Vom Telekom-Beamten zum Helfer in der Altenpflege: Welche Einblicke erhält der 55-Jährige durch den Bundesfreiwilligendienst?

Ein Freiwilligendienst als Einstieg und Orientierung für das darauffolgende Berufsleben ist ein beliebter Weg, für den sich viele junge Männer und Frauen nach dem Schulabschluss entscheiden.
Einen Freiwilligendienst können aber auch Männer und Frauen ab 27 Jahren machen.
Thomas Grüner ist einer davon. Nach 35 Arbeitsjahren schnuppert er zum ersten Mal in den Beruf des Altenpflegers.
Amanda Marien hat ihn an seinem Einsatzort im Seniorenhof Bechhofen besucht und ihn unter anderem gefragt:

  • Warum hat er sich mit über 50 Jahren für einen Einsatz im Bundesfreiwilligendienst entscheiden?
  • Wie sieht sein Arbeitsalltag aus?
  • Welche Erfahrungen hat er als Mitarbeitender in der Altenhilfe gemacht?

Nathalie Meister ist als Referentin der Diakoneo Freiwilligendienste für die Betreuung von Thomas Grüner zuständig. Amanda Marien hat sie gefragt:

  • An wen richtet sich das Angebot des Bundesfreiwilligendienstes (BFD)?
  • Wann beginnt der Bundesfreiwilligendienst und welche Einsatzstellen gibt es?
  • Welchen Verdienst erhält man im Bundesfreiwilligendienst?

Einblicke in das Berufsfeld "Pflege" bekommen

Nach einem Armbruch kann Dora Volland nicht mehr alleine aufstehen. Thomas Grüner hilft ihr dabei. © Amanda Marien

Morgens um halb acht beginnt der Arbeitstag für Thomas Grüner. Seit einem halben Jahr arbeitet der 55-Jährige im Seniorenhof Bechhofen. Vorher war er 35 Jahre als Beamter für die Telekom tätig. Ein Beruf, bei dem er viel am PC gearbeitet, sich im Verwaltungsbereich mit der Planung der technischen Inneneinrichtungen oder im Logistikzentrum mit der Bearbeitung von Aufträgen beschäftigt hat. Jetzt hilft er den Bewohnerinnen und Bewohnern des Seniorenhofs beim Aufstehen, unterstützt sie bei der Körperpflege und begleitet sie im Alltag. Kurz nach seinem 55. Geburtstag hat er den Bundesfreiwilligendienst bei Diakoneo begonnen. Damit erhielt er Einblicke in einen Beruf, mit dem er vorher noch nie in Berührung gekommen war.

Thomas Grüner lebt in Bechhofen und gilt, mit einem Hörvermögen von 30 Prozent, seit seiner Geburt als hörgeschädigt. Deswegen machte er seine Mittlere Reife an dem damals bayernweit einzigen Internat für Gehörlose in München. Danach begann er eine Ausbildung bei der Telekom, die damals noch das Fernmeldeamt war, und blieb dort 35 Jahre lang. Kurz vor seinem 55. Geburtstag erfuhr er von der Möglichkeit, ohne Abschläge in den Ruhestand zu gehen. Die einzige Bedingung: Innerhalb von drei Jahren muss ein Bundesfreiwilligendienst geleistet werden.

„Das habe ich als Chance gesehen, ein Berufsfeld kennenzulernen, von dem ich bislang keine Ahnung hatte“, sagt er. „Da ich in Bechhofen wohne, hat sich der Seniorenhof dort gut angeboten“, erzählt er.

Damit begann seine Geschichte:

Als sich Thomas Grüner für den Bundesfreiwilligendienst entschied, nahm er Kontakt mit Dorina Dittmer, der Leiterin des Seniorenhofs Bechhofen auf. Sie ist seit der Eröffnung des Seniorenhofs dort als Altenpflegerin tätig und hat vor sechs Jahren die Leitung übernommen. Der Anfrage von Thomas Grüner stand sie von Anfang an positiv gegenüber. „Da wir in der Pflege immer Bedarf an Unterstützung haben, war es für uns klar, dass wir es zumindest versuchen. Und wie sich herausgestellt hat, hat alles gut geklappt. Thomas Grüner ist uns eine große Hilfe“, freut sie sich.

Einrichtungsleiterin Dorina Dittmer sieht in Thomas Grüner eine große Unterstützung für den Seniorenhof Bechhofen.

Durch seine offene Art weiß Thomas Grüner ganz genau, wer eine Suppe als Vorspeise möchte und wer nicht. Johannes Messelhäußer ist zum Beispiel kein Suppen-Fan und bekommt gleich die Hauptspeise.

Thomas Grüner arbeitet in Teilzeit an drei bis vier Tagen in der Woche von 7.30 bis 15 Uhr auf der Pflegestation II. Dort leben zwischen 20 und 23 Seniorinnen und Senioren. Manche von ihnen sind so pflegebedürftig, dass sie ihr Bett nur selten verlassen können. Durch seine offene Art kommt Grüner mit den meisten sehr gut zurecht. „Manchmal gibt es auch schwierige Bewohner, aber das ist ja normal“, sagt er.

„Erst als ich hier angefangen habe, habe ich verstanden was es bedeutet, einen Pflegeberuf zu erlernen“ – Thomas Grüner

Der Arbeitstag beginnt für ihn um 7.30 Uhr am Morgen. „Ich helfe den Bewohnern beim Aufstehen, bei der Körperpflege, beim Anziehen und begleite sie dann zum Frühstück“, erzählt er. Danach stehen für die Senioren unterschiedliche Angebote und Aktivitäten an. In dieser Zeit räumt Grüner den Frühstücksraum auf und überzieht die Betten der Senioren. Ab und zu wirft er auch einen Blick in die Zimmer der Senioren, die ihr Bett nicht selbst verlassen können. Vorsichtig klopft er an der Zimmertür von Dora Volland. Die ältere Dame hat sich vor kurzem den Arm gebrochen und kann jetzt nicht mehr alleine aufstehen. Still liegt sie im Bett und blickt aus dem Fenster. Als sie Thomas Grüner sieht, freut sie sich, denn wie Grüner erzählt, versteht sich die Senioren sehr gut mit ihm.

Ein Stockwerk weiter oben lebt Johannes Messelhäuser, der im Rollstuhl sitzt. Pünktlich zum Mittagessen bringen die Altenpfleger ihn nach unten in den Speiseraum. Dort ist es etwas eng, so dass Thomas Grüner sich vorher überlegen muss, an welchen Platz er Rollstuhlfahrer bringt. Er kennt die Vorlieben der Bewohner ganz genau und weiß, wer als Vorspeise eine Suppe will und wer nicht. „Nicht so leicht ist es aber bei Bewohnern, die über die Kurzzeitpflege zu uns kommen. Da muss ich dann nachfragen“, sagt er. Nach dem Mittagessen räumt er den Speisesaal auf und kümmert sich dann mit darum, dass die Senioren rechtzeitig zu Nachmittagsveranstaltungen oder individuellen Beschäftigungen fertig sind. Dann ist es schon fast Zeit für seinen Feierabend.

Ab elf Uhr gibt es im Seniorenhof Bechhofen das Mittagessen. Thomas Grüner hilft bei der Essensausgabe.

An den neuen Tagesablauf und seine Arbeit in der Altenpflege hat er sich erst nach ein paar Wochen gewöhnt. „Die Senioren sind sehr unterschiedlich, ob mit oder ohne Demenz. Wir müssen immer damit rechnen, dass es schwierige Situation gibt“, erzählt er. Mit den einzelnen Schicksalen kann er gut umgehen. „Ich lebe im Hier und Jetzt und versuche, nicht so viel mit nach Hause zu nehmen“, sagt er. Abgeschreckt hat ihn die Arbeit nicht. „Es funktioniert gut, deswegen bin ich auch hier geblieben. Wenn ich Fragen habe, sind die Kollegen auch immer für mich da.“

Eine von Thomas Grüners Aufgaben ist auch, das Bett der Senioren neu zu beziehen, wie hier bei Irmgard Hartl.

Seine Einstellung zu Pflegeberufen hat sich auch geändert: „Ich hab mir vorher eigentlich nie wirklich Gedanken gemacht. Jetzt weiß ich, was es bedeutet so einen Beruf zu erlernen und wie wichtig diese Arbeit ist“, betont er.

Die Möglichkeiten für Menschen über 27 Jahre bei Diakoneo

Nathalie Meister ist als Referentin der Diakoneo Freiwilligendienste für Thomas Grüner zuständig. 

Frage: An wen richtet sich das Angebot des Bundesfreiwilligendienstes (BFD)?

Nathalie Meister: Das Angebot des BFD richtet sich an alle Menschen in jeder Alters- und Lebensphase. Und ist dabei unabhängig von Vorkenntnissen, Schul-/Ausbildungsabschlüssen, Berufserfahrung oder Werdegang. Einzige Voraussetzung sind die neun Schulbesuchsjahre, die in Bayern ja Pflicht sind.

Frage: Wie ist das Angebot entstanden?

Nathalie Meister: Der Bundesfreiwilligendienst wurde 2011 als Nachfolgemodell für den Zivildienst ins Leben gerufen, da die Wehrpflicht und somit auch der Zivildienst damals abgeschafft wurden. So wollte man damit dem entstandenen Mangel an Zivildienstleistenden in den Einrichtungen entgegenwirken. Nach dem Gesetzgeber wird der BFD in den „BFD unter 27“ und „BFD über 27“ unterteilt. Der Dienst im BFD unter 27 wird in Vollzeit geleistet und ist nur in begründeten Ausnahmefällen in Teilzeit möglich. Der BFD über 27 hingegen kann in Voll-, aber auch in Teilzeit geleistet werden, je nachdem, was für den Bewerber/die Bewerberin in der jeweiligen Lebenssituation machbar ist. Minimum sind bei Diakoneo aber 21 Stunden in der Woche.

Frage: Wann beginnt der Bundesfreiwilligendienst und welche Einsatzstellen gibt es?

Nathalie Meister: Der BFD unter 27 beginnt bei Diakoneo im September jeden Jahres, gemeinsam mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr, das sich nur an Interessierte unter 27 richtet. Der Einstieg im BFD über 27 ist aber jederzeit möglich, sofern geeignete Stellen frei sind. Es sind momentan sieben Personen im BFD über 27 tätig, alles Quereinsteiger. Drei davon sind über 45 Jahre alt.

Die Bundesfreiwilligendienstleistenden können in ganz unterschiedlichen Einrichtungen von Diakoneo mitarbeiten. In Krankenhäusern oder Altenheimen, so wie Thomas Grüner, in Schulen, Kindertageseinrichtungen oder in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Manche Freiwillige arbeiten in der Pflege, andere in der Betreuung, wieder andere übernehmen Hausmeistertätigkeiten.

Frage: Welchen Verdienst erhält man im Bundesfreiwilligendienst?

Nathalie Meister: Bei uns bekommen die Freiwilligen einen festgelegten Betrag der sich aus Taschengeld, Verpflegungsgeld und Wohn-/Fahrtgeld zusammensetzt. Nähere Infos bekommen die Bewerberinnen und Bewerber von uns dann im Vorstellungsgespräch, in dem wir mit ihnen gemeinsam nach einer passenden Stelle für sie suchen, wenn sie selber noch keine gefunden haben.

Wie kann ich mich für ein FSJ oder den BFD bei Diakoneo bewerben?

Bewerbung per Mail:  freiwilligendienste@diakoneo.de 

Online-Bewerbung: www.sozial-tut-gut.de 


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