Arbeiten im Homeoffice mit veränderten Arbeitsbedingungen


Corona hat die Arbeitswelt auf einen Schlag erheblich verändert. Viele Unternehmen verlagerten den Arbeitsort ins Homeoffice, was für die Mitarbeitenden bedeutete, sich mit ganz neuen Arbeitsbedingungen auseinanderzusetzen. Die "Fastenpredigt" in der Neuendettelsauer St. Laurentiuskirche von Professor Dr. Johannes Rehm zu eben diesem Thema fiel dem Corona-Lockdown im März 2020 zum Opfer. Den Originaltext finden Sie hier. 

Dr. Helmut Harr, ist Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Diakoneo Diak Klinikum in Schwäbisch Hall. Er ist ebenfalls mit dem Thema vertraut und erklärt, dass es Stress auch früher schon gab und wir gut daran tun, uns – in welcher Arbeitssituation auch immer – einen freien Tag zu nehmen und um uns selbst zu kümmern:

Einen Tag in der Woche der "Ruhe und Erquickung" zu widmen, das hielt nicht nur Martin Luther für wichtig.



Wir müssen den gesunden Rhythmus aus Arbeit und Ruhe wiederfinden



„Die Arbeitswelt der Zukunft benötigt ein menschliches Maß. Wir müssen den gesunden Rhythmus aus Arbeit und Ruhe wiederfinden“, so fasst Prof. Dr. Johannes Rehm in seiner Fastenpredigt zu 2. Mose 20,8-11 einen wichtigen Inhalt seiner Predigt am Sonntag Okuli, den 15. März 2020 in der St. Laurentiuskirche in Neuendettelsau zusammen. Er betont,“…dass tiefe, uralte Lebensweisheit hinter dem Sonntag als kollektivem Tag der Ruhe steht. Wenn mein Sonntag unser aller Sonntag bleibt und immer mehr wird, dann bewahrt dies salutogenetisch vor Ruhelosigkeit und beinhaltet ein wesentliches, unverzichtbares Element sowie eine Dimension guten und gelingenden Lebens für uns alle.“ Wir wünschen uns berechtigterweise eine Arbeitswelt im gesunden Rhythmus von Arbeit und Ruhe. 

Was ist es, was den Menschen stresst und unruhig macht? 


In der Stress-Studie der Techniker-Krankenkasse aus dem Jahr 2016, in der ein repräsentativer Querschnitt von 1000 Erwachsenen in Deutschland befragt wurde, werden folgende belastende Stressfaktoren auf den ersten drei Plätzen benannt:

1.  Durch Arbeit, Beruf, Schule und Studium fühlten sich 46% der Befragten gestresst und belastet

2.  43% der Teilnehmer fühlten sich durch „hohe Ansprüche an sich selbst“ gestresst und belastet

3.  Durch „zu viele Termine und Verpflichtungen in der Freizeit“ fühlten sich 33% der Studienteilnehmer gestresst und belastet


Die weiteren Belastungsfaktoren waren in abnehmender Häufigkeit: Teilnahme am Straßenverkehr, ständige Erreichbarkeit, Erkrankungen in der Familie, Konflikte mit nahe stehenden Menschen, Arbeitsbelastung im Haushalt, Kindererziehung, finanzielle Sorgen, Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen und zuletzt der Arbeitsweg. Deutlich werden dabei die vielfältigen Ursachen für Stress und Belastung der Befragten. Sicherlich ist die Arbeit ein wichtiger Faktor, aber eben nur einer neben vielen anderen Hintergründen.

Als Folge der vielfältigen Stressbelastungen werden von den Befragten häufig psychosomatische Beschwerden berichtet. Besonders oft kommen Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung, Nervosität, Gereiztheit, Kopfschmerzen, depressive Beschwerden, Tinnitus und Magenbeschwerden mit Übelkeit vor.

Die Stressursachen und auch die Stressfolgen haben eine körperliche, seelische und soziale Dimension. In der Psychosomatischen Medizin wird deshalb das sogenannte „bio-psycho-soziale- Modell“ dem klinischen Arbeiten zugrunde gelegt. 

Sehr wirksam sind die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auf das Leben und die Arbeitswelt des Einzelnen.

Die gesellschaftlich-wirtschaftliche Entwicklung untergräbt den Charakter des Menschen

Der amerikanische Soziologe Richard Sennet beschreibt in seinem im Jahr 2000 auf Deutsch erschienen Buch „Der flexible Mensch“ folgende Auswirkungen: „Die gesellschaftlich-wirtschaftliche Entwicklung untergräbt den Charakter des Menschen. Nicht mehr Verbindlichkeit und Tiefgang zählen, sondern die flexible Oberflächlichkeit. ….Der heutige Imperativ zur Flexibilität birgt die Gefahr des ziellosen Dahintreibens in sich. Das Beständige und Haltgebende wird fortlaufend zerstört……“.


Das Leben des Einzelnen ist vom Kosten-Nutzen-Kalkül bestimmt

Auch der deutsche Soziologe Ulrich Bröckling fasst in seinem Buch „Das unternehmerische Selbst“ im Jahr 2007 zusammen, dass die zunehmende Ökonomisierung und Kommerzialisierung, dazu führt, dass das Leben des Einzelnen von Kosten-Nutzen-Kalkül bestimmt ist. Der Einzelne ist vor allem sich selbst verpflichtet, hat sich selbst zu disziplinieren, seine Kräfte zu mobilisieren und sich selbst optimal zu verkaufen.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen entsprechen nicht mehr der Natur des Menschen und führen so zu einer anhaltenden Dauerstressbelastung mit den darauffolgenden bio-psycho-sozialen Beschwerden.


Spezialist für Psychosomatik: Dr. Helmut Harr
Dr. Helmut Harr ist Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Diakoneo Diak Klinikum in Schwäbisch Hall. Er arbeitet auch mit Menschen, die aus beruflichen Gründen gesundheitliche Probleme haben.


Der Sonntag in der alten Kirche und bei den Reformatoren

Dass man den Sonntag analog zum jüdischen Sabbat als arbeitsfreien Ruhetag verstanden hat, ist für die Frühzeit der Kirche nirgends belegt. Erst durch das Dekret des römischen Kaisers Konstantin im Jahr 321 wurde im Zuge seiner synkretistischen Religionspolitik der „verehrungswürdige Tag der Sonne“ zum allgemeinen Ruhetag für Richter, Gewerbetreibende und Stadtbevölkerung (Feldarbeiten werden ausdrücklich ausgenommen) erklärt. In der Folge war die Kirche genötigt, die staatlich verordnete allgemeine Sonntagsruhe religiös zu begründen. Dies erfolgte in den anschließenden Jahrhunderten durch eine Gleichsetzung von Sonntag und Sabbat. Die sonntägliche Arbeitsruhe wurde mit dem Sabbatgebot begründet. Dies fand dann auch Aufnahme in die kirchliche Gesetzgebung und wurde schließlich mit schweren Strafen bewehrt (Synode von Macon, 585).

Das Anliegen der Reformatoren war, wieder zu den biblischen Grundlagen zurückzukehren. Deshalb unterscheiden sich die Aussagen der Reformatoren darin, dass sie einerseits die Bindekraft des Sabbatgebotes für Christen bestreiten, andererseits an dem geschichtlich überlieferten Ruhetag festhalten.


Ein Tag in der Woche für Ruhe und Erquickung

Martin Luther betont im Großen Katechismus, in seiner Erklärung zum 3. Gebot: „…dass wir Feiertage halten….erstlich auch umb leiblicher Ursach und Notdurft willen, welche die Natur lehret und fordert für den gemeinen Haufen, Knecht und Mägde, …..dass sie sich auch einen Tag zurückziehen zu ruhen und erquicken…..Darum allermeist,...daß man an solchem Ruhetage Raum und Zeit nehme, am Gottesdienst teilzunehmen…..Solchs aber ist nicht an einen bestimmten Tag gebunden,….aber es muß zum wenigsten einen Tag in der Woche dazu ausgesondert werden. Weil aber von alter’s her der Sonntag dazu gestellet ist, soll man’s auch dabei bleiben lassen….“


Gönne dich dir selbst

Sicherlich ist die Geschäftigkeit, Ruhelosigkeit und das Empfinden des Gestresstseins nicht erst in unserer Zeit entstanden. Bernhard von Clairvaux gibt seinem früheren Schüler und späteren Papst Eugen III folgenden Ratschlag: „Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst: An welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selbst? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu das immer wieder einmal.“

Mehr Tipps zum Umgang mit Ängsten und Stress während der Corona-Pandemie von Dr. Helmut Harr lesen Sie hier.

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Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Diakoneo Diak Klinikum Schwäbisch Hall

Dr. med. Dipl. theol. Helmut Harr
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