Soziale Kompetenz und Selbstkompetenz der Kinder stärken

Die Entwicklung von Selbstkompetenz und sozialen Kompetenzen: Das ist der Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit in der integrativen Kita Bärenstark im Nürnberger Tillypark. Grundlage für die Arbeit sind die pädagogischen Standards von Maria Montessori.

Der Artikel beschreibt unter anderem:

  • Warum sind die pädagogischen Gedanken von Maria Montessori heute noch aktuell?
  • Warum ist es wichtig, bei einem Kind die sogenannten "sensiblen Phasen" zu erkennen?
  • Mit welchen Experimenten und in welchen Alltagssituationen können die Überlegungen praktisch umgesetzt werden?
  • Wie weckt man bei den Kindern, die Lust, selbst zu lernen?
  • Wie fördert Diakoneo als Arbeitgeber Erzieher, die sich entsprechend fortbilden wollen?

Gesprächspartnerinnen von Ulrike Englmann sind Julia Rügamer-Henne, Leiterin der Kita Bärenstark, und Doris Gutknecht, Erzieherin.

Kita Baerenstark Nürnberg Außenansicht
Die Kita Bärenstark im Nürnberger Tillypark

Die integrative Kita Bärenstark im Nürnberger Tillypark will durch eine inklusive, ganzheitliche Pädagogik eine individuelle Förderung und eine gezielte Entwicklungsbegleitung für jedes Kind ermöglichen. Dabei setzt die Kita auf ein teiloffenes Konzept und die Prinzipien von Maria Montessori, die darauf abzielen, die Entwicklung kindlicher Selbstkompetenz zu fördern und zu festigen.

Frage: Was ist das Besondere an der Kita Bärenstark?
Julia Rügamer-Henne:
Das Besondere unserer Kita liegt zum einen in unserem Ziel, die Einrichtung inklusiv zu betreiben. Wir möchten das Recht auf Inklusion aller Menschen in der Praxis der Kinderbetreuung umsetzen. Das heißt, wir schaffen ganz praktisch Teilhabemöglichkeiten für Menschen mit Behinderung vom Kleinkindalter an.
Die Gruppen sind insgesamt kleiner als die in einem normalen Kindergarten und vom Alter her gemischt aufgebaut.

Pädagogischer Ansatz nach Maria Montessori

Frage: Und der pädagogische Ansatz?'
Julia Rügamer-Henne:
Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Entwicklung von Selbstkompetenz und sozialen Kompetenzen. Dazu nutzen wir die pädagogischen Standards von Maria Montessori. Dies ermöglicht uns, die Kinder alters- und entwicklungsbezogen zu fördern und zu unterstützen. Wir orientieren uns in unserer Arbeit in den Gruppen an Jahresphasen und Themen, die sich aus Impulsen der Kinder mit ihrem unterschiedlichen bisherigen Erfahrungshorizont zuhause in der Familie entwickeln.

Frage: Die Montessori-Pädagogik wurde vor rund 100 Jahren entwickelt. Was macht sie heute noch aktuell?
Julia Rügamer-Henne: Die Gedanken von Maria Montessori haben in all dieser Zeit gar nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Ganz im Gegenteil, sie erscheinen heute aktueller und nötiger denn je: Viele Eltern haben heute wenig Zeit und nehmen ihren Kindern viel zu viel ab. Wie soll ein Kind lernen seine Jacke anzuziehen, wenn es sie immer angezogen bekommt, damit es schneller fertig ist?
Hierfür gibt es viele Beispiele. Kinder müssen sich auch anstrengen dürfen, um etwas zu lernen und zu erreichen. Umso größer sind ihre Freude und ihr Stolz, wenn es dann gelungen ist und sie es können.
Es ist wichtig bei einem Kind sogenannte „sensible Phasen“ zu erkennen. Das bedeutet, dass es für die Entwicklung bestimmter Kompetenzen bestimmte Zeitfenster gibt. Wenn man diese verpasst, benötigt das Kind wesentlich mehr Aufwand, um einen Entwicklungsschritt zu erreichen.
Kinder entwickeln beispielsweise schon sehr früh (im Alter von 3-4 Jahren) ein Interesse an Zahlen. Erkennt man dies und fördert man sie entsprechend, tun sie sich später leicht mit dem Rechnen und der Mathematik.
Maria Montessori fasste ihre Gedanken einmal in dem Satz zusammen:

„Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist der gleiche wie der, auf dem die Starken sich vervollkommnen“.
Maria Montessori

Dies bildet die Grundlage unseres Arbeitens. Wir stellen allen Kindern die gleichen Ressourcen zur Verfügung und geben jedem Kind so viel Zeit wie es eben braucht, um sie zu erkunden und für die eigene Entwicklung zu nutzen.


Doris Gutknecht: Praktisch heißt das, dass wir genau schauen, was das Kind aktuell braucht und wie wir es unterstützen können. Also zum Beispiel stellen wir fest, ein Kind hat noch Schwierigkeiten, sich beim Mittagessen Wasser ins Glas zu gießen, dann können wir das Eingießen üben, indem wir erst einmal nicht Wasser dazu verwenden, sondern die Karaffe mit kleinen Körnern füllen. So bekommt das Kind ein Gefühl dafür, wann es aufhören muss, zu schütten.

Wenn dieser Entwicklungsschritt vollzogen ist, üben wir mit richtigem Wasser. Dabei lernt das Kind auch, dass zu Wassergläsern ein Tablett als Unterlage gehört und ein Tuch, um verschüttetes Wasser wieder aufzunehmen. So lernt es nicht nur das Eingießen, sondern auch wie es sich selbst helfen kann, wenn etwas verschüttet wird.


Das gleiche Prinzip wenden wir auch an, wenn es zum Beispiel um das Auffädeln von Perlen geht. Das kann man üben, indem man auf einen Kochlöffel Rollen mit Toilettenpapier „auffädelt“ und in der Folge kann das Kind das Prinzip des Auffädelns erfassen.

Oft ist das Lernmaterial auch ganz speziell auf ein einzelnes Kind abgestimmt und wir müssen erst einmal suchen, bis wir das richtige Material gefunden haben.
Kinder lernen hier auch wie sie zum Beispiel eine Kerze entzünden können, ohne dass etwas in Brand gerät. Sie lernen, dass dazu auch Löschmaterial gehört oder ein Stirnband für die Haare. So verstehen sie, welche Gefahren dabei entstehen können und wie sie damit umgehen können. Das Anzünden der Kerze wird aus der „Verbotszone“ geholt, geübt und erhält die entsprechende Bedeutung.


Julia Rügamer-Henne: Wichtig dabei ist auch immer noch, dass vor und nach der jeweiligen Lerneinheit wieder alles aufgeräumt und das Material ordentlich im Regal untergebracht wird. Um noch einmal Maria Montessori zu zitieren: 


„Ordnung von außen bringt Ordnung nach innen“.
Maria Montessori 


Frage: Welche Methodik wenden Sie an und wie sieht das konkret aus?
Julia Rügamer-Henne:
Bei den Lerneinheiten handelt es sich um alltagspraktische Tätigkeiten, nicht um irgendetwas Abgehobenes. Also um Tätigkeiten, die isoliert und unabhängig vom sonstigen Geschehen, geübt und gelernt werden und dann auf den Alltag übertragen werden. Die Erzieherin versteht sich dabei als Entwicklungsbegleiterin.


Doris Gutknecht: Ein Teil des Konzepts besteht darin, dass wir für unsere Arbeitseinheiten grundsätzlich nur „echtes“ Material verwenden. Also echte Gläser und richtiges Wasser. Wir bereiten die Lerneinheiten liebevoll vor und sind achtsam in der Handhabung und das vermitteln wir den Kindern. Sie entscheiden selbst, womit sie gerade „arbeiten“ wollen. Und sie bekommen so viel Zeit wie sie eben zu einer Sache brauchen.
Da braucht man vielleicht auch mal drei Stunden bis man gelernt hat, einen Knopf anzunähen. Aber der ist dann dran und die Freude ist groß. So ein Lernen wird nicht einfach unterbrochen, indem die Sachen weggeräumt werden, weil jetzt eben Zeit zum Mittagessen ist oder etwas anderes.

Lust am Lernen wecken

Frage: Wie weckt man bei den Kindern die Lust, selbst zu lernen?
Julia Rügamer-Henne:
Wir fördern die Kinder in ihrer Eigenmotivation, eine Aktivität auszuführen. Dabei steht der spielerische Umgang mit dem vielfältigen unterschiedlichen Material im Vordergrund. Das gilt auch für die Abläufe des Alltags: Für das Mittagessen decken die Kinder ihren Essplatz zum Beispiel selbst ein und wählen aus dem Angebot aus, was sie essen möchten.

Doris Gutknecht: Außerdem orientieren wir uns in unserem pädagogischen Angebot an den Jahresphasen und bieten unterschiedliche Projektarbeiten an. Zum Beispiel hatten wir auf einem unserer Ausflüge draußen eine verpuppte Larve gefunden, aus der sich dann ein Marienkäfer entwickelte. Das bedeutete, dass die Kinder lernen konnten, wie sich ein Käfer aus einer Larve entwickelt, was der Käfer dann frisst und braucht. Also sammelten wir Blattläuse.
Wir konnten den gesamten Lebenszyklus des Käfers beobachten und ihn am Ende in die Freiheit entlassen. Um so etwas leisten zu können, muss man als Erzieher bereit sein, auch selbst zu lernen und sich vorab zu informieren. Material kann man sich aus dem Montessori-Katalog bestellen oder es individuell suchen und zusammenstellen. Im Lauf der Jahre entsteht eine hohe Verbundenheit zu dem „eigenen Raum“, zu den eigenen Materialien in der Kita.


Julia Rügamer-Henne: Ein anderes Beispiel ist der Spaß am Umgang mit schwierigen und seltsamen Worten, wie „Kubus“ oder „Oktaeder“ oder was die Kinder so an Worten mitbringen. Es geht aber auch um die Verfeinerung der Sinne ganz allgemein. Das Sinnesmaterial regt zum Experimentieren mit unterschiedlichen Geräuschen an oder die Farbtäfelchen, die die Wahrnehmung in Bezug auf unterschiedliche Schattierungen schärfen und mit welchem ansprechende Muster und Reihen zu legen sind.
Dazu kann man die verschiedensten Dinge verwenden. Man kann Materialien zum Rascheln und Rasseln verwenden, um die Unterschiedlichkeit der Geräusche erfassen zu können, oder auch verschiedene Farben, um Farbschattierungen unterscheiden zu können.


Erzieherin Diakoneo Nürnberg
Doris Gutknecht arbeitet als Erzieherin in der Kita Bärenstark. © Kita Bärenstark


Frage: Sie haben die Projektarbeit erwähnt. Haben Sie noch ein anderes Beispiel für ein Projekt?
Julia Rügamer-Henne:
Wir haben für die Geburtstage ein spezielles Geburtstagsritual, das wir mit den Kindern erlernen. Das nennt sich der „Geburtstagskreis“. Dabei lernen die Kinder, dass die Erde im Lauf des Jahres einmal um die Sonne kreist. Das Geburtstagskind läuft mit einem Globus als Symbol für die Erde einmal rund um eine Kerze, die für die Sonne steht, herum und kommt dabei an allen Monaten vorbei.
Dieses Ritual erleben sie häufig, da ja ständig eines der Kinder Geburtstag hat. Dies haben wir für unser 10-jähriges Kita-Jubiläum aufgegriffen. Auf diese Weise wird es vorstellbarer, was diese für Kinder abstrakten 10 Jahre bedeuten. Wir können darstellen, was sich in diesen 10 Jahren ereignet hat. Welche Themen haben uns da beschäftigt? Da entstehen viele Ideen und viel Motivierendes.


Frage: Die Montessori-Pädagogik erfordert von Ihren Mitarbeitenden ein hohes Maß an Kompetenz und Know How. Welche Ausbildung braucht man, um in der Kita Bärenstark arbeiten zu können?
Julia Rügamer-Henne:
Zunächst braucht man eine Ausbildung wie in jeder anderen Kindertagesstätte auch zum Erzieher oder zur Erzieherin. Ergänzend können in integrativen Einrichtungen auch Heilerziehungspfleger und Heilerziehungspflegerinnen oder Heilerziehungspflegehelfer und Heilerziehungspflegehelferinnen beschäftigt werden. Und dann sollte man Interesse an der Montessori-Pädagogik mitbringen. Wir bieten zum Einstieg ein dreitägiges Grundlagenseminar, das im Montessori-Zentrum in Nürnberg stattfindet.
Wünschenswert ist es auch, später ein Montessori-Diplom zu erwerben, dazu gibt es verschiedene Ausbildungsinstitute. Für die Fortbildungen stellt Diakoneo für jeden Mitarbeitenden ein Fortbildungskontingent zur Verfügung. Bei mehrjährigen Weiterbildungen, wie etwa einem Diplomkurs, übernimmt der Träger einen Großteil der Kosten.
Neben der Montessori-Pädagogik hat man hier auch die Möglichkeit, inklusiv zu arbeiten und letztlich für eine friedliche Gesellschaft und für Toleranz einzutreten. Man kann sich selbst in einem sinnhaften Arbeiten erleben. Ein wichtiger Aspekt ist der Respekt und die Achtung vor dem Kind und seinen Wünschen und Bedürfnissen.
Außerdem bietet Diakoneo regelmäßige Fachtage mit kompetenten Referenten, die bei Bedarf auch in die jeweiligen Einrichtungen kommen und es besteht immer die Möglichkeit zu Supervision, Beratung in fachlichen und konzeptionellen Fragen.

Doris Gutknecht: Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit anderen Einrichtungen. Durch die Kooperation sind wir in 

zwei Fundamenten eingebettet und jeder kann eigene Schwerpunkte in seiner Arbeit setzen. Ich habe zum Beispiel einen Hintergrund in der Lebenshilfe und bringe eben diese Prägung mit. Ich bin hier aber nicht der Lebenshilfe verpflichtet, sondern unserem gemeinsamen Kita-Konzept.

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