Die Weiße Fahne findet ihren Platz in der Dauerausstellung des Museums in Regensburg


Anfang Juni 2019 eröffnete in Regensburg das Haus der Bayerischen Geschichte. Im Museum befindet sich ein besonderes Objekt aus Neuendettelsau – eine Kapitulationsfahne vom Ende des Zweiten Weltkrieges.

Matthias Honold, Archivar von Diakoneo, kennt die Geschichte rund um die Kapitulationsfahne und hat ihren Weg bis ins Museum begleitet:


Im April 1945 rückten amerikanische Einheiten der 12. US-Panzerdivision von Norden her an Neuendettelsau heran. In Neuendettelsau befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 800 deutsche Verwundete im Lazarett, welches im Schulhaus der Diakonissenanstalt Neuendettelsau untergebracht war.


Kapitulationsfahne Neuendettelsau
Die Neuendettelsauer Kapitulationsfahne ist Teil der Dauerausstellung im Museum zur Bayerischen Geschichte in Regensburg. © Honold

Bei Kapitulation von Hinrichtung bedroht

Am 18. April 1945 überbrachte ein Ansbacher Apotheker als Parlamentär die Kapitulationsaufforderung nach Neuendettelsau zur dortigen Gemeindeverwaltung. Darin wurde der Abzug sämtlichen Militärs aus dem Ort gefordert mit Ausnahme des Lazarettpersonals.

Nun standen die Verantwortlichen vor einer prekären Aufgabe. Der Befehlshaber der Luftmunitionsanstalt, Oberstleutnant Schuler, hatte sich bereits mit seiner Wachmannschaft in Richtung Windsbach abgesetzt, so dass es kein militärischen Befehlshaber mehr im Ort war. Gleichzeitig war den Neuendettelsauern bekannt, dass sich südlich von Windsbach SS-Einheiten befanden, die jeden mit der Hinrichtung drohten, der die weiße Fahne als Kapitulationssymbol hisste.


Nach längeren Diskussionen der Gemeindeverwaltung und dem Rektor der Diakonissenanstalt, Hans Lauerer, auch über die richtige Art der Kapitulation, sprich Verwendung der Rotkreuz-Fahnen oder weißer Fahnen, entschloss man sich in Neuendettelsau zur Kapitulation.
Dies wurde per Aushang und durch den Gemeindediener der Bevölkerung bekannt gegeben. An den Ortseingängen und den Türmen der beiden Kirchen wurden weiße Fahnen gehisst. Ein Angehöriger des Lazarettes des Schulhauses kletterte im nördlichen Kirchturm (55 Meter Höhe) zur höchsten Fensterebene und hing an einem Fichtenstamm befestigt ein Leinentuch aus dem Fenster, das weithin sichtbar war in Richtung der herannahenden US-Truppen.

Nun kam es zu einer besonderen Situation in Neuendettelsau. Offiziell hatte sich der Ort ergeben, doch die Amerikaner rückten erst am 21. April in Neuendettelsau ein. So war Neuendettelsau in diesen Tagen in einem ungewöhnlichen Zustand des Machtvakuums: Es hatte sich ergeben, war aber noch nicht besetzt.

45 Jahre später: Die Fahne wird gesichert


Über 45 Jahre später berichtete ein Neuendettelsauer Bürger, dass sich diese weiße Fahne noch im Turm der Laurentiuskirche befinden müsste. Kirchenschwester Erika Langenbuch, Schlosser Willi Wörrlein und Archivar Matthias Honold machten sich daraufhin auf die Suche – und tatsächlich ganz oben im Turm wurden sie fündig und bargen die Fahne für das Archiv, wo sie bis 2018 aufbewahrt wurde.


Neuendettelsauer Kapitulationsfahne Bergung
45 Jahre nach Kriegsende wurde die Neuendettelsauer Kapitulationsfahne geborgen: (v.li.: Archivar Matthias Honold, Kirchenschwester Erika Langenbuch, Schlosser Willi Wörrlein) © Mohr

Im Jahr 2004 veranstaltete das Haus der Bayerischen Geschichte aus Regensburg zusammen mit der Diakonie Neuendettelsau die große Wanderausstellung „Der unbekannte Riese. Geschichte der Diakonie in Bayern“. Für die Vorbereitung der Ausstellung wurden auch umfangreiche Forschungen im Neuendettelsauer Archiv der Diakonie getätigt. Im Zuge dieser Forschungen wurden die Wissenschaftler vom Haus der Bayerischen Geschichte auch auf die Fahne im Magazin aufmerksam, die allerdings noch keinen Platz in der Ausstellung fand.

Das Museum zur Bayerischen Geschichte in Regensburg entsteht


2008 spricht der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer über die mittelfristige Planung ein Museum zur Geschichte des bayerischen Staates zu errichten. Nach längeren Überlegungen und Bewerbungen vieler Städte für das Museum, wird Regensburg als zukünftiger Standort auserkoren. Direkt an der Donau soll das Museum in der alten Reichsstadt entstehen.
Nun beginnen die Vorbereitungen für die zukünftige Dauerausstellung im neuen Museum. In ganz Bayern und darüber hinaus werden Objekte gesucht und recherchiert, die dort später präsentiert werden sollen. Im Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg erinnert man sich an die weiße Kapitulationsfahne in Neuendettelsau und tritt an das Zentralarchiv heran.
Nach Rücksprache mit dem Vorstand und Direktorium der Diakonie Neuendettelsau wird zugestimmt, die Fahne als Dauerleihgabe dem Museum zu übergeben. Nach Restaurierungsarbeiten durch das Haus der Bayerischen Geschichte kam die Fahne nach Regensburg, wo sie in die Ausstellung integriert wurde.
Die Fahne ist Teil des Kapitels der Ausstellung, das sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit beschäftigt. Vor dem Hintergrund des zerstörten Nürnberg und einem Original-Jeep der amerikanischen Streitkräfte hat die Neuendettelsauer Fahne ihren Platz im Museum gefunden.

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Wo kann die weiße Fahne besichtigt werden?

 Die Neuendettelsauer Kapitulationsfahne hat ihren Platz im:
Haus der Bayerischen Geschichte, Regensburg

 

 



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