Kreativer Umgang mit digitalen Medien statt passiver Konsum

Projekt "Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken"

Das Familienzentrum Marterlach in Nürnberg beteiligt sich seit März 2018 am Modellversuch „Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken“. Durchgeführt wird das Projekt vom Staatsinstitut für Frühpädagogik an 100 bayerischen Kindertageseinrichtungen, die sich für die Teilnahme bewerben konnten.
Ziel ist es, aus den Konzepten, die die beteiligten Einrichtungen während des Modellversuchs erarbeiten, einen Bildungs- und Erziehungsplan zu erstellen, der dann in allen bayerischen Einrichtungen Gültigkeit hat.

Von Ulrike Englmann

Mama schreibt Nachrichten per WhatsApp, Papa liest die Zeitung am iPad und die Teenager-Geschwister sind ohne Playstation und Instagram ohnehin nicht lebensfähig: Kleine Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, die von digitalen Medien geprägt ist. Viele haben schon viel Erfahrung im Umgang mit Medien gesammelt, bevor sie überhaupt in die Kita kommen.

Jutta Blischke leitet das Nürnberger Familienzentrum Marterlach. Wir haben sie gefragt:

  • Was hat sie bewogen, sich für die Teilnahme an dem Modellversuch zu bewerben?
  • Was bedeutet die Teilnahme an dem Versuch in der alltäglichen Arbeit im Familienzentrum?
  • Wie wird die medienpädagogische Arbeit in der Praxis umgesetzt?
  • Können sich alle Kinder an dem Modellversuch beteiligen?
  • Wie sind die Eltern an dem Projekt beteiligt?
  • Was bedeutet die Teilnahme an dem Projekt für die Mitarbeitenden?

Mediennutzung in der Kita
Ein Beispiel für die selbstverständliche Nutzung von Medien in der Kita: Die Anleitung zum Kuchenbacken liefert das Tablet. © Herbert

Warum haben Sie sich für den Modellversuch beworben?

Jutta Blischke: Als wir von dem Modellversuch gehört haben, haben wir uns sofort um eine Teilnahme beworben, weil wir zum einen schon früh die Notwendigkeit gesehen haben, die Kinder medienpädagogisch zu begleiten. Zum anderen haben wir mit der Teilnahme an dem Modellversuch eine Chance bekommen, viele unserer Ideen unter Begleitung umzusetzen. Das Staatsinstitut stellte uns eine umfangreiche Ausstattung zur Verfügung, die wir uns in dieser Weise gar nicht leisten hätten können, darunter iPads, ein Beamer und vieles mehr.
Dazu begleitet uns ein Mediencoach während des gesamten Modellversuchs, es finden Teamtage statt und verschiedene Schulungen, also eine Art "Training on the job“, eine Prozessbegleitung. Außerdem finden auch sogenannte Landesnetzwerktreffen statt, die einen Austausch der Einrichtungen untereinander ermöglichen. Das war eine wunderbare Chance für uns, die wir uns nicht entgehen lassen wollten.

Worum geht es bei dem Modellversuch genau?

Jutta Blischke: Zunächst einmal ist das Ziel der Erwerb von Medienkompetenz bei den Kindern. Dazu werden unterschiedliche Techniken genutzt. Aber darum geht es nicht ausschließlich. Das Arbeiten mit den Tablets an einem gemeinsamen Projekt fördert auch noch andere Kompetenzen, z.B. die Kommunikationsfähigkeit oder soziale Kompetenzen. Die Kinder müssen sich untereinander absprechen, sie müssen lernen, aufeinander zu warten, sie denken sich gemeinsam eine Geschichte aus und überlegen sich, mit welchen Materialien sie arbeiten wollen. Wir arbeiten z. B. mit einer Stop-Motion-App. Das ist eine Animationstechnik, die auch die jüngeren Kinder zum Erstellen von kreativen Filmen und zum Erzählen kurzer Geschichten nutzen können. Die Geschichte, die erzählt werden soll, wird mit unterschiedlichen Materialien dargestellt und dann in Einzelbildern fotografiert, bis daraus ein Film wird.


Bildergalerie: Stop-Motion (auf das erste Bild klicken)

Mit der Stop-Motion Animationstechnik können auch jüngere Kinder kreative Filme produzieren.
Die Geschichte, die erzählt werden soll, wird mit unterschiedlichen Materialien dargestellt und dann in Einzelbildern fotografiert, bis daraus ein Film wird.
Alle Fotos: Lukas Herbert



Praxisbeispiele zum Umgang mit Medien in der Kita

Haben Sie noch andere Beispiele aus der Praxis?

Jutta Blischke: Da weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll, so viele interessante Projekte haben wir in den vergangenen fast zwei Jahren schon realisiert! Die Hortkinder haben beispielsweise eine Hortzeitung erstellt, in der sie mit Interviews und Fotos über ihre Ferien berichtet haben. Ein anderes schönes Projekt war einmal eine Tonaufnahme, in der Kinder aus 28 unterschiedlichen Nationalitäten in ihrer jeweiligen Sprache „Guten Morgen“ und „Auf Wiedersehen“ sagten.

Wir haben auch einen „BookCreator“, mit dem man eigene Bilderbücher gestalten, und diese dann über den Beamer zeigen kann. Diese Software haben wir auch schon genutzt, um den Eltern die sich für den Kindergarten interessieren bei unseren Veranstaltungen zu zeigen, wie es bei uns aussieht und was bei uns geschieht. Im Film konnte man sehen, wo gegessen wird, wie der Turnraum und der Waschraum aussehen oder wo gespielt wird. Die Hortkinder, die den Film gedreht hatten, konnten ihn dann den jüngeren Kindern zeigen. So lernen die Kinder, die Welt um sich herum wahrzunehmen und dann das Wahrgenommene zu kommunizieren.

Neben dem gemeinsamen Arbeiten mit den Kindern, erstellen wir mit der neuen Technik auch Portfolios für die Kinder selbst. Wir fotografieren sie in verschiedenen Situationen und halten auf diese Weise ihre individuelle Entwicklung fest. Wir schreiben eine kleine Geschichte dazu und die Kinder können das Ganze dann mit nach Hause nehmen und den Eltern zeigen. Das was die Kinder hier vor Ort basteln können sie selbst fotografieren, ausdrucken und auch gleich mitnehmen und den Eltern zeigen.
Auf diese Weise wird der Umgang mit den neuen Medien zur Selbstverständlichkeit. Die Kinder lernen, dass sie mit den Medien kreativ werden können und nicht passive Konsumenten von Daddel-Spielen oder Filmen sein müssen. Sie machen beispielsweise auch eigene Internetrecherchen. Für die St. Martinsfeier haben sie selbst Lieder herausgesucht. So lernen sie, wie sie sich im Internet bewegen können und welche Gefahren es dabei gibt, dass man dort nicht einfach die eigenen Fotos oder die Fotos von Freunden hochladen sollte, dass es ein Recht am Bild gibt etc. Die Hortkinder machen dann schon einen sogenannten „Internetführerschein“.

Beispiele Medienkompetenz in der Kita
Zwar nicht im digitalen Bereich, aber auch ein Beispiel für Umgang mit Medien: Anhand der Fotos auf der Essentafel können auch Kinder, die noch nicht lesen können, sehen, was es zum Mittagessen gibt. © Herbert

Ein anderes schönes Projekt waren die Fotografien, die die Kinder vom Mittagessen erstellt haben. So können diejenigen Kindergartenkinder, die noch nicht lesen können, anhand des Fotos sehen, was es zum Mittagessen gibt. Auch zum Nachbacken oder Nachkochen eigenen sich solche Fotos wunderbar. Da fällt es den Krippenkindern leicht, selbständig etwas zu tun.

Können sich alle Kinder in der gleichen Weise beteiligen?

Jutta Blischke: Wichtig ist, dass alle Altersgruppen gleichermaßen berücksichtigt werden und sie altersgerecht beteiligt werden. Ein Hortkind ist in der Entwicklung und im Verständnis wesentlich weiter und hat ganz andere Interessen als ein Krippenkind. Aber auch für die Krippenkinder lassen sich schon Möglichkeiten der Beteiligung finden.

Inwieweit sind die Eltern an dem Prozess beteiligt?

Jutta Blischke: Die Eltern wurden von Anfang an in das Projekt mit einbezogen und über den Modellversuch informiert. Sie erfahren welche Software, welche Apps wir nutzen und sie können auch etwas über die eigene Mediennutzung lernen. Wir verfolgen dabei einen spielerischen, bewusst nicht leistungsorientierten Ansatz. Dabei greifen wir Fragen auf, wie diese Apps z. B. auch in der Familie genutzt werden können und welche Apps empfehlenswert sind und welche eher nicht. Die Eltern lernen, dass sie in Bezug auf die Mediennutzung eine Vorbildfunktion haben und welche Vorteile z.B. „handyfreie Zonen“ zuhause haben können.
Zu diesem Thema wird es auch im nächsten Jahr noch Elternabende geben.

Was bedeutet das für Sie und Ihr Mitarbeiterteam?

Jutta Blischke: Alles in allem haben auch wir als Mitarbeitende viel Freude an dem Modellversuch. Wir lernen selbst viel und verfolgen dabei den Grundsatz: Nicht jeder muss alles machen. Wir können die eigenen Neigungen und Interessen dabei erspüren und uns dementsprechend einbringen. 2020 werden wir alle gemeinsam zum Tag der offenen Tür unser Familienzentrum mit Hilfe der neuen Medien darstellen.

Kontakt Familienzentrum Marterlach

Das integrative Familienzentrum Marterlach im Nürnberger Stadtteil Werderau bietet 50 Kindergartenplätze, 24 Krippenplätze und 50 Plätze im Kinderhort.
Das Familienzentrum hat von 6:30 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet.

Kontakt:
Familienzentrum Marterlach
An der Marterlach
2890441 Nürnberg
+ 49 (0) 911 / 46 23 68-0

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