Leistungen einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung: Die WfbM Rothenburg produziert Nackenhörnchen für die Firma Grünspecht


Wie wird Teilhabe bei Diakoneo gelebt?

Am 1. Januar 2017 ist das Bundesteilhabegesetz (BTHG) in Kraft getreten. Ziel dieses Gesetzespaketes ist es, Menschen mit einer Behinderung mehr Möglichkeiten zu Teilhabe und Selbstbestimmung in ihrem Wohnumfeld, am Arbeitsplatz und in der Freizeit zu ermöglichen.
Die Auswirkungen dieser Neuerungen auf den Alltag der Menschen mit Behinderung bei Diakoneo werden  im Online-Magazin immer wieder Thema sein.

 

 

Jeder Mensch hat ein Recht darauf am Arbeitsleben teilzunehmen. Dies ist im Grundgesetz festgeschrieben. Allerdings sind wir alle in unserem Leistungsvermögen, unseren Begabungen und Interessen unterschiedlich veranlagt. Was dem einen leicht fällt, stellt den anderen vor Herausforderungen und so benötigt der eine viel Unterstützung, der andere weniger. Dies trifft auch auf Menschen mit Behinderungen zu. Manche finden auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung, andere können kaum eine Stelle finden. Hier kommen die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ins Spiel. In einer Werkstatt werden sie individuell begleitet und gefördert. Immer wieder gelingt es dann auch, Menschen mit Behinderung nach einiger Zeit in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Ulrike Englmann hat mit Hartmut Assel, dem Leiter der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Rothenburg o. d. T. und mit Stephanie Zeisel, Abteilungsleitung und Gruppenleiterin Textil, gesprochen und die beiden gefragt, wie Menschen mit Behinderung in der Rothenburger Werkstatt arbeiten.


Arbeiten in der Textilwekstatt der WfbM Rothenburg
Lisa Sch. näht in der Werkstatt Rothenburg die Nackenhörnchen der Firma Grünspecht. © Diakoneo | H. Assel

Welche Voraussetzungen sind nötig, wenn man in einer WfBM arbeiten will?

Hartmut Assel: Zunächst einmal steht die Werkstatt Menschen mit Behinderung offen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine oder noch keine Beschäftigung gefunden haben. In der Regel kommen die Beschäftigten direkt von der Schule hierher und beginnen ihr Berufsleben bei uns. Grundsätzlich sind auch spätere Einstiege oder Wechsel aus anderen Werkstätten willkommen. In jedem Fall finden Menschen bei uns eine sinnstiftende Beschäftigung und fundierte Förderung am Arbeitsplatz.

Warum ist es für Menschen mit Behinderung wichtig, zu arbeiten?

Hartmut Assel: Eine geregelte Arbeit hilft allen Menschen – nicht nur Menschen mit Behinderungen – ihren Tag zu strukturieren, Sinn bei einer Tätigkeit zu finden und in Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen zu treten. Menschen mit Behinderungen werden in unserer Werkstatt in besonderer Weise von pädagogischen und technischen Fachkräften unterstützt und können auf diese Weise in ihren Stärken gesehen und gefördert werden.

Neben der Arbeit in der Werkstatt ist auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wichtig. Die Digitalisierung macht ja auch vor einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen nicht Halt und das ist eine große Chance. Wir nutzen die digitalen Möglichkeiten wie W-LAN, Smartphones, iPads oder über Software programmierbare Maschinen. Da kann man als Beschäftigter natürlich eine Menge lernen und in eine moderne Arbeitswelt hineinwachsen.

Wie sieht die Arbeit der Beschäftigten in der Werkstatt praktisch aus?

Hartmut Assel: Bei uns arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Da gibt es zum einen Menschen mit psychischen Behinderungen. Diese kommen oft mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zu uns und nehmen an internen Schulungen teil, damit sie in eine sinngebende Tätigkeit hineinfinden können. Außerdem arbeiten bei uns Menschen mit einer geistigen Behinderung. Sie kommen in der Regel direkt aus der Schule zu uns und können im Berufsbildungsbereich ihren Wünschen und Interessen folgen. Dazu werden sie von Pädagogen begleitet, die sie in ihrer Methodenkompetenz fördern. Wichtig ist für uns dabei immer, Zugang zu dem Menschen zu finden, der zu uns kommt. Was interessiert ihn? Wie hat er bisher gelebt und wie sieht seine Lebenswelt aus? Dann kann man eine Tätigkeit finden, die ihm liegt und an der er wachsen und sich entwickeln kann.

Können Sie ein Beispiel dazu nennen?

Stefanie Zeisel: Ich kann das am Beispiel unserer Gruppe Textil gut darstellen. In der Gruppe arbeiten zehn Beschäftigte, die im letzten Jahr vor allem an einem großen Auftrag der Firma Grünspecht gearbeitet haben. Grünspecht hat uns mit der Herstellung von ca. 6000 Nackenhörnchen beauftragt. Das heißt, wir schneiden zunächst den Stoff und nähen dann die beiden Teile zusammen. Schließlich muss das Nackenhörnchen befüllt werden und ein Label wird mit eingenäht. Dazu sind eine ganze Reihe verschiedener Arbeitsschritte nötig, die wir mit modernen Maschinen erledigen. Die Beschäftigten erhalten bei uns die entsprechende Anleitung und Ausbildung, um mit diesen Maschinen umgehen zu können. Das ist natürlich auch für Männer interessant, weil sie sich gerne mit der Technik beschäftigen.

Können Sie den Arbeitsablauf und die Tätigkeit einmal beschreiben? 

Stefanie Zeisel: Zunächst muss der Stoff zugeschnitten werden. Dazu verwenden wir hier zum einen eine Elektroschere, wenn es sich um kleinere Stückzahlen handelt. Bei größeren Stückzahlen verwenden wir unseren Gravurlaser. Da lassen sich zehn Bahnen aufeinanderlegen und die 12.000 Ausschnitte erledigen, die für diesen Auftrag benötigt werden. Der Gravurlaser hat außerdem noch den Vorteil, dass der Stoff an den Rändern nicht ausfranst, sondern glatt geschnitten wird. Dadurch ist die Weiterverarbeitung einfacher.

Im nächsten Arbeitsschritt werden die beiden Ausschnittteile für das Nackenhörnchen zusammengesteckt und mit einer Schablone Markierungen angebracht und das Label festgesteckt. Alle Hörnchen müssen am Ende ganz genau gleich aussehen, das ist schon eine Herausforderung. Aber mit einer guten Vorbereitung und entsprechenden Kontrollschritten schaffen wir es.


Arbeiten in der Textilwerkstatt der WfbM Rothenbur
Annette B. übernimmt die genähten Nackenhörnchen von Lisa Sch. - sorgfältig dreht sie diese auf rechts © Diakoneo | H. Assel


Danach werden die Teile mit einer Industrienähmaschine zusammengenäht. Dabei werden ein paar Zentimeter offen gelassen. Durch diese Öffnung werden die Hörnchen mit genau 700 g Biorapssamen befüllt. Den Samen liefert uns die Firma Grünspecht an. Wir müssen hier jeweils 700 g abwiegen, bevor das Hörnchen mit einem Trichter befüllt werden kann. Dann wird es zugenäht.

Für den Versand werden besondere Faltschachteln verwendet, die zunächst gefaltet werden müssen und dann mit einem Stempel versehen werden. Außerdem wird eine Gebrauchsanweisung beigelegt. Jedes einzelne Hörnchen läuft dann noch durch eine Qualitätskontrolle, bevor es in den Karton kommt. Die Kartons werden nach einem Schlichtplan auf Paletten gestapelt und am Ende von der Firma Grünspecht bei uns abgeholt.

Das hört sich nach Teamarbeit an. Wie teilen sich die Gruppenmitglieder die Arbeit auf?

Stefanie Zeisel: Jede/Jeder im Team hat seine besonderen Fähigkeiten. Diese weiter zu entwickeln und dabei sinnstiftende Aufträge zu bearbeiten ist eines der Kernziele unserer Förderung. Marc T. ist z. B. sehr sicher in der Bedienung der Laserschneidemaschine. Einlagige Stoffe werden eigenständig und zuverlässig zugeschnitten. Die benötigten Stoffe werden von Anette B. von bis zu 50 m langen Stoffbahnen zugeschnitten. Sie arbeitet gerne mit der Handschere und Schablonen. Mit geringstem Verschnitt arbeitet sie dem Laser vor. Sind die Kissen vernäht, wendet sie außerdem die Kissen zur Befüllung um. Jürgen H. näht die befüllten Kissen zu, kontrolliert die Qualität und erstellt die Kundenverpackung.

Welchen Vorteil hat es für Unternehmen ihre Aufträge an die Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu vergeben?

Hartmut Assel: Die Firma Grünspecht hat uns vor allem beauftragt und beauftragt uns weiterhin, weil sie mit der Qualität unserer Arbeit sehr zufrieden ist. Die Nackenhörnchen werden z. B. in den Drogeriemärkten wie Müller oder Rossmann verkauft und da ist die Qualität entscheidend. Das macht unsere Beschäftigten natürlich auch stolz auf ihre Tätigkeit. Auf den Verpackungen steht außerdem, dass die Hörnchen bei uns gefertigt wurden. Das ist schon was!


Nackenkissen verpacken und Qualitätskontrolle
Letzter Blick: Jürgen H. bei der Qualitätskontrolle der Nackenhörnchen. Er uns seine Kollegen sind stolz, dass ihr Produkte bei Rossmann im Regal stehen. © Diakoneo | H. Assel


Sie haben von der Firma Grünspecht ein kurzes Statement erhalten, das wir hier gern abdrucken:

Seit mehr als 25 Jahren sind wir unserem Motto „So natürlich wie möglich“ treu geblieben. Kurze Transportwege und regionale Fertigung sind uns wichtig. Deshalb produzieren wir am liebsten hier: Made in Germany. Und am allerliebsten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Die Möglichkeit in der Werkstatt Rothenburg die Stoffe nach individuellen Formen Lasern zu lassen ist einer der Gründe, warum die Nackenhörnchen dort produziert werden.

Fertigen Sie in der Abteilung Textil auch andere Produkte?

Stefanie Zeisel: Ja natürlich! Wir sind zwar inzwischen Spezialisten für Nackenhörnchen, aber wir fertigen auch verschiedene Taschen, Turnbeutel und anderes aus Stoff. Außerdem verfügen wir über mehrere Stickmaschinen, mit denen wir Bekleidung oder Handtücher individuell nach Kundenwünschen besticken können.

Was sagen die Beschäftigten zu der Arbeit in der Gruppe Textil?

Marc T: Am Laser arbeite ich am liebsten. Da schneide ich die Stoffe für die Nackenhörnchen und die anderen Produkte aus. Die Vorlagen kann ich jetzt schon am Computer starten und in das Laserprogramm überspielen.

Lisa Sch.: An der Nähmaschine werde ich immer sicherer. Frau Zeisel hilft mir dabei besser zu werden. Da wir die Nackenhörnchen in großer Stückzahl produzieren, kann ich mich gut einarbeiten – das gibt mir Sicherheit.

Jürgen H.: Ich liebe die abwechslungsreiche Arbeit bei der Produktion der Kissen.


Dienstleistungen aus Werkstätten für behinderte Menschen

Mehr Informationen über Dienstleistungen aus Werkstätten für behinderte Menschen finden Sie hier:

Website


WERKSTATT ROTHENBURG

Erlbacher Str. 10
991541 Rothenburg o. d. Tauber
Telefon: +49 9861 87388-0
E-Mail schreiben

Website


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