwas davon erfahren, bei uns etwas davon spüren. Ich finde, da haben wir alle noch ein gewaltiges Entfaltungspotential. Amen

So spricht der Ewige, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Amen

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