Innovative Handchirurgie verhinderte Amputation

Silvesterrakete explodierte direkt neben der Hand

Es ist Silvester, als Sebastian Reiß aus dem Landkreis Schwäbisch Hall mit Familie und Freunden feiert. Gebührend will er das neue Jahr einläuten, zündet eine Rakete, die jedoch zu früh und direkt neben seiner Hand explodiert. Ein langer Leidensweg beginnt für den Polizisten.
Eine innovative Behandlungsmethode, drei Operationen und intensive Physiotherapie am Diak Klinikum in Schwäbisch Hall retteten die Hand von Sebastian Reiß und ermöglichten es ihm, wieder in seinem Beruf zu arbeiten.

Von Friederike Grünhagen-Wahl

handchirurgiescher patient am diak klinikum schwäbisch hall
Eine Silvesterrakete kostete Sebastian Reiß beinahe die Hand. Drei Operationen und intensive Physiotherapie ermöglichen es ihm heute, wieder als Polizist zu arbeiten.

Schwere Handverletzungen durch den Raketenunfall

„Im ersten Moment nach der Explosion habe ich überhaupt nicht realisiert, was da eben passiert ist“, sagt Sebastian Reiß. „Erst nach und nach und als ich meine Hand gesehen habe, wurde mir klar, hier ist gerade was Schlimmes passiert. Meine Hand war komplett zerfetzt.“ Sofort wird ein Rettungswagen gerufen, der Reiß ins Diak Klinikum bringt. „Noch im Rettungswagen haben die Notärzte Dr. Schober alarmiert und ihn gebeten, direkt ans Diak zu kommen.“
Dr. Florian Schober ist Chefarzt der Klinik für Plastische-, Ästhetische- und Handchirurgie. „Zu meinem Glück hatte Dr. Schober an diesem Abend Bereitschaftsdienst. Das hat mir im wahrsten Sinne meine Hand gerettet“, sagt der Polizist nun über fünf Jahre später. Schober ist schnell vor Ort und bereitet die Operation der Hand vor.
„Um 3 Uhr nachts lag der Patient im Operationssaal – bis um 7:30 Uhr mussten wir operieren“, so der Chefarzt. „Die Hand von Herrn Reiß war zerfetzt, die Weichteile des Daumens weitestgehend zerstört und der Zeigefinger am Gelenk ausgerissen. Zudem wies der Patient starke Explosionsverletzungen in der Hohlhand auf.“

anatomische Darstellung einer Hand
Die menschliche Hand ist ein Wunderwerk der Natur: 27 Einzelknochen sorgen für ihre Beweglichkeit.

Ein wichtiges Ziel: Den Daumen erhalten

Dr. Schober kennt sich aus mit schwierigen Handverletzungen und er hat eine Idee, wie weite Teile der Hand von Sebastian Reiß gerettet werden können. „Unser wichtigstes Ziel war es, den Daumen zu erhalten, denn ohne Daumen ist die Greiffunktion der Hand erheblich eingeschränkt. Dafür haben wir ihn rund drei Wochen in die Leiste des Patienten eingenäht, um den Hautmantel des Fingers wieder herstellen zu können. Da der Knochen freiliegend war, konnten wir den Finger durch das Einnähen in der Leiste zirkulär abdecken, was dafür gesorgt hat, dass sich die Blutgefäße des Daumens neu bilden konnten.“
Während der gesamten Zeit, in der der Daumen in die Leiste eingebracht war, wurde der Arm von Sebastian Reiß an den Bauch fixiert. „So konnten wir unkalkulierbare Bewegungen des Armes verhindern  und somit den Behandlungserfolg sichern“, so Schober weiter. Nach wenigen Wochen musste der Daumen wieder lernen, sich selbst zu versorgen. Mittels einer Klemme drückte Sebastian Reiß die Blutzufuhr im Daumen aus der Leiste ab und lehrte so dem Daumengewebe, sich wieder selbst zu durchbluten.

Das Team um Dr. Schober arbeitet fortan gemeinsam mit Physiotherapeuten des Therapiezentrums am Diak Hand in Hand. „Es wurde ja nicht nur mein Daumen zerstört. Mein Zeigefinger musste komplett amputiert werden, die Kuppe meines Mittelfingers wurde ebenfalls entfernt. Regelmäßige Trainingseinheiten während der Physiotherapie sorgten dafür, dass ich wieder lernte, meine anderen Finger zu bewegen. Da ich auch nicht aufstehen durfte, trainierten die Therapeuten auch meine Beinmuskulatur, um einer Thrombose vorzubeugen“, so Reiß.
Das wichtigste Ziel aber, nämlich den Daumen zu erhalten, das hat Dr. Schober geschafft.

physiotherapie der hand
Durch intensive Physiotherapie lernte Sebastian Reiß wieder, seine Finger zu bewegen.

Die Greiffunktion der Hand musste wiederhergestellt werden

Doch die Einbringung des Daumens in die Leiste war erst der erste von insgesamt drei Eingriffen. „Nachdem der Daumen wieder aus der Leiste herausgetrennt wurde, war die Haut des Fingers sehr dick – früh war uns daher klar, dass wir, sobald möglich, eine Ausdünnung der Haut durchführen mussten“, erklärt Dr. Schober. Hierfür trennte er nach rund neun Monaten die Naht am Daumen auf und entfernte unter der Haut das Fettgewebe. Das erfordert viel Können und Erfahrung. „Letztendlich hat die Hautausdünnung dafür gesorgt, dass der Daumen von Herrn Reiß heute dem eines gesunden Daumens sehr ähnlich sieht. Zudem ist auch die Greiffunktion wesentlich besser.“

Der letzte Eingriff, der Sebastian Reiß noch bevorstand, war eine sogenannte Narbenauflösung. Hierzu trennte Dr. Schober die Narbe zwischen Daumen und Mittelfinger nochmals auf und  legte ein Stück Haut vom Oberarm ein . „Es war ein tolles Gefühl, nach dem Eingriff endlich wieder richtig greifen zu können“, so Reiß.  Insgesamt ein Jahr lang ist der junge Mann in Physiotherapie im Therapiezentrum am Diak, trainiert aber auch privat zu Hause seinen Daumen. Dafür baute er sich extra einen Finger-Spreizer, der neben Beweglichkeit auch die Kraft im Mittelfinger und Daumen trainierte.

Es ist ein medizinisches Wunder (...)
Sebastian Reiß

Die Behandlung verhinderte die Amputation der Hand

„Es ist wirklich ein medizinisches Wunder, was Dr. Schober bei mir geleistet hat“, sagt der Polizist dankbar. „Ich kann wieder in meinem Beruf als Polizist arbeiten – das ist für mich manchmal kaum zu glauben. Als ich damals an Silvester ins Klinikum gebracht wurde, machte man mir wenig Hoffnung, meine Hand zu retten. Sogar von einer Amputation war die Rede. Ich hatte wirklich großes Glück im Unglück, dass die handchirurgische Kompetenz von Dr. Schober hier am Klinikum zur Verfügung stand“, erklärt Sebastian Reiß.
Und tatsächlich: in Deutschland gibt es nur wenige Kliniken und Mediziner, die auf derartige Behandlungsmethoden spezialisiert sind. „In einem anderen Haus hätte man mir vermutlich meine Hand amputiert.“
Noch heute haben der Handchirurg und Sebastian Reiß manchmal Kontakt. Er sagt: „Ich verdanke Dr. Schober so viel – das ist gar nicht in Worte zu fassen.“

Klinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie am Diak Klinikum

Die Klinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie beschäftigt sich mit der operativen Korrektur von angeborenen oder erworbenen Veränderungen der Körperoberfläche.

Kontakt

Diakoneo-Experte
Dr. Florian Schober, Handchirurgie Schwäbisch Hall
Dr. Florian Schober ist plastischer Chirurg und Chefarzt an der Klinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie am Diak Klinikum Schwäbisch Hall.
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