Mehr Zeit für Zwischenmenschlichkeit

Angesichts des demografischen Wandels sind immer mehr Menschen pflegebedürftig. Gleichzeitig werden Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zunehmend zur Mangelware. Digitale Produkte können dazu beitragen, die Lage zu entschärfen.

Von Beate Wagner

Digitaler Wandel ist nötig – braucht aber Zeit


Digitaler Wandel im Pflegebereich
Eine Perspektive, die die Digitalisierung im Gesundheitsbereich bietet, ist, dass sie die Pflegenden entlastet und ihnen Freiräume schafft, um mehr Zeit für menschliche Zuwendung zu haben. © Salomon


Im Wort Digitalisierung schwingt atemloses Tempo mit –vielleicht auch, weil sie gerade im Gesundheitswesen bitter nötig ist. Doch der Wandel braucht Zeit.

Deutschland gehen die Pflegekräfte aus. Das gilt für Krankenhäuser, Pflegeheime und ambulante Pflegeeinrichtungen gleichermaßen. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im April April letzten Jahres ging 2017 in der Altenpflege etwa 23.000 Stellen und in der Krankenpflege mehr als 12.000 Stellen nicht besetzt werden konnten.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens und damit der Pflege erscheint vor diesem Hintergrund dringlicher denn je. „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stehen wir in einem Spannungsfeld zwischen vielen Kunden und wenigen Pflegekräften, deren Hauptaufgabe in der Arbeit am Menschen liegt“, sagt Tobias Kley, der das Projekt „Innovation und Technik“ im Evangelischen Johannesstift in Berlin leitet. Um den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen, müssten patientenferne Tätigkeiten reduziert und die Digitalisierung dort unterstützt werden, wo sie die Qualität der Arbeit von Pflegenden sichern kann. 

Die Auswahl an Produkten auf dem Markt ist schon heute immens groß. Doch ganz gleich, ob es um Präsenssensoren, eine Ganganalyse zur Sturzprävention oder die automatische Auslösung von Notrufketten im stationären wie häuslichen Bereich geht: „Momentan brauchen wir noch sehr lange, bis ein Produkt aus der Pilotphase wirklich in den Alltag übergeht“, sagt Kley. Die Technik sei immer schnell eingebaut. „Bis sich Menschen aber an die neuen Prozesse gewöhnt haben, vergeht Zeit“, weiß der Projektleiter. Führt er ein neues Produkt am Johannesstift ein, muss es sich immer einer Maxime unterordnen: „Das Produkt soll die Pflegekraft entlasten und mehr Sicherheit für die Bewohnerinnen und Bewohner bringen“, sagt Kley. „Die Arbeit am Menschen und die Zeit des Miteinanders darf es indes nicht reduzieren.“

Digitalisierungscheck hilft bei der Umstellung

Deshalb muss sich jede Einrichtung gut überlegen, ob und welche Anwendungen sie digitalisiert. Das Fraunhofer- Institut für Software und Systemtechnik ISST bietet dafür einen Digitalisierungscheck an: Entscheider erhalten einen Überblick über den Stand der Digitalisierung an ihrem Krankenhaus. In einem Workshop mit den Verantwortlichen, darunter auch die Pflegedienstleitung, untersuchen die Wissenschaftler alle Krankenhausbereiche, in denen Digitalisierung zukünftig eine Rolle spielen wird.


BMBF erprobt Praxistauglichkeit

Damit der Transfer von Pflegeinnovationen in den Regelbetrieb künftig reibungsloser verläuft, fördert das Bundesforschungsministerium die „Zukunft der Pflege“ mit 20 Millionen Euro. Im Rahmen der Fördermaßnahme erproben und bewerten Pflegeexperten in vier sogenannten Pflegepraxiszentren (PPZ) in Hannover, Freiburg, Nürnberg und Berlin innovative Pflegetechnologien auf Praxistauglichkeit, Akzeptanz und Nutzen im Echtbetrieb. Das Projekt ist Anfang 2018 gestartet und läuft bis 2023.
Im
 PPZ Nürnberg engagieren sich als Partner neben der Diakonie Neuendettelsau das Klinikum Nürnberg, die Wilhelm-Löhe-Hochschule, das NürnbergStift, die Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und das Forum MedTEch Pharma e.V. aus Nürnberg.


Digitalisierung ist ein langfristiger Prozess

„Gestartet haben wir vor etwa dreieinhalb Jahren, als klar war, dass beispielsweise dänische Kliniken schon viel weiter entwickelt sind und es hierzulande doch großen Nachholbedarf gab“, sagt Sven Meister, der die Abteilung Digitization in HealthCare leitet. Mittlerweile kooperiert das Fraunhofer ISST mit mehreren großen Kliniken. Problematisch sei, dass viele Verantwortliche immer noch ein falsches Verständnis hätten. „Digitalisierung ist nichts, was man kaufen kann. Es ist kein Produkt, sondern ein langfristiger Prozess, in den vor allem Menschen involviert sind“, weiß Meister. „Das digitale Produkt kann also technisch noch so ausgefeilt sein – wenn der Mensch sich ihm verwehrt, wird der Prozess nicht erfolgreich sein.“ 

Im Digitalisierungscheck lernen Entscheider, ihre Mitarbeiter auf die Umstellung vorzubereiten und Prozesse an den richtigen Stellschrauben zu verändern. „Wenn wir verstanden haben, dass Digitalisierung in der Pflege unterstützen kann, aber die Zwischenmenschlichkeit der Pfleger nie ersetzen wird, kann der Prozess viel Gutes bringen und die Arbeit der Pflegekräfte zukünftig positiv beeinflussen.“

Digitale Helfer auf Station

Alles, was die Arbeit vereinfacht und unnötige Arbeitsschritte vermeidet, schafft Zeit für zwischenmenschliche Zuwendung. Smarte Dokumentationssoftware ist ebenso hilfreich wie ein Sensor, der die Pflegekraft nur im Bedarfsfall ruft. Die Expertensoftware CareIT Pro des NursIT-Instituts in Berlin übernimmt in der Klinik neben der täglichen Dokumentation Routineaufgaben automatisch und selbstständig.
Sie automatisiert mithilfe von intelligenten Pflegehilfsmitteln und Wearables den Pflegeprozess, leitet automatisch Abrechnungskennzahlen ab, bietet in der digitalen Patientenkurve eine Wund- und Sturzdokumentation, erleichtert das Entlassungsmanagement, schlägt selbstständig Pflegediagnosen vor. Zu den ersten Nutzern von CareIT Pro gehören das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Asklepios Stadtklinik Bad Tölz und das Hospital zum Heiligen Geist in Kempen.
Allerdings werde die digitale Dokumentation häufig noch als Mehraufwand empfunden, sagt Heiko Mania, Geschäftsführer des NursIT Institutes und Leiter der neu gegründeten Arbeitsgruppe Digitalisierung in der Pflege im Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e.V. Zudem trage die Finanzierung zu einer schleppenden Entwicklung bei: Die Pflege in Krankenhäusern werde nicht als separater Kostenfaktor abgerechnet, sondern sei in den Fallpauschalen versteckt.
„Bisher ist es für Krankenhäuser noch relativ unattraktiv, in die Digitalisierung der Pflege zu investieren, auch wenn sich der Aufwand für die Dokumentation in den letzten Jahren vervielfacht hat“, sagt Mania.

Sensoren alarmieren Altenpfleger


Sensorsytem moio.care
Das moio.care-Sensorsystem wird auf der Haut des Patienten befestigt. Es unterstützt die Pflegekraft zum Beispiel bei der Sturzprävention und der Dekubitusprophylaxe. © Diakonie Neuendettelsau

Was für Krankenhäuser gilt, ist in der Altenpflege nicht anders: Auch dort ist es bitter notwendig, die Pflegekräfte zu entlasten. In deutschen Pflegeheimen sollten durchschnittlich vier Bewohner der Pflegestufe 1 von einer Pflegekraft betreut werden. Im Idealfall. In der Realität müssen sich die Pflegenden oft zwischen mehr als vier Pflegebedürftigen zerreißen. Sensoren, die sie nur dann rufen, wenn sie wirklich gebraucht werden, können sie entlasten.

Ein Beispiel dafür ist das Sensorsystem moio.care der Moio GmbH. Es soll in diesem Jahr auf den Markt kommen und könnte etwa bei der Sturzprävention helfen. Der Sensor im Inneren des Systems erkennt, wenn ein im Bett liegender Mensch nach einer längeren Liegephase den Oberkörper aufrichtet und aufstehen will. Der Sensor teilt der Pflegekraft die bevorstehende Aktion frühzeitig mit – sodass sie rechtzeitig in das Zimmer eilen und den Bewohner beim Aufstehen unterstützen kann, um einen drohenden Sturz zu verhindern. 

Außerdem soll das System die Dekubitusprävention optimieren. „Die Nachtschicht in der stationären Altenpflege ist verpflichtet, jeden Bewohner nach festen Intervallen umzulagern, egal ob das notwendig ist oder nicht“, erklärt Moio-Geschäftsführer Jürgen Besser. Für die Bewohner sei das störend und häufig unnötig, weil sie sich vielleicht selbst umdrehen. Der Pflegekraft macht es viel Arbeit. „Unser System gibt der Pflegekraft hingegen nur dann ein Signal, wenn sich ein Bewohner beispielsweise vier Stunden lang nicht ausreichend bewegt hat“, erklärt Besser. Sie muss nicht mehr unnötig umlagern, die Bewohner werden nicht umsonst gestört, überflüssige Kontroll- und Routinetätigkeiten werden reduziert.
Das moio.care-System wurde ursprünglich entwickelt während eines gemeinsamen Forschungsprojektes der Diakonie Neuendettelsau, der Wilhelm-Löhe-Hochschule und des Lehrstuhls für Technische Elektronik der Friedrich-Alexander-Universität. 

Für mehr Durchblick in der (ambulanten) Pflege

Die ambulante Pflege ist eine der am stärksten wachsenden Versorgungsformen. Dort soll die „Pflegebrille“ zum Einsatz kommen, die derzeit in einem Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwickelt wird.
Um auch die ambulante Pflege – als eine der am stärksten wachsende Versorgungsform – digital weiterzuentwickeln, finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Forschungsprojekt „Pflegebrille – Pflege mit Durchblick“. Auf Basis der bereits am Markt verfügbaren Augmented-Reality (AR)-Datenbrillen, wie zum Beispiel „Google Glass“, wollen darin sechs Projektpartner ein Konzept umsetzen, in dem Datenbrillen zukünftig Pflegekräften die tägliche Arbeit erleichtern sollen. „Der Forschungsauftrag ist zunächst auf die ambulante Intensivpflege von Menschen beschränkt, die beatmet werden müssen“, weiß Heinrich Recken vom Studienzentrum Gesundheit und Pflege der Hamburger Fern-Hochschule in Essen. „Denkbar ist aber, dass die Pflegebrille zukünftig in jedem pflegerischen Versorgungssetting eingesetzt wird.“

Recken und die Verbundpartner arbeiten an einer Datenbrille, die mittels Software eine intuitiv benutzbare Kommunikationsschnittstelle zwischen den Pflegekräften darstellt. „Die Pflegebrille soll individuelle Anweisungen, Informationen und Funktionen liefern, Abläufe in der Pflege transparent machen, den Workflow von Tätigkeiten standardisieren und bei der Arbeit zum Beispiel biografische Daten direkt in den Pflegeplan einblenden. Auch soll die Datenbrille künftig Referenzwerte für bestimmte Atmungsgeräte angeben. „Für Pflegepersonen, die oft zwischen den verschiedenen Stationen und Geräten mit jeweils unterschiedlichen Normalwerten arbeiten, kann das sehr hilfreich sein“, sagt Recken.

Zu Beginn des Projektes 2016 recherchierten die Forscher die genaue Versorgungssituation und Wünsche der Pflegenden an eine solche Brille. Darauf basierend entwickelten sie erste Modelle. „Es war uns wichtig, die Pflegebrille aus der Empirie heraus zu entwickeln und auf die Bedürfnisse zuzuschneiden, die Pflegende in der Praxis wirklich haben“, sagt Projektleiter Recken. Derzeit erarbeiten die Forscher eine Videokonferenz. „So können Pflegende mit den Experten im Pflegestützpunkt Kontakt aufnehmen oder sich beispielsweise bei Hautveränderungen des Patienten mithilfe von Fotos über die nächsten Schritte absichern.“

Bereits gestartet sind die Anwendertests. „Wir werden dazu alle großen Anbieter von Pflegesoftware einbinden, um zukünftig Pflegedokumente mit der Pflegebrille zu verknüpfen“, sagt Recken. Er ist überzeugt, dass die Pflegebrille sich durchsetzen und in etwa zwei Jahren Marktreife erlangen wird. Bisher gebe es aus der Pflege durchweg positives Feedback. Und auch prinzipiell ist Recken überzeugt, dass die Digitalisierung eine Chance für die Pflege bedeute. „Voraussetzung ist, dass die Technik nur da eingesetzt wird, wo sie auch wirklich nützt“, sagt der Experte aus Essen. „Nur dann wird sie Zeit einsparen, die Pflegekräfte wieder für die Kommunikation und Interaktion mit den Patienten nutzen können.“

Digitale Unterstützungssysteme: Damit der Lebensabend zuhause realistisch bleibt

Mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden heute zuhause gepflegt. Digitale Unterstützungssysteme können Pflegebedürftigen wie auch ihren Angehörigen und ambulanten Pflegediensten das Leben leichter machen.

Die meisten älteren Menschen wünschen sich, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben – ganz gleich, ob sie körperlich noch voll auf der Höhe oder zum Beispiel kognitiv bereits eingeschränkt sind. Gerade die häusliche Pflege von Menschen mit Demenz gestaltet sich für Angehörige und Pflegepersonal oft als sehr aufwändig. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt QuartrBack (zusammengesetzt aus den englischen Begriffen „Quarter“ – „Viertel“ und „Backup“ – Unterstützung) will sie unterstützen – indem es einen intelligenten Mix aus professionellen Dienstleistungen, moderner Technik und Menschen aus dem persönlichen Umfeld der Betroffenen einsetzt.
QuatrBack funktioniert so: Das Projekt geht über bekannte häusliche Unterstützungssysteme hinaus, in dem es Aktivitäten im Quartier, Spaziergänge, Arztbesuche oder Einkäufe virtuell begleitet. Der Patient trägt dazu ein Ortungsgerät, mit dem er per Knopfdruck eine Sprechverbindung zum Service-Center herstellen kann, wenn er Hilfe benötigt. Über das Gerät können aber auch seine Positionsdaten erfasst werden – und Angehörige über eine Smartphone-App benachrichtigt werden. „Damit der Bürger- Profi-Technik-Mix funktioniert, müssen die zu pflegenden Personen das Ortungsgerät mit sich führen“, sagt Smeaton. „Für Menschen, die den Knopf nicht selbstständig drücken können, ist ein automatisierter Hilferuf vorgesehen.“ In diesem Fall lernt das System die gelaufenen Wege der Person und löst bei Abweichungen automatisch eine Verbindung zum Service-Center aus.

Erfolgreiche Pre-Tests

In Zusammenarbeit mit Auszubildenden mehrerer Altenpflegeschulen fanden 2017 mehrere Pre-Tests statt. In Rollenspielen simulierten die Schüler Alltagssituationen, in denen das System zum Einsatz kommt. Sie testeten, inwieweit die eingesetzte Technik für die Benutzer gut verständlich ist, wie das Helfernetz damit zurechtkommt und ob QuartrBack tatsächlich seinen Dienst erfüllt.

Anschließend unterzogen sich die Helfernetzwerke einer eingehenden Prüfung, und die Experten prüften die Technik auf Herz und Nieren. „Im Anschluss an die Pre-Tests testeten wir das System im Feld mit sechs älter werdenden Menschen, vier davon mit kognitiven Einschränkungen“, sagt Smeaton. „Denn QuartrBack ist vor allem eins: Ein lernendes System, das sich aus Erfahrungswerten kontinuierlich optimieren lässt.“

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