Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung stehen im Mittelpunkt


Am 1. Januar 2017 ist das Bundesteilhabegesetz (BTHG) in Kraft getreten. Ziel dieses Gesetzespaketes ist es, Menschen mit einer Behinderung mehr Möglichkeiten zu Teilhabe und Selbstbestimmung in ihrem Wohnumfeld, am Arbeitsplatz und in der Freizeit zu ermöglichen.
Die Auswirkungen dieser Neuerungen auf den Alltag der Menschen mit Behinderung in der Diakonie Neuendettelsau werden in den nächsten Monaten im Online-Magazin immer wieder Thema ein.


Zum Auftakt hat sich Günther Hiessleitner mit drei Experten unterhalten:
Martin B., 32, lebt seit seinem siebten Lebensjahr in Neuendettelsau. Er hat das Förderzentrum St. Martin absolviert, ist jetzt Beschäftigter in der Werkstatt für Menschen mit einer Behinderung und spielt in seiner Freizeit begeistert Basketball und Fussball.
Claudia Klement und René Reinelt arbeiten im Wohnbereich Neuendettelsau, Reinelt als dessen Leiter, Klement als Wohnbereichsleitung

Teilhabe für Menschen mit Behinderung
Martin B. arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. © Hiessleitner



Das Teilhabegesetz setzt auf Individualität und Selbstbestimmung


„Zu Beginn meines Berufslebens waren Förderung und Fürsorge der wesentliche Mittelpunkt in der Betreuung. Dies hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Heute geht der Blick in die Richtung Individualität und Selbstbestimmung im Kontext mit dem sozialen Umfeld mit all seinen Anforderungen, Grenzen und Möglichkeiten.“: Diese Feststellung trifft Claudia Klement. Sie leitet einen Wohnbereich für Menschen mit Behinderung in Neuendettelsau.
Was hat sich konkret geändert?


Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellung der eigenen persönlichen Lebensgestaltung des Bewohners bestimmen das heutige Berufsprofil der Mitarbeitenden. „Das ist nicht immer ganz einfach und bedeutet, dass wir im ständigen Dialog sein müssen. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung stehen im Vordergrund. Respekt und gegenseitige Achtsamkeit unterstützen individuelle Entfaltung und aktive Teilhabe im Alltag.“, erklärt Klement.


Ein Bewohner aus ihrem Verantwortungsbereich ist Martin B. Der 32-jährige kam nach Neuendettelsau als er sieben Jahre alt war. Der „Bereich Wohnen“ nannte sich damals noch „Christophorus-Heim“. Dieses wurde sein neues Zuhause.


Nicht weit von seiner Wohngruppe entfernt war seine Schule, das Förderzentrum St. Martin. In kleinen Klassen gewährleisteten speziell ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern eine optimale Förderung.


Teilhabe am Arbeitsplatz


Am Ende seiner Schulzeit stand die Frage, ob Martin B. einen Beruf ergreifen kann oder ob es andere Arbeitsmöglichkeiten für ihn gibt.


Er erzählt selbst: „Ich hab‘ mehrere Praktika gemacht, zum Beispiel in einer Autowerkstatt, in der Malerei und in der Gärtnerei, aber ich habe mich dann für die Werkstatt für behinderte Menschen entschieden, weil ich da auf der sicheren Seite bin.“


Dort arbeitet er in der sogenannten „Mailinggruppe“, die in erster Linie für den Versand von Serienbriefen, Prospektmaterial und Zeitschriften oder für die Verteilung der Mitarbeiterzeitung von Diakoneo zuständig ist. Am Nachmittag ist er jedoch an seinem Außenarbeitsplatz in der Produktionsküche der Einrichtung Wohnen Neuendettelsau zu finden. Dort verrichtet er verschiedene Hilfstätigkeiten. „Für mich passt das alles prima“, so Martin B.


Diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf seine Arbeit, sondern auch auf das Wohnen. „Ich wohne in einer Wohngemeinschaft in der Ziegelhüttenstraße. Wir sind insgesamt zu viert“, erzählt er.

Mehr Informationen

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Angebote für Menschen mit Behinderung



Teilhabe im eigenen Wohnumfeld


In der Wohngemeinschaft, so Claudia Klement, werden die Bewohner entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten betreut. Alltägliche Anforderungen werden gemeinsam besprochen, Lösungen bei Problemen gesucht und der Alltag bei Bedarf unterstützt.


Einmal in der Woche findet das Gruppengespräch statt: Dort werden die wichtigsten Dinge, z. B. notwendige Arztbesuche, Hausordnung und Freizeitaktivitäten miteinander abgestimmt.

Teilhabe in der Freizeit


Und wie verbringt Martin B. seine Freizeit? Er kann hier aus vielen Angeboten wählen. Martin B. hat sich für Fußballspielen und für das Unified Basketball-Team entschieden. Diese Mannschaft besteht aus Schülern der Laurentius-Realschule in Neuendettelsau und aus Menschen mit einer Behinderung. Regelmäßig nimmt Team an Turnieren und Wettbewerben der Special Olympics teil und ist hier sehr erfolgreich.


Teilhabe in der demokratischen Mitbestimmung


Doch die sportlichen Aktivitäten reichen Martin B. noch nicht: Er engagiert sich auch in der Bewohnervertretung (= Heimbeirat). Diese ist dem Bereich Wohnen sehr wichtig, so Claudia Klement, weil die Bewohner hier Eigenverantwortung übernehmen können. Sie bestimmen und gestalten den Alltag in ihrem Wohnbereich ganz erheblich mit. So entstand auf Initiative des Bewohnervertretung zum Beispiel der „Chili-Treff“. Dieser offene Treff für jugendliche und erwachsene Bewohnerinnen und Bewohner wird von einem eigenen Team selbst organisiert und verwaltet. Die nötige Unterstützung holen sich die einzelnen Teammitglieder bei den Mitarbeitenden.

„Wir machen hier Spiele oder Kickern und wir haben auch PCs mit einem Internetanschluss“, berichtet Martin B. Die Bewohnervertretung ist auch Ansprechpartner, wenn es Probleme in den Wohngruppen gibt. Jeden Tag leert Martin B. zusammen mit einer Mitbewohnerin den Postkasten der Bewohnervertretung. Anfragen, Informationen und Beschwerden können dort eingeworfen werden.

In den vierzehntätigen Sitzungen werden die eingegangenen Briefe bearbeitet. „Wenn es Beschwerden gibt dann schauen wir, ob das Problem in der Wohngruppe selbst gelöst werden kann oder ob wir zum Beispiel die Küchenleitung, den Hausmeister oder den Leiter der Einrichtung zu einem Gespräch einladen müssen“, so Martin B. In der Regel lassen sich die Probleme alle im guten Einvernehmen lösen.


Welche Angebote gibt es für Menschen mit einer Behinderung in Neuendettelsau?


Als Martin B. vor über 25 Jahren nach Neuendettelsau kam, sah der Bereich der „Behindertenhilfe“ noch ganz anders aus als heute. Der Mittelpunkt war das Christophorus-Heim mit seinen zentralen Häusern, ein relativ geschlossener Bereich im Zentrum der Diakonie. Heute gibt es mehrere Wohnhäuser und Wohngruppen, die dezentral und inklusiv im ganzen Ort verteilt sind.


Menschen mit Behinderung leben in Wohngebäuden und Mietwohnungen wie andere Bürgerinnen und Bürger in Neuendettelsau auch. Sie finden jedoch gerade in Neuendettelsau ein sehr differenziertes Angebot von Förder- und Betreuungsmöglichkeiten, das schon Kindern ab dem Säuglingsalter zu Gute kommt. Alle Kindertagesstätten der Diakonie sind in Neuendettelsau integrativ ausgerichtet, das heißt, dass sie auch von Kindern mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen besucht werden können. Speziell für sprachbehinderte oder entwicklungsverzögerte Kinder gibt es die Schulvorbereitenden Einrichtungen (SVE) und, je nach Fähigkeiten, können die Kinder dann anschließend das Sonderpädagogische Förderzentrum St. Laurentius oder das Förderzentrum St. Martin besuchen.


Nach der Schule steht die Werkstatt für behinderte Menschen mit passgenauen Arbeitsangeboten zur Verfügung. Diejenigen, die keine Werkstatt besuchen können, haben ihren zweiten Lebensbereich neben der Wohnung in der Förderstätte. Die Wohnangebote sind, wie bereits erwähnt, sehr differenziert und reichen bis zum Begleiteten Wohnen. Hier leben Menschen mit Behinderung in einer eigenen Wohnung und werden entsprechend ihres Unterstützungsbedarfes individuell von Mitarbeitenden der Offenen Hilfen betreut.


Selbstbestimmung, Teilhabe und Sozialraumorientierung sind unsere zentralen handlungsleitenden Ziele und bestimmen so die Arbeit in der Einrichtung. Bewohnerinnen und Bewohner werden gezielt unterstützt und begleitet, so dass ein Übergang in den Bereich der Offenen Hilfen und dem ambulant begleiteten Wohnen möglich wird.“ so der zuständige Einrichtungsleiter René Reinelt.


Für ein entsprechendes Angebot in der Freizeit sorgen die Offenen Hilfen. Sie bieten ein Erwachsenenbildungsprogramm ebenso wie Urlaubsreisen und Gruppenfreizeiten oder sorgen dafür, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner sportlich betätigen können.

In Neuendettelsau haben seit der Gründung der Diakonie Neuendettelsau im Jahr 1854 immer Menschen mit Behinderung gelebt. Sie gehören hier dazu und sind überall präsent. Dass es sich in Neuendettelsau gut leben lässt, dieser Meinung dürfte nicht nur Martin B. sein.


Mehr Informationen

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