Jahreskonferenz des europäischen SoCareNet-Netzwerks in Budapest


Viel Beifall gab es für das Rollstuhlballett, das mit seiner Choreografie für einen kulturellen Überraschungsmoment während der SoCareNet-Tagung sorgte. © Diakonie Neuendettelsau/Thomas Schaller


„Diversität und soziale Inklusion in Europa“ lautete das Thema der diesjährigen SoCareNet-Jahreskonferenz in Budapest. Die rund 50 Teilnehmer der 19. Auflage dieser Tagung sprachen über die damit verbundenen Anforderungen an Politik, Zivilgesellschaft und soziale Unternehmen.

Der Tagungsort in Ungarn, wo eine einwanderungskritische Regierung ihre Macht mit umstrittenen Maßnahmen gefestigt hat, verlieh der Konferenz einen besonders spannenden Rahmen. Eigentlich hatte sich ein Staatssekretär angekündigt, doch schließlich wurde doch nur ein relativ neutrales Grußwort verlesen, in dem es hieß, die ungarische Regierung sehe soziale Organisationen als Verbündete.

Die Fäden des SoCareNet-Netzwerks laufen im Institut für Internationale Beziehungen der Diakonie Neuendettelsau zusammen. Dessen Leiter Thorsten Walter begrüßte die Teilnehmer gemeinsam mit Tibor Hajdú von der gastgebenden ungarischen evangelisch-lutherischen Diakonie. Deren Bischof Peter Kondor stellte die ungarische Diakonie vor. Dr. Mathias Hartmann, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Neuendettelsau, meinte, die Frage nach den Werten eines Unternehmens werde wichtiger, weil Glaubwürdigkeit einen Wettbewerbsvorteil darstelle.

Nachdenken über christliche Solidarität

Heather Roy, Generalsekretärin des Verbands Eurodiaconia, beschrieb die hohen Ansprüche und die harte Wirklichkeit beim Thema Diversity im Raum der Diakonie. Angesichts der Komplexität sozialer Bedürfnisse und begrenzter finanzieller Spielräume befinde sich die Diakonie an einer Weggabelung und müsse sich fragen, wo ihr Platz in Gesellschaften ist, die immer stärker von den Regeln des Marktes, Säkularisation und Populismus geprägt seien. Wanderungsbewegungen seien nur ein Teil eines komplizierten Geflechts von transnationalen Herausforderungen. Die Diakonie könne sich durch Einflussnahme auf den politischen Entscheidungsprozess, Dialogbereitschaft, den Einsatz für eine ausreichende Finanzierung und das Nachdenken über das Wesen christlicher Solidarität konstruktiv einbringen.

Für ein differenzierteres Bild der ungarischen Regierung warb Martin Kastler, der für die Aktivtäten der Hanns-Seidel-Stiftung in Tschechien, Ungarn und der Slowakei verantwortlich ist. So habe sich diese besonders für die Integration der in Ungarn lebenden Roma eingesetzt. Auch er sieht Europa in der Frage der sozialen Gerechtigkeit an einer Wegscheide. Verständnis und Respekt seien nötig, auch gegenüber Meinungen aus Osteuropa. Die unterschiedlichen Probleme in verschiedenen europäischen Regionen erfordern auch jeweils andere politische Antworten, meinte Kastler.

Im zentralen thematischen Vortrag ermutigte der häufig als „Diversitäts-Guru“ bezeichnete Wirtschaftsingenieur und Buchautor Michael Stuber dazu, den Wert gesellschaftlicher Diversität zu entdecken und zu gestalten. Unterschiede und Komplexität schaffen aber nicht automatisch einen Mehrwert, erläuterte er. Vielmehr sei ein Inklusionsprozess voller Lernerfahrungen nötig, um Potenziale optimal zu nutzen.

Eckpfeiler und Grundwert

Diversität sei ein Eckpfeiler für Europa und die Wertschätzung von Verschiedenheit ein europäischer Grundwert. In Verbindung mit Inklusion als Schlüsselmechanismus der europäischen Gesellschaft sei Diversität eine Notwendigkeit, um den Erfolg des europäischen Modells in der Zukunft zu sichern.

Das Bild einer Gesellschaft, die sich in die exakte Gegenrichtung entwickelt, zeichnete anschließend Aiski Ryokas vom ungarischen Helsinki-Komitee. Der Spielraum für eine kritische Zivilgesellschaft sei in Ungarn in den letzten Jahren massiv geschrumpft, sagte sie. Dafür hätten Hasskampagnen, eine negative Berichterstattung in den fast vollständig von der Regierung kontrollierten Medien und eine restriktive Gesetzgebung gesorgt.

Zumindest aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht macht Diversität aber offenbar auch in Ungarn Sinn. Der entsprechende Beitrag von Prof. Dr. Krisztina Szegedi von der Budapest Business School ließ jedenfalls eine positive Grundhaltung zu diesem Thema spüren.

Danach konnten die Teilnehmer bei Studienbesuchen in verschiedenen Einrichtungen die Sozialarbeit in Ungarn in der Praxis kennenlernen.

Wie Inklusion in der Dortmunder Nordstadt praktisch funktioniert, schilderte Frank Merkel von der Caritas Dortmund. Helle Cristiansen von Kirkens Korshaer in Dänemark verdeutlichte, vor welchen Herausforderungen die Bemühungen um soziale Inklusion in dem skandinavischen Land stehen. Anna Weiß stellte zum Abschluss das Projekt WIND (Werte – Innovation – Diversity) vor, das von der Diakonie Neuendettelsau gemeinsam mit der Caritas Nürnberg durchgeführt wird. 

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