Fünf Diakonissen waren heimliche Zuschauerinnen der Zeremonie


Von Matthias Honold, Diakoneo Zentralarchiv

Am 18. Januar 1871 wurden Neuendettelsauer Diakonissen Zeuginnen der deutschen Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses in Versailles. Sie waren die einzigen Frauen, die der Zeremonie beiwohnten. 


Reichskanzler Bismarck hatte die deutsche Einigung zu einem Nationalstaat mit „Blut und Eisen“ seit 1864 durch seine Machtpolitik vorangetrieben. Der letzte Baustein war der Krieg mit dem Nachbarland Frankreich, das sich durch einen deutschen Nationalstaat gefährdet sah. Bismarck schaffte es, die süddeutschen Staaten auf die Seite Preußens und des Norddeutschen Bundes zu ziehen, so dass auch diese in den Krieg gegen Frankreich zogen.


Die Erfahrungen des Krieges Preußen gegen Österreich 1866 hatten das Feldlazarettwesen weiter entwickelt. So kam es, dass Neuendettelsauer Diakonissen im August 1870 ebenfalls in den Krieg an der Seite des bayerischen Heeres zogen. 

Diakonisse Sarah Hahn
Diakonisse Sarah Hahn war Augenzeugin der Kaiserproklamation 1871 in Versailles. © Diakoneo Zentralarchiv



Insgesamt kamen 21 Schwestern in verschiedenen Feldlazaretten zum Einsatz. Fünf Diakonissen waren in Versailles stationiert und erlebten dort die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm zum deutschen Kaiser mit. Eine der Diakonissen war Sara Hahn, welche in einem Brief ausführlich über diesen Tag berichtet:
„Wenn in der nächsten Nummer des „Daheim“ etwa eine Abbildung der Proklamationsfeier des deutschen Kaisers im Prunksaale des Schlosses zu Versailler nebst Beschreibung zu sehen und zu lesen sein wird, geben Sie fein Obacht, ob Sie nicht unter den dort abgezeichneten Personen fünf Dettelsauer Diakonissinnen erblicken. Mein Portrait werden Sie doch auf den ersten Blick erkennen. Hinter den Fähnrichen müssen Sie uns suchen, ganz gewiß werden wir dort zu sehen sein. Die Beschreibung aber liefere ich Ihnen hier zu dem Bilde, denn freilich sind wir dagewesen, glauben Sie’s denn nicht? Den nachfolgenden Generationen werden wirs noch erzählen, was wir am 18. Januar 1871 gesehen haben bei der Proklamation des deutschen Kaisers Wilhelm I.! Hätte doch jemand gefehlt, wenn wir nicht hingegangen wären, waren obendrein die einzigen Damen in dem weiten Raum voll uniformierter Größen und Kleinen des deutschen Reiches“, so Sara Hahn.
Sie hatten den besten Platz auf das Geschehen und verfolgten das ganze Zeremoniell, ohne dass sie eine offizielle Einladung gehabt hätten. Ein mutiger Schritt der Frauen in dieser Männerwelt.


In vielen Briefen berichten die Diakonissen von ihren Erfahrungen aus des dem Krieg, von den Schrecken, von der Ohnmacht gegenüber mancher Verwundung, vom Sterben und Leiden, aber auch von Frankreich, seiner Natur, seinen Menschen. Es sind beeindruckende Quellen der Arbeit der Neuendettelsauer Diakonissen.


Der Tag in Versailles wird den Schwestern immer in Erinnerung geblieben sein, auch wenn sie noch nicht erahnten, welche weitere Geschichte diese Deutsche Reich schreiben sollte, kulminierend in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts.


Brief der Diakonisse Sarah Hahn

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